Politik

Teheran in Tel Aviv

An der Remezstraße 17, Ecke David-Yellin-Straße findet sich ein fast 50 Jahre währendes juristisches Kuriosum. Foto: Sabine Brandes

Ein Mann hat es sich mit einem Kaffee im Pappbecher auf der Parkbank gemütlich gemacht. Im Herzen von Tel Aviv in einem hübschen, eher unscheinbaren Park mit Spielplatz an der Remezstraße 17, Ecke David-Yellin-Straße. »Wissen Sie, dass Sie eigentlich gerade in Teheran sind?« Der Mann prustet fast seinen Kaffee aus und schaut sich um. »Ähm, nein. Das hier ist doch Tel Aviv!« Natürlich ist es das. Aber …

Es gab einmal eine Zeit, in der Iran und Israel keine erbitterten Gegner waren. In den 50er- bis 70er-Jahren bestanden enge, wenn auch diskrete Beziehungen. Israel bezog Öl aus dem Iran, die Geheimdienste arbeiteten zusammen. Im Mai 1972 traf Premierministerin Golda Meir Schah Mohammad Reza Pahlavi. »Was hältst du von meiner Affäre mit dem Schah? Ich finde sie großartig«, schrieb Meir danach an Moshe Dayan, ihren Verteidigungsminister. Ein Satz, der heute wie aus einer anderen Welt klingt.

»Ich wünschte, der Iran würde hier tatsächlich eines Tages seine Botschaft bauen.«

Doch die Nähe war nicht nur politisch, sie wurde ganz konkret. Und zwar zentral gelegen, nahe dem Herzliya-Gymnasium und dem Kikar Ha’Medina – mit seinen Luxusboutiquen ist es heute eine der teuersten Gegenden der Stadt.

Abbruch der diplomatischen Beziehungen

»In den 70er-Jahren erwarb der Iran ein Grundstück in Tel Aviv, um dort die iranische Botschaft in Israel zu errichten. Im Laufe der Jahre wurde das Gelände zu einem öffentlichen Park und befindet sich bis heute im Besitz der iranischen Regierung«, erklärt die Tel Aviver Stadtverwaltung in einer Stellungnahme. »Israelische Bedenken bezüglich des Grundstücks konnten damals nicht mehr berücksichtigt werden, da 1979 die Khomeini-Revolution im Iran stattfand, die zum Abbruch der diplomatischen Beziehungen zwischen den beiden Ländern führte.«

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Offensichtlich wurde mit dem Bau eines Gebäudes nie begonnen. Nach dem abrupten Abbruch aller Beziehungen habe das israelische Außenministerium vorläufig die Einrichtung des Parks genehmigt, »bis die diplomatischen Beziehungen zum Iran wiederhergestellt sind«, fügt die Stadtverwaltung noch hinzu. Geblieben ist ein juristisches Kuriosum. Nach dem Wiener Übereinkommen über diplomatische Beziehungen von 1961 ist Israel verpflichtet, diplomatische Liegenschaften fremder Staaten zu achten und zu schützen, selbst dann, wenn keine Beziehungen bestehen. Das Grundstück gehört also bis heute dem Iran. Israel darf es nicht bebauen, nicht verkaufen, nicht offiziell umwidmen.

Lange lag das Gelände brach, verwahrlost, politisch blockiert. Erst Mitte der 80er-Jahre wandte sich der damalige Bürgermeister Shlomo Lahat an die israelische Bodenverwaltung.

Auf diesem Fleckchen Erde im Iran und nicht in Israel

1987 erhielt die Stadt Tel Aviv-Jaffa die Genehmigung, das Areal vorübergehend in einen Park umzuwandeln, provisorisch, ohne Namen. So wissen nur die wenigsten Städter, dass sie sich – wenn auch nur theoretisch – auf diesem Fleckchen Erde im Iran und nicht in Israel befinden.

Ein Garten, in dem große Weltpolitik im Boden steckt. Währenddessen ist das Schicksal der persischen Hirsche in Jerusalem in der Bevölkerung besser bekannt. Elegant und scheu streifen sie in den Hügeln der Hauptstadt durch Parks und Randgebiete. Fotos von Spaziergängern neben imposanten Geweihträgern gehen viral. Doch die Hirsche sind mehr als ein Fotomotiv. Sie tragen eine Geschichte mit sich, die Politik, Naturschutz und historische Zufälle verbindet.

Der Persische Damhirsch (Dama mesopotamica) – eine einst im Nahen Osten weit verbreitete Art, die im frühen 20. Jahrhundert in der Region aufgrund intensiver Bejagung, Landwirtschaft und Lebensraumzerstörung als ausgerottet galt – tauchte in den 50er-Jahren überraschend als kleines Restvorkommen im Südwesten des Iran wieder auf.

Am Vorabend der Islamischen Revolution

Und hier beginnt der erstaunlichste Teil dieser Geschichte: Im Dezember 1978, also am Vorabend der Islamischen Revolution, wurden vier weibliche Persische Damhirsche aus dem Iran nach Israel geflogen. Dort wurden sie mit bereits zuvor angekommenen Männchen verpaart. Um diese »Gründertiere« kümmerte sich seitdem die Natur- und Parkbehörde.

1987 erhielt die Stadt Tel Aviv-Jaffa die Genehmigung, das Areal vorübergehend in einen Park umzuwandeln.

Die Legende, dass die Hirschkühe mit dem letzten EL-AL-Flug aus Teheran ausgeflogen wurden, klingt wie ein Film-Plot. Ob diese Version des letzten Flugs in jedem Detail stimmt, lässt sich nicht nachprüfen.

Fakt aber ist, dass die Tiere genau zu diesem historischen Zeitpunkt in Israel ankamen, als der Iran geopolitisch seine Pforten schloss. Ab 1996 begann man, die Hirsche in die freie Natur zu entlassen. Deshalb gibt es heute Hunderte Persische Damhirsche in Israel.

Zurück in Tel Aviv spielen Kinder auf dem Klettergerüst, drehen Hundebesitzer ihre Runden in dem kleinen öffentlichen Park, der eigentlich einem feindlichen Staat gehört. Anwohner sitzen unter schattigen Bäumen und plaudern miteinander.

Wie der Mann mit dem Kaffee, der dann sagt: »Ich wohne um die Ecke und wünschte, der Iran würde hier tatsächlich eines Tages seine Botschaft bauen. Ich muss mir dann zwar eine andere Parkbank suchen, aber für diese rosigen Aussichten tue ich das gern.«

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