Porträt

Verehrt und verachtet

Stratege, Taktiker, Getriebener: Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu (75) Foto: Flash 90

Eine Frau verkörpert das ambivalente Verhältnis der Israelis zu ihrem Premierminister Benjamin Netanjahu wie kaum eine andere: Einav Zangauker. Klassische Likud-Wählerin, Sefardin, Reinigungskraft aus der ärmlichen Stadt Ofakim im Süden des Landes, Mutter der Geisel Matan Zangauker. Einst verehrte sie Netanjahu, heute verachtet sie ihn.

»Ich hing an seinen Lippen, wenn er Reden hielt, sog seine Worte förmlich in mich auf«, sagte die 46-Jährige kürzlich in einem Interview. Doch die Tatsache, dass ihr Sohn noch immer in der Gewalt der Hamas ist, habe ihr die Augen geöffnet. Sie macht Netanjahu persönlich dafür verantwortlich. »Ich werde Sie verfolgen, wenn mein Matan in einem Leichensack nach Hause kommt«, drohte sie dem Premier. »Ich, Einav Zangauker aus Ofakim, werde Ihr größter Albtraum sein.«

Andere hingegen sehen Netanjahu nach wie vor als ihren Helden. Als er nach dem tödlichen Einschlag einer iranischen Rakete Mitte Juni die Stadt Bat Yam besuchte, wo neun Menschen ums Leben kamen, bejubelten ihn zahlreiche Anwohner.

Der Tod des Bruders war ein einschneidendes Ereignis im Leben des jungen Benjamin Netanjahu

Benjamin Netanjahu wurde am 21. Oktober 1949 in Tel Aviv in eine säkulare Familie hineingeboren. Vater Benzion, Professor für jüdische Geschichte, war Anhänger einer revisionistischen Version des Zionismus. Benjamins älterer Bruder Yoni kam 1976 als Leiter des Kommandos für die Geiselbefreiung in Entebbe ums Leben. Ein einschneidendes Ereignis im Leben des jungen Benjamin Netanjahu, das ihn stark beeinflusste. Er diente in derselben Elite-Kampfeinheit wie sein Bruder, studierte am renommierten Massachusetts Institute of Technology und schloss mit einem Master in Wirtschaftswissenschaften ab. Verheiratet ist er in dritter Ehe mit Sara, einer Kinderpsychologin, mit der er zwei erwachsene Söhne hat, Yair und Avner. Aus seiner ersten Ehe stammt die Tochter Noa, die heute ultraorthodox lebt.

Nach dem Schlag gegen die Mullahs applaudierten selbst seine unerbittlichen Gegner.

1993 übernahm Netanjahu den Vorsitz des Likud und wurde drei Jahre später im Alter von 46 Jahren als bislang jüngster Kandidat erstmals Premierminister. 1999 schlug ihn Ehud Barak. Netanjahu zog sich zurück in die Privatwirtschaft. Doch sein einstiger Mentor, Ariel Scharon, überzeugte ihn, nach Jerusalem zurückzukehren. Nachdem Scharon eine neue Partei gegründet hatte, übernahm Netanjahu erneut den Vorsitz des Likud und wurde 2009 zum zweiten Mal Premierminister. Mit Ausnahme der einjährigen Einheitsregierung von Naftali Bennett hat er das Amt bis heute ununterbrochen inne. Im Jahr 2019 überholte er Staatsgründer David Ben Gurion und wurde damit zum am längsten amtierenden Premierminister Israels.

»Bibi HaMelech«: »König Bibi« für seine Anhänger

Bis heute dominiert er die politische Landschaft Israels wie kein anderer. Seine Anhänger sind »Bibi HaMelech«, ihrem »König Bibi«, treu ergeben. Es ist ein Ausdruck jahrzehntelanger und tiefer Verehrung seiner Wähler, die sich nicht vorstellen können, ihre Stimme jemals einem anderen zu geben.

Doch auch jene, die ihn ablehnen, müssen ihm zugestehen, dass er ein Meister der Strategie und Rhetorik ist. Seine Ränke treibe er allerdings auf Kosten der israelischen Gesellschaft, meinen sie. Er schüre geschickt Emotionen und beschwöre die Dämonen ethnischer Konflikte sowie tief sitzende Ängste herauf. Netanjahu, der Aschkenase, ist zum Helden der sich lange schon benachteiligt fühlenden Sefarden geworden.

Es ist kein Geheimnis, dass seine politischen Bemühungen der vergangenen Jahre auch von persönlichen Bedürfnissen geleitet waren: einer Verurteilung zu entgehen, an der Macht zu bleiben und sich und seine Familie zu schützen. Besonders übel nehmen ihm viele die unheilige Allianz mit den rechtsextremen Parteien Otzma Yehudit und Religiöser Zionismus von Ita­mar Ben-Gvir und Bezalel Smotrich. Und dass er den maßlosen Forderungen der Charedim nach immer mehr Geld und einer Befreiung vom Militärdienst nachgibt.

Verachtung erstreckt sich auf seine enge Familie, insbesondere auf seine Frau Sara und den Sohn Yair

Kein israelischer Politiker wurde jemals so verehrt und ist gleichsam so verhasst wie Benjamin Netanjahu. Diese Verachtung erstreckt sich auf seine enge Familie, insbesondere seine Frau Sara und den Sohn Yair. Saras vermeintliche Extravaganz und ihre kontroversen öffentlichen Äußerungen stoßen viele Israelis ab. Nicht wenige bezeichnen Netanjahu gar als »Marionette« der beiden. Sie gelten als seine engsten Berater, es heißt, sie entschieden sogar oft über die Geschicke des kleinen Nahoststaates.

Seit Jahren läuft gegen den Premier ein Korruptionsprozess. Es geht um Kisten voller Zigarren, roséfarbenem Champagner und Juwelen für seine Gattin sowie um versuchte Einflussnahme in die Berichterstattung der israelischen Medien, um sein öffentliches Image zu verbessern. In drei Fällen ist er wegen Betrugs, Veruntreuung und Bestechlichkeit angeklagt. Dass er gemeinsam mit seiner Regierungskoalition die Justiz (und die Medienlandschaft) des Landes umbauen will, sorgte seit Anfang 2023 für Demonstrationen Hunderttausender Israelis, die ihm vorwerfen, die einzige Demokratie des Nahen Ostens von innen zu gefährden, was der Premier bestreitet.

Lange galt Netanjahu vor allem als kluger Diplomat, der Konflikte eher eindämmte, statt sie eskalieren zu lassen. 2020 unterzeichnete er die Abraham-Abkommen – ein diplomatischer Meilenstein, mit dem Israel, die Vereinigten Arabischen Emirate und Bahrain Frieden schlossen. Später folgten auch Marokko und der Sudan. Ein historischer Schritt, der ihm weltweit Anerkennung einbrachte. »Das ist erst der Anfang«, verkündete Netanjahu damals.

Der verheerende 7. Oktober 2023 veränderte die israelische Psyche grundlegend

Doch der verheerende 7. Oktober 2023 veränderte die israelische Psyche grundlegend und damit auch die Aufgaben des Regierungschefs. An diesem Tag verübte die Terrororganisation Hamas im Süden des Landes das schlimmste Massaker in der Geschichte des Landes: Mehr als 1200 Menschen wurden ermordet, 251 weitere in den Gazastreifen verschleppt. Plötzlich ging es ums Überleben – um die Führung eines Krieges, der als existenziell galt. Netanjahu, der clevere Politiker, errang dabei entscheidende militärische Erfolge: Die Hamas im Gazastreifen wurde deutlich geschwächt, der Hisbollah im Libanon erheblicher Schaden zugefügt. Ein Szenario, das den Nahen Osten grundlegend neu ordnete und Frieden mit Feinden, Israels Nachbarn Libanon und Syrien, schon bald möglich machen könnte.

Im Hintergrund spielte stets der Iran die Hauptrolle. Das Regime in Teheran, das die Vernichtung Israels zur Staatsdoktrin erhoben hat, wurde zu Netanjahus Erzfeind. Die Israelis gaben ihm den Spitznamen »Bibi Bitachon« – Bibi, der Garant für Sicherheit. Ein Titel, den er sich letztlich selbst zuschrieb. »Nur ich allein bin in der Lage, das Land zu führen«, sagte er immer wieder. Seit dem 7. Oktober 2023 zweifeln jedoch die meisten daran. Denn an jenem Schabbat war Netanjahu Ministerpräsident. Und nicht erst an diesem Morgen. Er führte die 37. Regierung bereits seit dem 29. Dezember 2022. Und doch will er keine Verantwortung für Versäumnisse übernehmen.

Stattdessen stellt er eine Regel auf: Was falsch lief und die Massaker der Hamas möglich machte, werde erst nach dem Krieg untersucht. Während der Kämpfe gegen den Terror dürfe niemand die Moral der Nation untergraben, betonte er immer wieder – und brach seine eigene Vorgabe eines Nachts um 1.10 Uhr. Bei X tat er kund, was er wirklich fühlt: Armee und Geheimdienste allein trügen die Schuld an dem Desaster, er indes sei ahnungslos gewesen. Der Krieg in Gaza dauert bis heute an.

Schon oft wurde Benjamin Netanjahu politisch abgeschrieben – doch jedes Mal gelang es ihm, das Ruder im letzten Moment herumzureißen. Viele sind überzeugt, dass er die gegenwärtige Krise als weitere Herausforderung sieht, die er aussitzen kann. Tatsächlich hat er nach dem 7. Oktober mehrfach betont, er werde »Israel in die Zukunft führen und das Land retten«.

Denn aus seiner Sicht hat er die Verantwortung für etwas viel Größeres übernommen: die Existenz Israels. Im Juni überraschte er das Mullah-Regime in Teheran und die ganze Welt, als die Armee einen beispiellosen Angriff auf das iranische Atomprogramm und dessen Militäranlagen flog – und die USA überzeugte, sich an den Kämpfen zu beteiligen. Selbst unerbittliche Gegner applaudierten. Netanjahu bewies einmal mehr, welch ausgeklügelter Stratege er ist.

Nun fragen sich viele, ob es ihm gelingt, die militärischen Siege in einen politischen Erfolg zu verwandeln, indem er das neu erwachte Gefühl von Nationalstolz und Sicherheit für sich nutzt. Große Worte hat er parat: Den Sieg über den Iran – von der überwältigenden Mehrheit der Israelis unterstützt – nannte er ein »göttliches Wunder«.

Viele Israelis haben genug von Filz und Eigennutz

Und doch zeigen jüngste Umfragen: Die derzeitige Koalition würde keine Mehrheit erzielen, fände heute eine Wahl statt. Das Misstrauen in der Bevölkerung ist tief und hartnäckig. Viele haben genug von Filz und Eigennutz nach all den Jahren. Die Kluft zwischen strategischem Erfolg in den Kriegen und politischem Rückhalt wächst – ein Zeichen für die zunehmende Ermüdung eines großen Teils der Öffentlichkeit und dem Wunsch nach einem Führungswechsel.

»Ich werde Sie verfolgen, wenn mein Sohn Matan in einem Leichensack nach Hause kommt.«

Einav Zangauker, mutter einer geisel

Doch es wäre nicht Netanjahu, hätte er nicht noch ein Ass im Ärmel. Dieser Tage wird in Jerusalem spekuliert, dass er einen Deal in seinem Prozess machen und sich aus der israelischen Politik verabschieden könnte. Es wäre eine Chance, sein kontroverses Vermächtnis neu zu gestalten: vom bedrängten Regierungschef, der seine Koalition nicht unter Kontrolle hat, zum siegreichen Premier in Kriegszeiten, der sich zum Wohle der Nation zurückzieht. Gute Fürsprecher hat er allemal. US-Präsident Donald Trump wetterte unlängst, diese »Hexenjagd« müsse endlich aufhören.

Israels Premierminister ist vielen ein Rätsel. Trotz Skandalen, Prozessen und verlorenen Wahlen schaffte er es 17 Jahre lang, sich an der Macht zu halten. »Wie gelingt ihm das?«, fragen sich viele. »Tachbulan!«, antworten die Israelis. Ein gerissener Player, ein durchtriebener Macher, der die einen gegen die anderen ausspiele – und dann wieder umgekehrt. Während die Beteiligten schwindelig zurückbleiben, lächelt er aalglatt in die Fernsehkameras und erklärt der Welt – die Welt eben. Seine politische Karriere ist eine Achterbahnfahrt aus Triumphen und Kontroversen, ganz sicher: ein Beweis für seine Fähigkeit, sich immer wieder geschickt der sich rasant ändernden Stimmungslage des Nahen Ostens anzupassen.

Er ist das Zentrum, er hat das letzte Wort

Zweifelsohne ist Netanjahu der mächtigste Mann in Israel, wahrscheinlich sogar in der gesamten Region. Er ist das Zentrum, er hat das letzte Wort. Auch bei den Verhandlungen um einen Waffenstillstand in Gaza und wahrscheinlich sogar bei der Entscheidung, welche Geiseln bei einem Deal in die Freiheit entlassen werden und wer in den Terrortunneln der Hamas zurückbleiben muss.

Das weiß auch die Mutter von Matan Zangauker. Während ein möglicher neuer Deal Schlagzeilen machte, fuhr Netanjahu in den geschundenen Kibbuz Nir Oz. Es war das erste Mal nach 636 Tagen. Einav Zangauker war auch da. Sie lächelte – und ließ sich von Netanjahu in den Arm nehmen. Aus diesem Kibbuz wurde ihr geliebter Sohn am 7. Oktober 2023 verschleppt. Er ist inzwischen 26 Jahre alt. Seine Mutter wartet noch immer auf ihn.

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