Kultur

Wer ist »Michelle«? Das Geheimnis um Israels ESC-Song

Könnte hinter dem Schmachtsong von Noam Bettan etwas anderes stecken, als eine Liebesgeschichte ohne Happy end? Foto: picture alliance / BEAUTIFUL SPORTS

Als Noam Bettan beim Finale der Eurovision auf der Bühne seinen Song »Michelle« schmetterte, hörten viele eine klassische Trennungsgeschichte: Ein Mann singt von einer Frau, die er trotz aller Gefühle loslassen muss. Doch schon kurz nach Israels zweitem Platz begann sich online eine andere Interpretation zu verbreiten: Michelle sei gar keine Frau – sondern Europa. Wenn das stimmt, dann erzählt der Song nicht von einer gescheiterten Liebe, sondern von der komplizierten Beziehung des jüdischen Volkes zu einem Kontinent, den viele lange als Heimat verstanden.

Bettan begann seinen Auftritt auf Hebräisch: »Mitpalel alajich, sch’tizki leehow«, singt er zu Beginn: »Ich bete für dich, dass du lieben lernen wirst.« Später folgt: »Bein dima l’dima, jesch mi schejischma« – »Zwischen einer Träne und der nächsten wird jemand zuhören.« Zunächst wirkt »Michelle« wie ein Lied über eine toxische Liebesbeziehung. Doch in sozialen Netzwerken und Kommentarspalten wurde aus diesen Zeilen schnell mehr.

Interpretation in den sozialen Medien verbreitet

Die Interpretation wurde auch durch einen Facebook-Beitrag der Initiative »Silent Walk for Israel against Antisemitism« verbreitet. Dort heißt es: »Michelle ist Europa. Und dies ist ein Lied über Europas missbräuchliche Beziehung zum jüdischen Volk.« Die zentrale Idee: Im Lied geht es um eine Verbindung, die von Nähe, aber auch Enttäuschung geprägt ist. »La reine des problèmes« – die Königin der Probleme – nennt Bettan Michelle an einer Stelle.

Der Beitrag spannt dabei einen historischen Bogen. Jüdische Gemeinschaften hätten über Jahrhunderte an die Versprechen Europas geglaubt, an Aufklärung, Fortschritt und gesellschaftliche Teilhabe. »Tu étais ma lumière« – »Du warst mein Licht.« Gleichzeitig erinnert die Interpretation daran, dass Europa auch Schauplatz von Pogromen und der Schoa wurde. Die Autoren ziehen auch die Verbindung zur Gegenwart: Antisemitismus verschwinde nicht einfach, sondern verändere seine Formen. In diesem Zusammenhang werden Boykottaufrufe gegen Israel und zunehmende Spannungen rund um jüdische Identität in Europa genannt.

Der ehemalige Sprecher von Premierminister Benjamin Netanjahu, Eylon Levy, brachte die Deutung auf Instagram in einem Satz auf den Punkt: »Michelle ist Europa – und dies ist ein Lied über Israels toxische Beziehung zu einem Kontinent, der ihm immer wieder das Herz bricht.« Unter seinem Beitrag reagierten zahlreiche Nutzer.

Ein Kommentator schrieb: »Eine großartige Interpretation. Es schien, als würde die Gründung des Staates Israel den Hass auf das jüdische Volk beenden, auf Menschen, die in der Diaspora als Minderheit lebten und als anders wahrgenommen wurden. Doch der Hass hörte nicht auf. Er veränderte sich nur und wurde zu einem tiefen Hass auf den Staat Israel und auf Juden.«

»Ich mochte das Lied ohnehin schon sehr, aber diese Sichtweise gibt ihm noch mehr Tiefe. Es ist traurig – aber auf eine gute Art.«

Eine weitere Nutzerin kommentierte: »Das ist eine beeindruckende Interpretation. Ich mochte das Lied ohnehin schon sehr, aber diese Sichtweise gibt ihm noch mehr Tiefe. Es ist traurig – aber auf eine gute Art.«

Bettans Eltern kamen aus Frankreich nach Israel

Bettans eigene Familiengeschichte macht die Interpretation für viele plausibel: Seine Eltern wanderten aus Grenoble in Frankreich nach Israel ein, zuvor lebte die Familie in Algerien. Bettan wurde in Israel geboren und wuchs in Ra’anana auf. In einem Interview erzählte er, dass er sich als Kind in seiner eigenen Familie manchmal fremd gefühlt habe, weil er als Einziger in Israel geboren wurde und Hebräisch seine erste Sprache war.

Auch deshalb fällt die sprachliche Struktur von »Michelle« auf. Das Lied wechselt zwischen Hebräisch, Französisch und Englisch. Es beginnt in der Sprache, mit der Bettan aufgewachsen ist, geht über in die Sprache seiner Eltern und wechselt später ins Englische. Mehrsprachigkeit ist in Israel weit verbreitet und zugleich Teil jüdischer Geschichte. Viele Familien vereinen unterschiedliche kulturelle und sprachliche Hintergründe.

Am Ende seines Auftritts kehrte Bettan zurück zum Hebräischen. Danach rief er auf der Bühne: »Am Israel chai« – »Das Volk Israel lebt.«

Geschichte bekommt eine weitere Wendung

Doch die Geschichte bekommt eine weitere Wendung. Denn während sich in sozialen Netzwerken die Michelle-Europa-Theorie verbreitete, versuchte eine Moderatorin in einem Interview mit dem israelischen Sender Kan dem Sänger selbst die Antwort zu entlocken: »Wer ist Michelle wirklich?«, fragte sie. Doch Bettan gab sich geheimnisvoll. »Michelle«, sagte er, sei eigentlich ein Codename. Jeder Mensch habe schon einmal eine Beziehung erlebt, romantisch oder freundschaftlich, in der etwas Toxisches mitschwang. Davon handele der Song.

Auch Quellen aus dem Umfeld der Produktion bestätigen, dass Michelle keine reale Person sein soll. Die Figur stehe vielmehr für eine unerfüllte Liebe und für den oft komplizierten Prozess persönlicher Entwicklung. Der Song handle von der Entscheidung, einen schmerzhaften Kreislauf zu durchbrechen.

Für manche bleibt »Michelle« eine Trennungsgeschichte zwischen Liebenden. Für andere ist es ein Song über Identität, Erinnerung und die Frage, wann man etwas loslassen muss – selbst wenn man ihm weiter verbunden bleibt. »Adieu, ma belle...«

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