Streik

Sandalen am roten Teppich

Not amused: Russlands Außenminister Sergei Lawrow (r.) am 29. Juni in Jerusalem, neben Amtskollegen Avigdor Lieberman. Foto: Flash 90

Sie tauschen ihre Anzüge und Designerschuhe gegen Jeans und Sandalen, lassen ausländische Gesandte links liegen, empfangen keine Besucher mehr und verweigern die Arbeit am roten Teppich. Seit Februar befinden sich die Mitarbeiter des israelischen Außenministeriums im Quasi-Streik. Von Monat zu Monat weiten sie ihre Sanktionen aus, nun drohen sie damit, keinerlei Dienst bei der Washington-Reise von Premierminister Benjamin Netanjahu zu leisten. Der Grund: Ihre Kollegen im Außendienst, beim Mossad und im Verteidigungsministerium verdienen zum Teil doppelt so viel wie sie. »Unfair«, finden die Staatsdiener und wollen eine Angleichung der Gehälter erzwingen.

Peinlichkeiten Dass das ohnehin angeschlagene diplomatische Ansehen Israels dadurch noch mehr leidet, nehmen sie billigend in Kauf. In den vergangenen Wochen häuften sich die peinlichen Zwischenfälle: So wurde die Frau des estnischen Staatspräsidenten, Evelin Ilves, in einem arabischen Lokal in Abu Gosch einfach sitzen gelassen. Ihr Fahrer, der schon auf dem Weg war, wurde zurück nach Jerusalem georderte. Die Frau musste sich ein Taxi rufen, um wieder in die Botschaft zu kommen. Auch der bulgarische Außenminister Nikolay Mladenov fand sich plötzlich allein wieder. Israelische Begleiter, die ihn in die Holocaustgedenkstätte Yad Vashem gebracht hatten, waren nicht mehr auffindbar, ebenso wie der Wagen des Außenministeriums. Die Botschaft Bulgariens musste selbst ein Fahrzeug organisieren.

Höhepunkt der diplomatischen Faux-Pas aber war der Staatsbesuch des russischen Außenministers Sergei Lawrow. Nachdem der die Gangway heruntergeschritten war, wartete er und wartete – doch niemand kam. Verweigerung auf ganzer Linie. Erst als Vizeaußenminister Danny Ayalon persönlich russische Fähnchen und einen roten Teppich aufgetrieben hatte, zum Flughafen gerast war und sein Büropersonal anwies, den Teppich direkt vor den Füßen des hohen Gastes auszurollen, war die Situation einigermaßen gerettet. Doch da auch die Limousine fehlte, um Lawrow in die Hauptstadt zu fahren, muss-ten einmal mehr auf die Schnelle per Handy Mietwagen geordert werden. Der Russe war außer sich vor Wut und kurz davor, gleich wieder nach Hause zu fliegen. Avigdor Lieberman versuchte es wiedergutzu- machen, indem er seinen Amtskollegen statt ins Auswärtige Amt zum Diner ins Jerusalemer Luxushotel King David einlud. Sonst hätten die Minister samt Entourage wahrscheinlich noch mit knurrenden Mägen auf leere Teller gestarrt.

Geheimdienst Auch Benjamin Netanjahu ist betroffen. Bei seinem Besuch in Griechenland musste der Premier gänzlich auf die Beamten des Außenamtes verzichten. Doch er wusste sich zu helfen und bat die Leute des Auslandsgeheimdienstes Mossad um Hilfe. Die streikbrechenden Spione brachten Chanan Goder, den Vorsitzenden der Mitarbeitervertretung im diplomatischen Dienst, auf die Palme. Im israelischen Fernsehen bezeichnete er das Verhalten des Ministerpräsidenten als »inakzeptabel«.

Am Dienstag vergangener Woche veröffentlichte die Mitarbeitervertretung eine Erklärung, die deutlich macht, dass »der anstehende Besuch des Premierministers in Washington so lange nicht von Angestellten des Außenministeriums organisiert werde, bis die Arbeitsbedingungen denen von Verteidigungsministerium und Mossad angeglichen werden«. Der Regierungschef wird somit wohl die Damen und Herren seines eigenen Büros bemühen. Während der letzten USA-Reise Netanjahus war Gewerkschaftspräsident Ofer Eini eingeschritten, um die Visite »störungsfrei« zu gestalten, wie er damals erklärte. Dieses Mal, so scheint es, beißt er auf Granit. Zu groß ist die Unzufriedenheit der Beamten am roten Teppich.

Gehalt Auch Amnon fühlt sich, als wäre er »vom König zum Bettelmann« geworden. Vier Jahre lang arbeitete der 41-Jährige in einer diplomatischen Vertretung Israels im Ausland. Wo, will er nicht verraten, um »die Kollegen dort nicht in die Pfanne zu hauen«, wie er erklärt. Damals hatte er eine gehobene Position. »Mein Gehalt war super, doch das war es nicht allein. Es gab verschiedene Zulagen für den Auslandsaufenthalt, Kaschrut, Heimatbesuche und anderes«, erinnert er sich. Außerdem gehörte das schicke Apartment, das er in dieser Zeit bewohnte, der Botschaft. Als Gesandter zahlte er lediglich eine geringe Miete. Jetzt ist Amnon bereits seit einigen Jahren wieder in Jerusalem angestellt, wo er einst seine Ausbildung für den diplomatischen Dienst absolviert hatte.

»Und mittlerweile fühle ich mich, wie viele meiner Kollegen, richtig ausgenutzt. Ich kann meine Familie kaum ernähren, die hohe Miete in der Hauptstadt nicht mehr bezahlen.« Nach der Rückkehr in die Heimat sei sein Gehalt um mehr als die Hälfte geschrumpft, statt Zulagen gibt es unbezahlte Überstunden satt. Der Vater von zwei Kindern hat schon lange den Anzug in den Schrank gehängt und geht in Jeans und Sandalen zur Arbeit.

Dienst Er und seine Kollegen finden ihren Widerstand angemessen und richtig, peinlich nur das, was mit ihnen geschieht: »Im diplomatischen Dienst sollen wir immer tiptop aussehen, ständig freundlich sein und so tun, als sei alles perfekt.« Doch das sei es ganz und gar nicht: »Manche von uns müssen abends in ihren schicken Anzügen als Sicherheitsleute arbeiten, weil das Geld hinten und vorne nicht reicht. Und dann gibt es am roten Teppich nur noch Gegähne statt strahlendes Lächeln.«

Archäologie

Höhle der Menschheitsgeschichte

Sensationsfund in einer Hunderttausende von Jahren verschlossenen Höhle südlich von Haifa könnten eines der größten Rätsel über die Vorgeschichte des Homo sapiens lösen

von Sabine Brandes  02.07.2026

Zeitgeschichte

Entebbe und kein Ende

Der Historiker Jan Gerber zeigt in seinem neuen Buch, wie aus dem Antizionismus der 68er-Generation radikale antisemitische Praxis wurde

von Ralf Balke  02.07.2026

1000 Tage 7. Oktober

Israelis gedenken der Hamas-Massaker mit Protesten

Den ganzen Tag über werden landesweit Demonstrationen erwartet

 02.07.2026

Reisen

Airlines erweitern Flüge nach Israel

Nach der Entspannung im Irankrieg stockt die Lufthansa-Gruppe ihre Flüge nach Tel Aviv wieder auf. Auch Condor startet bald regelmäßige Verbindungen

 02.07.2026

Libanon

Erster Schritt zum Frieden?

Jerusalem und Beirut begrüßen das überraschende Abkommen. Die Terrormiliz Hisbollah weist es entschieden zurück

von Sabine Brandes  01.07.2026

Israel

»Ich habe ein bisschen abgenommen«

Ministerpräsident Benjamin Netanjahu wird in einem Interview gefragt, wie der 7. Oktober ihn persönlich verändert habe. Seine Antwort sorgt für heftige Kritik von der Opposition

 01.07.2026

Jerusalem

Israelische Polizei nimmt mutmaßlichen Iran-Spion fest

Der 20-jährige US-Bürger soll gegen Geld Ziele für das Mullah-Regime ausgespäht haben

 01.07.2026

Libanon

Hisbollah: Netanjahu befiehlt Zerstörung der Terrorinfrastruktur

Israels Ministerpräsident weist die Armee an, alle ober- und unterirdischen Anlagen der Hisbollah im Südlibanon zu zerstören. Einen Truppenrückzug schließt er vorerst aus

 01.07.2026

Kommentar

»Eigentlich habe ich noch nie mit einem Juden gesprochen«

Als Antisemitismusbeauftragter jüdisch zu sein ist kein Manko. Im Gegenteil: Es braucht an deutschen Universitäten mehr jüdische Beauftragte

von Guy Katz  30.06.2026