Nahost

Verdrehte Moral

Jacques Schuster, Chefredakteur der WELT am Sonntag Foto: picture alliance / Geisler-Fotopress

Nahost

Verdrehte Moral

Es ist geradezu atemraubend, mit welcher Inbrunst das Opfer-Täter-Verhältnis hierzulande verkehrt wird, wenn es um Israels Reaktion auf islamistische Terrororganisationen geht

von Jacques Schuster  28.04.2026 21:57 Uhr Aktualisiert

»Nicht der Mörder, der Ermordete ist schuldig.« Dieser Satz ist nicht nur der Titel einer noch immer höchst lesenswerten Novelle von Franz Werfel, er könnte auch die Überschrift zu einem Artikel über Europas Beziehung zu Israel sein.

Es ist geradezu atemberaubend, mit welcher Inbrunst das Opfer-Täter-Verhältnis hierzulande verdreht wird, wenn es um Israels Feldzug gegen die Hisbollah im Libanon geht. Dass es die schiitische Terrororganisation gewesen ist, die Israel gleich nach Beginn des Iran-Kriegs angegriffen hat, dass ihre Raketen den Norden des jüdischen Staates attackiert haben, dass jeder Staat das Recht auf Selbstverteidigung hat, all diese Argumente werden im Furor teutonicus vom Tisch gewischt.

Geteilte Schuld ist halbe Schuld

Wie würden wohl die Deutschen reagieren, wenn ihr Land Tag für Tag, jahrein, jahraus von einer Terrorgruppe derart tyrannisiert wird, dass ganze Landesteile evakuiert werden müssen? So geschehen in Israel. Dergleichen kümmert kaum einen deutschen Zeitgenossen. Lieber berauscht man sich am Vorwurf des Völkermords.

In fast jedem Beitrag wird das Wort schaurig-lustvoll gesetzt, so als habe man die Nachkommen der Holocaust-Opfer endlich am Schlafittchen gepackt; als ob Auschwitz eine Lehranstalt für gutes Benehmen gewesen wäre und seine Insassen die Lektion vergessen hätten. Der Vorwurf, das Völkerrecht zu brechen, verweist in seiner Wildheit – Freud lässt grüßen! – überdies auf das Unbewusste jener Eiferer: Endlich sind nicht allein die deutschen Urgroßeltern Kriegsverbrecher, sondern auch die Nachkommen ihrer Opfer. Geteilte Schuld ist halbe Schuld.

Ob die Israelis Kriegsverbrechen im Libanon begehen, ist fraglich. Israel setzt im nördlichen Nachbarstaat um, was die UN-Resolution 1701 seit August 2006 vorschreibt: die Entwaffnung der Hisbollah und die Entmilitarisierung des südlichen Libanon bis zum Litani-Fluss. Keine Macht dieser Welt hat dergleichen in den vergangenen 20 Jahren in Angriff genommen – kaum ein Kommentator hierzulande hat sich darüber erregt.

Vielmehr gingen sie großzügig darüber hinweg, dass in den vergangenen zwei Jahrzehnten die Hisbollah immer umfangreichere Waffenarsenale anlegte und diese gegen Israel nutzte. Für die Europäer gibt es noch immer zwei Arten von Toten: diejenigen, deren Ende man beklagt (Araber), und diejenigen, die ihren Tod verdient haben (Israelis).

Jeder Staat hat das Recht auf Selbstverteidigung. Nur Israel wird verwehrt, sich zu schützen.

Darf Israel überhaupt in den Libanon eindringen? Israel wurde angegriffen: Seither zerstört seine Armee Hisbollah-Strukturen und schneidet dem Gegner die Versorgungswege ab, indem sie Brücken und Häuser sprengt. Mit dem Einmarsch folgt Israel nicht nur dem Völkerrecht, sondern auch den Regeln seiner Staatsräson und der Geografie. Das Land ist etwa so groß wie Hessen. Es besitzt keine Maginot-Linie. Angesichts dieser Tatsache darf es nicht einmal in Friedenszeiten leichtsinnig sein. Genauer: Es muss den Mangel jeglicher Rückzugsräume durch Offensiven ersetzen – im Kriegsfall selbst im libanesischen Grenzland.

Israels Armee geht dabei professionell vor. Kriegsverbrechen an der libanesischen Zivilbevölkerung hat sie nicht begangen. Andersherum verheizt die Führung auch nicht ihre eigenen Soldaten. Auch hier gilt Israels Staatsräson. Diese formulierte der hohe Mossad-Offizier und legendäre Kommandeur der »Exodus«, Yossi Har’el, bereits 1948: »Zehn Monate sind nötig, um ein Schiff zu fertigen, einen Monat dauert es, einen Panzer zu bauen, zwei Tage werden für ein Maschinengewehr benötigt, ein halber für die Produktion eines Gewehrs und nur wenige Minuten für eine Patrone. Aber 18 Jahre sind nötig, um einen Soldaten zu schaffen.«

Israel folgert daraus: Das Land mit seinen rund zehn Millionen Einwohnern ist zu klein, um militärische Abenteuer zu begehen. Es geht ihm darum, konkrete Bedrohungen auszuschalten. Der Iran und die Hisbollah sind eine solche Bedrohung. Bisher hat der Krieg Israel rund 16 Milliarden US-Dollar gekostet – eine unglaubliche Summe für einen Staat, der mit etwa 300 Milliarden US-Dollar verschuldet ist. Ein solches Land zieht nicht leichtfertig in den Krieg. Wenn eine kleine Nation in einem kleinen Land ihn dennoch beginnen muss, dann stets im Bewusstsein, niemals eine zweite Chance zu bekommen.

Die Europäer im Allgemeinen, die Deutschen im Besonderen scheren sich darum nicht. Dementsprechend ist ihre Politik. Sie wiederum bestärkt das Empfinden der Juden im jüdischen Staat.

Seit 1948 erleben die Israelis ein Wechselbad der Gefühle, wenn sie auf Europa schauen. Europa ist für viele eine Wiege der jüdischen Kultur: 2000 Jahre hatten ihre Mütter und Väter dort gelebt. In ihren Herzen mischen sich Hass und eine verschämte Liebe zu dem Kontinent, der sie seit Urzeiten gemordet hat und der sie nun anklagt.

Mal überwiegt das eine, mal das andere. Heute herrscht eine breiter werdende Verachtung gegenüber einem Kontinent, der voller Vorurteile auf den jüdischen Staat blickt. Gleichgültig, wie gut oder schlecht dessen Regierung ist.

Der Autor ist Chefredakteur der »Welt am Sonntag«.

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