Terror

Teheran schwört Rache

Trauerfeier für Hassan Sayyad Khodaei: Das iranische Regime macht Israel für den Tod des Offiziers der Revolutionsgarden verantwortlich. Foto: picture alliance / Pacific Press

Nicht nur rät Israel von Reisen in die Türkei ab – jetzt werden Staatsangehörige sogar direkt zurück in die Heimat gerufen. Zuvor hatte Israels Nationaler Sicherheitsrat (NSC) eine öffentliche Reisewarnung für das Land am Bosporus herausgegeben. Es bestehe eine »konkrete Bedrohung für Israelis durch iranische Terroragenten dort und in nahe gelegenen Ländern«.

Mehr als 100 israelische Bürger, die sich in der Türkei befinden, wurden von den Behörden informiert, dass sie im Fadenkreuz des Iran seien, und aufgefordert, nach Israel zurückzukehren. Die Gefahr sei »unmittelbar«. Es gebe eine iranische Infrastruktur, die geplant habe, jetzt zu handeln, um Israelis zu kidnappen und zu ermorden.

Die Reisewarnung erfolgt inmitten der diplomatischen Bemühungen des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan, die Verbindung zu Israel zu verbessern. Präsident Isaac Herzog war jüngst zu einem offiziellen Besuch nach Ankara gereist, Außenminister Yair Lapid hatte in der vergangenen Woche seinen türkischen Amtskollegen in Jerusalem empfangen. Experten gehen jedoch nicht davon aus, dass die Warnungen an die Israelis vor Reisen in die Türkei den noch fragilen Beziehungen schaden werden.

Besorgnis Doch diese Warnungen seien sehr ernst, so der NSC. Nach dessen Angaben habe es in den vergangenen Wochen »mehrere Versuche« iranischer Agenten gegeben, israelische Geschäftsleute und Konsulatsmitarbeiter anzugreifen, was jedoch vom Auslandsgeheimdienst Mossad vereitelt wurde.

Nach diesen Fehlschlägen weite der Iran sein Ziel nun auf gewöhnliche Israelis in der Türkei aus, sind die Sicherheitsexperten überzeugt: »Seit einigen Wochen, doch vor allem, seit der Iran Israel für den Tod des Offiziers der Revolutionsgarden verantwortlich gemacht hat, wächst die Besorgnis im Verteidigungsministerium über iranische Versuche, israelischen Zielen auf der ganzen Welt Schaden zuzufügen.«

Die Reisewarnung erfolgt inmitten der diplomatischen Bemühungen des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan, die Verbindung zu Israel zu verbessern.

Die befürchtete iranische Verschwörung hält Jerusalem für eine Reaktion auf die Ermordung eines Offiziers in der vergangenen Woche. Diese schreibt das Regime in Teheran Israel zu. Hassan Sayyad Khodaei, ein hochrangiges Mitglied der Quds Force der iranischen Revolutionsgarden, war vor seinem Haus in Teheran erschossen worden – am helllichten Tag.

Obwohl sich die Tat im Herzen einer der sichersten Gegenden Teherans ereignete, der Mohahedin-e Eslam-Straße, wo viele hochrangige Beamte und Elite-Offiziere wohnen, haben die iranischen Behörden Medienberichten zufolge noch keinen Verdächtigen ausfindig gemacht.

Die staatliche iranische Nachrichtenagentur Tasnim hatte veröffentlicht, dass zwei Angreifer auf einem Motorrad fünf Schüsse auf Khodaei abgegeben hatten, als der in seinem Auto saß. Die Berichte identifizieren Khodaei nur als »Verteidiger des heiligen Schreins«, ein Hinweis auf iranische Berater und Militärangehörige der Eliteeinheit der Quds-Truppe. Die Erschießung war die spektakulärste Tötung eines Top-Beamten im Iran seit dem Mord an dem führenden Nuklearwissenschaftler Mohsen Fakhrizadeh im November 2020.

Drahtzieher Hossein Salami, Chef der iranischen Revolutionsgarden, gelobte kurz nach Khodaeis Mord Rache. Während eines Beileidsbesuchs bei der Familie sagte er: »Der Feind hatte ihn jahrelang verfolgt, vom Weißen Haus bis nach Tel Aviv.« Er fügte hinzu, dass Khodaei, der an der Spitze der Quds-Truppe 840 stand, nun weltberühmt sei, nachdem sein Dienst im Geheimen geleistet worden sei. »Wen auch immer die Zionisten töten, der steigt auf in eine höhere Ebene, weil seine Mörder die schlimmsten Menschen sind«, wetterte Salami noch.

Verschiedenen Medienberichten zufolge habe Khodaei Entführungen und Ermordungen von Israelis und Juden auf der ganzen Welt geplant. Er sei zudem Drahtzieher hinter einem Autobombenanschlag im Jahr 2012 gewesen. Der hatte auf einen israelischen Diplomaten in Neu-Delhi abgezielt, jedoch dessen Ehefrau schwer verletzt. Außerdem sei Khodaei an einer verpfuschten Operation in Thailand beteiligt gewesen, die sich gegen israelische Diplomaten richtete.

»Es gibt eine iranische Infrastruktur, die geplant hat, jetzt zu handeln.«

Israels Nationaler Sicherheitsrat

In der vergangenen Woche hatten verschiedene Sicherheitsvorfälle den Iran erschüttert, darunter neben der Ermordung des Offiziers auch ein Angriff auf den sensiblen Militärstandort Parchin, wo Atom- und andere Hightech-Waffen entwickelt werden sollen. Während niemand offiziell die Verantwortung für die Vorfälle übernommen hat, berichtete die »New York Times«, dass Israel Washington über seine Operation informiert habe, Khodaei auszuschalten.

Israel seinerseits bezeichnete das Leck als Vertrauensbruch zwischen den Ländern, die in Sicherheits- und Geheimdienstfragen eng zusammenarbeiten, und warnte davor, dass Israelis im Zuge dessen der Gefahr iranischer Rache ausgesetzt sein könnten.

Beweise Einige Tage zuvor war Verteidigungsminister Benny Gantz in die USA gereist, um mit seinem amerikanischen Amtskollegen Lloyd Austin über die nukleare Bedrohung durch den Iran zu sprechen. Die beiden erörterten neben den destabilisierenden Aktivitäten in der Region auch den Fortschritt des Iran bei seinem Nuklearprogramm und betonten die »Notwendigkeit einer engen Zusammenarbeit, um sich auf zukünftige Szenarien vorzubereiten«.

Am vergangenen Mittwoch kommentierte Premierminister Naftali Bennett »die neuen Beweise, die die systematische Täuschung« der Internationalen Atomenergieorganisation (IAEO) durch den Iran seit 20 Jahren aufdecken. Wie das »Wall Street Journal« schreibt, habe sich der Iran vor fast zwei Jahrzehnten Zugang zu geheimen Berichten der Atombehörde der Vereinten Nationen verschafft und diese unter Top-Beamten verteilt, die dann Tarngeschichten verfassten und Aufzeichnungen fälschten, um Arbeiten an Atomwaffen zu verbergen.

»Diese Aufdeckung des systematischen Programms des Iran zur Täuschung der IAEO ist ein Weckruf an die Welt. Es ist ein weiterer Beweis für die Bemühungen des Iran, in Richtung Atomwaffen voranzukommen. Die systematische Politik des Betrugs, des Diebstahls und der Verschleierung von Beweismitteln durch den Iran sollte nun in den Augen der internationalen Gemeinschaft zu einer endgültigen Tatsache werden.« Angesichts dessen sei es an der Zeit, dass der IAEO-Gouverneursrat eine klare Botschaft an das Regime in Teheran richtet, meint Bennett: »Genug ist genug!«

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