Architektur

Schandfleck mit Strandblick

Schon lange ist das Orange der Wände von der Sonne ausgebleicht. Keiner spielt hier mehr Mühle. Den Nebentisch ziert ein Schachbrett in Schwarz-Weiß. Traurige Leere auf den Betonbänken rundherum. Es wäre der ideale Platz, um einen Blick auf die Wellen zu werfen, doch statt dem salzigen Duft des Meeres wabert der Gestank von Urin durch die Luft. Die Menschen huschen vorüber, niemand will verweilen. Während wenige Schritte weiter ein Gebäude nach dem anderen restauriert wird und in neuem Bauhaus-Chic erstrahlt, ist der Atarimplatz im Herzen von Tel Aviv verwaist.

Dabei könnte er der lebendigste Treffpunkt der Stadt sein. Die großzügige Plaza verbindet den charmanten Ben-Gurion-Boulevard mit dem Strand. Seine Lage zwischen den Luxushotels Hilton, Renaissance, Dan und allen anderen lädt geradezu ein, dass hier urlaubende Familien flanieren oder Verliebte umschlungen in den Sonnenuntergang schauen. Stattdessen öde Steinwüste, die Geschäfte im Einkaufszentrum sind seit Langem verrammelt, aus den Blumenkästen ragen vertrocknetes Gras und ausgedrückte Zigarettenkippen. Der Kikar Atarim, wie er auf Hebräisch genannt wird, ist der Schandfleck der Stadt, Pissoir im XL-Format.

»Das hier ist das Mahnmal der Korruption«, ruft ein Jogger, der den Platz als Abkürzung benutzt. »Es wird hier nichts geschehen, solange die korrupten Politiker die Macht in den Händen haben.« Was genau er damit meint, will er nicht erläutern, kopfschüttelnd läuft er in Richtung Meer.

luxuswohnungen An derselben Straße oberhalb des Strandes, der Hayarkon, werden alle paar Schritte bröckelnde Ruinen in glamouröse Wohn- und Geschäftshäuser verwandelt. Wo früher schmuddelig-weißer Spritzbeton das Bild bestimmte, werden heute die »In«-Materialien Glas und Holz verbaut. »Beachfront Properties« steht auf einem gelben Schild, die Telefonnummer für die betuchten Kunden in fetten Ziffern direkt darunter.

Ein Projekt ist das Hayarkon 96, das aus zwei heruntergekommenen Gebäuden aus der einstigen deutschen Architektenschmiede eine exklusive Adresse schafft. Bis auf einige Feinarbeiten scheinen die Wohnungen fertig zu sein. Auf einem Balkon stapeln sich Kisten, wehen eine israelische und eine französische Flagge im Einklang. Bald schon werden die illustren Bewohner einziehen und das Leben an der Strandstraße genießen.

Kaum anzunehmen, dass sie oft nach Norden schlendern. Dort erwartet sie das architektonische Grauen. Der Atarimplatz, fertiggestellt 1975, ist einst von dem Architekten Jakov Rechter als Kombination aus Parkgarage sowie oberirdischem Einkaufs- und Ausgehzentrum in direkter Strandnähe geplant worden. Zunächst waren die 200 Geschäfte und Cafés tatsächlich Treffpunkt für die Städter. Als sich Ende der 70er-Jahre jedoch nach und nach Kriminelle einnisteten und Schutzgeld von den Inhabern erpressten, schloss ein Laden nach dem anderen. Zurück blieb das traurige Überbleibsel eines städtischen Planungsdesasters mit dem Charme heruntergekommener Plattenbauten im ehemaligen Ostblock.

Schließlich landete zudem ein Ufo aus braunem Glas und dreckigem Stein auf dem Platz, knallte direkt aus dem Universum der hässlichsten Bauwerke in die Stadt. So oder ähnlich beschreiben viele Tel Aviver den Bau im Zentrum des Atarim. In den 80er-Jahren beherbergte dieser Koloss die angeblich größte Diskothek des Nahen Ostens. Heute ist die Rundumverglasung blind geworden, an den Wänden haben sich stümperhafte Graffitisprayer verewigt. Über dem Eingang prangt der Name »Pussycat«, ein Strip-Club. Das Etablissement trägt kaum dazu bei, dass der Platz dieser Tage Sympathien in der Nachbarschaft gewinnt.

abschaum »Es ist widerlich«, sagt Anwohnerin Miriam Tidahr, während sie mit ihrem Hund in der Gegend spazieren geht. »Nicht genug, dass diese Monstrosität in unserer Nachbarschaft steht, jetzt trifft sich im Inneren noch der Abschaum der Stadt.« Sie macht die Verwaltung verantwortlich für alles, was mit dem Atarim zu tun hat. »Die tun rein gar nichts, um es hier etwas angenehmer für uns zu machen.«

Dass eine Rakete einschlagen und das ganze Ding zerstören möge, wünschte sich angeblich der damalige Bürgermeister Schlomo Lahat während des ersten Golfkriegs. Ob Bombe oder Abrissbirne: Wohl kaum ein Einwohner hätte ernsthafte Einwände, wenn der Platz in Schutt und Asche gelegt werden würde. »Je schneller, desto besser«, findet Tidahr.

In den 80er-Jahren erzählte Architekt Rechter in einem Zeitungsinterview: »Ich sage nicht, dass ich keine Schuld am Scheitern habe, aber viel hat mit Geld zu tun. Alles wurde schludrig gebaut.« Für ihn sei das Projekt ein Traum gewesen. »Doch sie haben nur Billigmaterial verwendet, und so wurde aus der schönen Idee ein Albtraum.« Die Stadtverwaltung äußert sich auch auf Anfrage nicht zur Zukunft des Atarimplatzes. Vielleicht hat sie nach dem zigsten Eigentümerwechsel in fast vier Jahrzehnten schlicht den Überblick verloren. Fakt ist, dass sich offensichtlich niemand für den Platz zuständig fühlt und somit ein riesiges Areal an prominenter Stelle verkommt.

Dabei bescheinigen viele in- wie ausländische Experten der Gegend Potenzial. Eine Gruppe von drei italienischen Architekten, die vor einigen Jahren Tel Aviv in Augenschein nahm, meinte: »Wo liegt das Problem?« Man müsse lediglich den unteren Bereich reinigen, alles mit Glas verschließen und eine Shopping-Mall daraus machen. Ein weiterer Konsumtempel mit den üblichen Ketten steht nicht gerade für architektonischen Einfallsreichtum. Doch es könnte wesentlich schlimmer sein: So wie es ist.

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