Leihmutterschaft

Seid fruchtbar!

Schwule und Lesben demonstrieren in Tel Aviv gegen das neue Gesetz. Foto: Flash 90

Leihmutterschaft hat im Judentum eine gewisse Tradition: Schon im ersten Buch der Tora lösen Abraham und Sara das Dilemma von Saras scheinbarer Unfruchtbarkeit, indem Abraham die ägyptische Sklavin Hagar schwängert.

So zumindest interpretiert Liubov Ben-Nun, Medizinerin und emeritierte Professorin an der Ben-Gurion-Universität in Beer Sheva, die biblische Erzählung. »Sara wünschte sich verzweifelt ein Kind«, schreibt sie. »Da Hagar zustimmte, im Namen Saras ein Kind zu gebären, können wir Hagar als Leihmutter definieren.«

Doch die Fortpflanzung an eine fremde Frau zu delegieren, birgt von jeher Konfliktpotenzial. Sara, die schließlich in hohem Alter doch noch schwanger wurde, neidete Hagar bekanntlich deren Mutterglück, bis Abraham die Sklavin samt Sohn in die Wüste schickte.

Im modernen Staat Israel sorgt das Motiv der Leihmutterschaft nun ebenfalls für Zwist, wenngleich vor denkbar anderem Hintergrund: Am 18. Juli verabschiedete die Knesset ein Gesetz, das es alleinstehenden Frauen erlaubt, ein Kind von einer anderen Frau austragen zu lassen – ein Recht, das bis dahin verheirateten Paaren vorbehalten war. Ausgeschlossen von dieser Praxis sind und bleiben homosexuelle Paare und alleinstehende Männer.

Dagegen laufen nun Israels lebendige LGBT-Szene und deren Sympathisanten Sturm: Zehntausende demonstrierten, Tausende streikten, viele Unternehmen, vorrangig im Hightech-Sektor, unterstützten den Protest.

Tatsächlich trieb das Leihmuttergesetz weit mehr Menschen auf die Straße als das »Nationalstaatsgesetz«, das nur einen Tag später verabschiedet wurde. Es verankert Israels jüdischen Charakter und stieß vor allem im Ausland auf massive Kritik. Für viele jüdische Israelis jedoch bestätigt das Nationalstaatsgesetz bloß Selbstverständlichkeiten, während das Leihmuttergesetz an eine der sensibelsten, intimsten und zugleich politischsten Fragen der Gesellschaft rührt: Wer darf Kinder bekommen, mit wem und wie?

Kinder Diese Frage trägt hier mehr Gewicht als anderswo, denn Israel gilt als außerordentlich kinderfreundliches Land. Dafür sprechen zum einen anekdotische Belege wie die schier grenzenlose Toleranz, die Israelis gegenüber Kindern an den Tag legen, unabhängig von deren Lautstärke und Verwüstungslust. Zum anderen belegt es die Statistik: Mit 3,1 Kindern pro Frau hat Israel bei Weitem die höchste Fruchtbarkeitsrate unter den Industriestaaten. Die ultraorthodoxe Minderheit mit ihrem Hang zur Großfamilie trägt viel dazu bei, doch auch unter säkularen Israelis liegt der Durchschnitt von 2,1 Kindern pro Frau höher als in Deutschland (1,5 Kinder).

»Die jüdische Religion ist familienorientiert«, erklärt Liubov Ben-Nun dieses Phänomen. »Es besteht die Pflicht, Kinder zu haben, vor dem Hintergrund des ersten biblischen Gebots: Seid fruchtbar und mehret euch.« Andere erklären die Vermehrungsfreude mit dem kollektiven Wunsch, die jüdische Gemeinschaft nach der Katastrophe des Holocaust zu stärken oder den hohen Geburtenraten der benachbarten Araber etwas entgegenzusetzen.

In jedem Fall unterstützt der Staat die Kinderwünsche seiner Bürger in Wort und Tat: So müssen Krankenkassen die Kosten für Samenspende, Insemination und selbst die aufwendige In-vitro-Fertilisation (IVF) übernehmen. Und schon 1996 erlaubte Israel die Leihmutterschaft per IVF für verheiratete Paare, als erstes Land weltweit. Bei dieser Methode stammen Eizelle und Spermien von den Wunscheltern, die Leihmutter ist also genetisch nicht verwandt mit dem Kind, das sie austrägt.

Kritiker In den meisten europäischen Ländern, darunter Deutschland, Frankreich und Italien, ist Leihmutterschaft aus ethischen Gründen verboten. Auch in Israel hat die Praxis Kritiker. Kinder könnten dadurch zu einem Wirtschaftsgut werden, warnt etwa David Frenkel, Rechtswissenschaftler und Spezialist für Medizinethik. »Ein weiteres mögliches Ergebnis ist die Ausnutzung von Frauen mit niedrigem sozioökonomischem Status.« In der Tat legt eine israelische Studie nahe, dass die Bezahlung der wichtigste Antrieb für Frauen ist, ein fremdes Kind auszutragen und dafür die Unbequemlichkeiten und Risiken einer Schwangerschaft einzugehen. »Leihmutterschaft sollte in Israel verboten sein«, urteilen deshalb Aktivistinnen der in Haifa ansässigen Frauenrechtsorganisation »Isha L’Isha«.

Allerdings bedeutet ein Verbot der Praxis nicht, dass Menschen ihren Kinderwunsch aufgeben – stattdessen weichen viele in andere, meist ärmere Länder wie Indien oder die Ukraine aus. In Israel sind es vor allem homosexuelle Paare, gelegentlich auch heterosexuelle Single-Männer, die diesen Weg gehen. Offizielle Zahlen gibt es nicht, aber Berichten zufolge wächst die Zahl der homosexuellen Paare, die eine Familie gründen, in Israel seit Jahren stetig – und zugleich die gesellschaftliche Akzeptanz dafür.

Premierminister Benjamin Netanjahu scheint zu spüren, dass der Zeitgeist sich gegen ihn wendet. Zwar stimmte er für das neue Gesetz, ließ angesichts der nachfolgenden Proteste jedoch verlauten: Würde ein neues Gesetzesvorhaben angestoßen, das auch Homosexuellen und Single-Männern das Recht auf Familiengründung per Leihmutterschaft gewährte, hätte es seinen Rückhalt.

Kultur Beilegen ließe sich der Konflikt damit allerdings nicht – stattdessen würde ein neuer entfacht: Denn die beiden ultraorthodoxen Parteien, die an der Regierung beteiligt sind, lehnen Leihmutterschaft für Homosexuelle strikt ab. Sie wissen ihre Klientel hinter sich: Eine Reihe ultraorthodoxer und nationalreligiöser Rabbiner, darunter prominente Köpfe wie Jerusalems Oberrabbiner, sprachen sich in den vergangenen Wochen deutlich, zum Teil drastisch, dagegen aus.

Die Konservativ-Religiösen auf der einen Seite, die LGBT-Gemeinde und ihre liberalen Unterstützer in Kultur, Medien und Wirtschaft auf der anderen: Beide sind bedeutende gesellschaftliche Gruppen und Wählerblöcke. Da verwundert es nicht, dass dieser Streit emotional geführt und, wie man vermuten darf, so schnell nicht beigelegt werden wird, spielt er sich doch direkt am Rand der kulturellen Kluft ab, die Israels Gesellschaft durchzieht.

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