Brauereien

Tanzende Kamele

Lechaim: Frisch gebrautes und gezapftes Bier im »Brew House« am Rothschild Boulevard in Tel Aviv. Foto: Stephan Pramme

Bierpuristen dürften allein schon bei den Namen eine Gänsehaut bekommen. Sie heißen »Golem«, »Six-Thirteen 5768 Granatapfel-Ale« oder »Leche Del Diabolo«, ein Gebräu, das nur an jedem Freitag, den 13., gebraut wird und Chili enthält. Und sie sind der neue Hype auf dem israelischen Biermarkt. »Viele haben die gängigen Sorten einfach satt«, sagt David Cohen. »Genau deshalb greifen sie immer öfter zu sogenannten Boutique-Bieren.«

Davon profitiert auch Cohen, der mit seiner Mikrobrauerei Dancing Camel einer der Begründer dieses Trends ist. Vor vier Jahren fing der gebürtige Amerikaner an, in einem alten Getreidelager im Süden Tel Avivs seinen eigenen Gerstensaft herzustellen. Mittlerweile hat er vier verschiedene Biere ganzjährig im Angebot sowie fünf weitere saisonale Produkte. Damit werden ausgewählte Restaurants, Bars und Spirituosenhändler im ganzen Land beliefert.

Bayerngruss Bis weit in die 80er-Jahre hinein gab es im jüdischen Staat nur ein paar Lager- und Dunkelbiere von meist mittelmäßiger Qualität sowie das Nesher-Malzbier. Dann kaufte 1985 Heineken einen Anteil von Tempo Breweries. Das ebnete den Holländern einen Weg in die israelischen Kneipen und Bars. Im Gegenzug fing Konkurrent Israel Beer Breweries an, Carlsberg und Tuborg in Lizenz zu brauen. Und seit ein paar Jahren erfreuen sich auch die bajuwarischen Weißbiersorten Paulaner und Weihenstephan sowie tschechische Biere zunehmender Popularität.

1998 dann der Urknall: Auf dem Tel Aviver Rothschild Boulevard eröffnete das Tel Aviv Brew House einen Gastronomiebetrieb mit angeschlossener Mini-Brauerei. Knapp zwei Jahre zuvor hatte bereits Nadim Khoury in dem Dorf Taybeh nördlich von Ramallah seine gleichnamige Gerstensaftproduktion ins Leben gerufen, die mit Hilfe der CSU-nahen Hanns-Seidel-Stiftung mittlerweile mehrere Sorten produziert, darunter das islamisch-korrekte alkoholfreie Green Label, gerne auch Hamas- Bier genannt. Trotz gelegentlicher Lieferschwierigkeiten ist Taybeh der Renner in einigen Tel Aviver Bohème-Lokalen. Heute gibt es im ganzen Land rund 20 derartiger Brauereien.

Nun wird aufgrund des Erfolgs der kleinen Anbieter wie dem Dancing Camel in den Vorstandsetagen von Tempo Breweries und Israel Beer Breweries vermutlich keine Panik ausbrechen. Dazu ist mit 7.500 Litern im Monat die Produktion des Newcomers viel zu gering. »Und Goldstar ist wirklich kein schlechtes Bier«, sagt David Cohen über den lokalen Platzhirsch. Zudem hat der Biermarkt noch viel Potenzial. Schließlich konsumieren die Israelis pro Kopf gerade einmal 13 Liter im Jahr. Zum Vergleich: Die Deutschen trinken rund 110 Liter, Spitzenreiter sind die Tschechen mit 159. »Wir erwarten ein Wachstum über die nächsten zehn Jahre von gut 50 Prozent«, prognostiziert Schachar Hertz. Sein Unternehmen Beer-Master organisiert Events rund um das Thema Gerstensaft. Und wie Hertz sprechen viele Experten davon, dass das israelische Bier eine ähnliche Erfolgsstory werden könnte wie einige Jahre zuvor der einheimische Wein. »Die Entwicklung hochwertiger und unverwechselbarer Rebensäfte mit einem ausgeprägten Charakter hat den Verbrauch in die Höhe schießen lassen«, erklärt Hertz.

müsligeschmack Daran wollen natürlich auch die Großen der Branche mitverdienen und entwickeln neue Sorten. So brachte Tempo Breweries jüngst das »Goldstar Black Roast« auf den Markt, ein dunkles kräftiges Bier, das laut Eigenwerbung eine Bitterschokoladen-Kaffee-Karamel-Note haben soll, aber wohl eher nach geröstetem Müsli schmeckt. Zudem hauchte man einer in den 70er-Jahren untergegangenen Marke neues Leben ein. Nun soll Abir, ein helles Lager, dessen Rezept und Name aus der britischen Mandatszeit stammt, für Umsatz sorgen. Trinken kann man es fast ausschließlich in einem gleichnamigen Pub im Norden der Dizengoff-Straße.

Das flüssige Vergnügen hat aber auch seinen Preis. Und die Kunden sind offenbar bereit, für sorgfältig gebrautes und hochwertiges Spezialitätenbier tiefer in die Tasche zu greifen. Für ein 0,33-Liter-Glas Malka beispielsweise, gebraut in einer Mikrobrauerei im westlichen Galiläa, muss man 26 Schekel, also über fünf Euro hinlegen. Bei der Gestaltung der Preise scheinen Israels Bierbrauer genauso kreativ zu sein wie bei der Namensgebung.

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Ein Kommentar von JA-Chefredakteur Philipp Peyman Engel

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