Festival

Schaut auf diese Stadt!

Alles ist erleuchtet: Lichtinstallation mit Elektromusik am Habima-Theater in Tel Aviv Foto: Sabine Brandes

Assaf war schon da, Dima will bald hin. Die beiden jungen Männer hocken auf dem Boden vor dem Habima‐Theater in Tel Aviv und schwärmen von ihrer Lieblingsstadt: Berlin. Als Geschenk an den jüdischen Staat veranstalten das Goethe‐Institut und die Deutsche Botschaft im Oktober und November die »Berlin Dayz«. Mit mehr als 100 Veranstaltungen wollen Künstler, Fotografen, Regisseure, Theaterschaffende, Musiker, DJs und Choreografen das besondere Ambiente der deutschen Hauptstadt nach Israel importieren.

Musikalisch reicht das Angebot von klassischer Musik über Jazz und Rock bis hin zu zahlreichen »Club Nightz«. Filmfans kommen ab Mitte Oktober in den Cinematheken der Großstädte auf ihre Kosten. Zehn brandneue Filme junger Berliner Regisseure sind zum ersten Mal in Israel, mit hebräischen Untertiteln, zu sehen. Ebenfalls im Oktober eröffnet in der Cinemathek TLV die Fotoausstellung von Max Norz »Schaustelle Berlin‐Tel Aviv«. Ende dieses Monats finden im Café‐Theater des Cameri sowie in der Nationalbibliothek in Jerusalem die 5. Deutsch‐Israelischen Literaturtage statt. »HeimatSchreiben – Lichtov al HaBait« ist das Motto.

Anfassen »Berlin entfaltet seine Anziehungskraft als weltoffene, vielfältige und tolerante Metropole, die vor allem für Kreative und Talente zum ›place to be‹ geworden ist«, so Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit vor Beginn der Veranstaltungsreihe. »Die Berlin Dayz in Tel Aviv sollen ein wenig von diesem Berlin‐Feeling vermitteln, das die Stadt so attraktiv macht – ›Berlin zum Anfassen‹ also.«

Am vergangenen Samstag kamen Tausende auf den Platz der Kultur am Habima‐Theater, um bei Lichtinstallationen und Elektromusik »zu chillen«, wie Assaf Sanai erklärt. Viele holten sich Boxen mit knusprigen Pizzen aus dem Lokal »Tony Vespa« um die Ecke und ließen sich auf dem Boden nieder. Die neu gestaltete Fassade des imposanten Gebäudes am Ende des Rothschild‐Boulevards wurde zu einer überdimensionalen Lichtkunst‐Bühne, nachdem Felix Offermann den Platz mit den Berliner Lichtpiraten geentert hatte. Der Soundtrack mit elektronischer Musik hallte durch den Abendhimmel.

Während Dima Washinksy an seiner Olivenpizza kaut, erklärt er, warum es gerade Berlin ist, wo er hinwill. Im kommenden Jahr wird er seinen Abschluss von der Tel Aviver Universität in der Tasche haben, und dann will er gleich los. Warum? »Einfach, um diese coole Atmosphäre zu spüren. Leute sagen, keine andere Stadt sei so abgefahren wie Berlin, so weltoffen und besonders. Ich liebe meine Heimat und fühle mich wohl in Tel Aviv, aber ich will für eine Weile etwas anderes sehen.«

Unfertig Sein Freund Assaf Sanai hat es bereits erlebt, dieses »Besondere«. Zwei Jahre lang lebte er mit seiner deutschen Freundin in Schöneberg. Er könne es gar nicht so genau beschreiben, aber Berlin habe irgendetwas Unfertiges, so als ob man als Bewohner die Stadt noch mitformen könne. Irgendwie geht dort alles, meint er. »Und das«, betont Sanai auf Deutsch, »findet man sonst nirgendwo.«

Der deutsche Botschafter Andreas Michaelis schrieb in der Tageszeitung Israel Hayom: »Vor dem Hintergrund der Schoa und unserer schwierigen gemeinsamen Geschichte ist die Berlin‐Sehnsucht vieler Israelis ein bemerkenswertes Phänomen.« Maya Baron ist regelmäßig in Berlin, leben aber will sie dort nicht. »Die Geschichte dort wiegt einfach zu schwer, das könnte ich nicht.« Dennoch ist die 30‐Jährige von der Stadt fasziniert und freut sich über die Berlin Dayz. Angetan hat es ihr die Clubszene, deshalb war sie auf der Eröffnungsparty im Hafen von Jaffa und ist begeistert. »Ich werde mir alles anhören, was Berliner DJs auflegen, sie sind die besten.« Den nächsten Termin zur RSS‐Disco im »Radio e.p.g.b.« und den Besuch von DJ X.A. Cute im Shesek Club hat Maya fest im Kalender notiert.

Ambivalenz »Ja, der Austausch ist wichtig, und diese Veranstaltungen hier wirklich nett«, sagt ein etwa 60‐jähriger Mann, während er seine Augen auf die Installationen der Lichtpiraten gerichtet hat. »Aber warum muss ein großer Teil der Élite unserer jungen Menschen dort leben? Sie könnten hinreisen und sich alles anschauen, von mir aus ein paar Wochen lang. Aber gleich die Koffer packen und nach Berlin ziehen? Das gefällt mir ganz und gar nicht. Deutschland sollte kein ›Gelobtes Land‹ für Israelis sein.«

Genau dieses Sentiment brachte auch Finanzminister Yair Lapid zum Ausdruck, als er sagte, dass diese Leute »den einzigen jüdischen Staat, den sie haben, in den Mülleimer werfen, um in Berlin zu leben«. Später fügte er noch hinzu: »Ich habe nie gesagt, es sei leicht, hier zu leben.«

Trotz der ambivalenten Gefühle, die so mancher Israeli in Bezug auf ein Leben in Berlin hat, strömen immer mehr junge Leute dorthin. Nicht für ein paar Tage, sondern um sich dort für eine Weile – oder sogar für immer – niederzulassen. Besonders bei den studierten, kreativen, hippen Bewohnern aus dem Zentrum scheint die Spreemetropole wie eine urbane Verheißung am Horizont. Oder wie Sanai es auf den Punkt bringt: »Weil Berlin einfach geil ist.«

Informationen zu den Berlin Dayz finden Sie unter: www.goethe.de/ins/il/lp/kul/mag/bd/deindex.htm

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