Geiseln

Sagui, Sasha und Iair sind zu Hause!

Shachar Mazal. So heißt sein Baby. Er hat es noch nie gesehen. Denn Sagui Dekel-Chen war in Geiselhaft in Gaza, als das kleine Mädchen geboren wurde. Nach 498 Tagen konnte ihm seine Frau Avital endlich den Namen nennen, als sie ihren Mann in die Arme schloss. Zusammen mit dem 36-Jährigen kamen am Samstagmorgen Sasha Trupanov (29) und Iair Horn (46) nach Hause.

Zwei Stunden zuvor fahren die weißen Wagen des Internationalen Komitees des Roten Kreuzes (IKRK) auf einen Platz in Khan Younis in Gaza. Das Zeichen, dass die Geiselübergabe gleich beginnt. Etwa 20 Minuten darauf kommt ein Minivan mit einem Symbol der Hamas auf der Motorhaube angefahren. Darin die drei Geiseln, die die Terrororganisationen am 7. Oktober aus dem Kibbuz Nir Oz verschleppten.

Zum ersten Mal geht einer der Hamas-Terroristen mit der Vertreterin des IKRK zum Fahrzeug, um die Männer zu identifizieren. Eine bedeutende Sekunde für die Geiseln, die in diesem Moment vielleicht zum ersten Mal realisieren, dass sie tatsächlich kurz davor sind freizukommen. Trupanov wurde vom Palästinensischen Islamischen Dschihad gefangen gehalten, Horn und Dekel-Chen von der Hamas. Alle drei Männer haben neben der israelischen weitere Staatsangehörigkeiten, Trupanov die russische, Dekel-Chen die amerikanische und Horn die argentinische.

Die letzten Minuten sind nervenzermürbend, die Israelis sitzen gespannt vor den Bildschirmen, während Al-Jazeera live aus Gaza berichtet. Alle warten darauf zu sehen, in welchem Zustand sich die Männer befinden. Besonders nach den erschütternden Aufnahmen vom vergangenen Samstag, als Eli Sharabi, Or Levy und Ohad Ben Ami völlig ausgemergelt zurückkehrten.

Die Männer sehen vergleichsweise gesund aus

Doch dann die Erleichterung: Die Männer sehen vergleichsweise gesund aus, tragen keine Pseudo-Uniformen, sondern Jogginganzüge und gehen eigenständig auf ihren Beinen, als sie von den Terroristen auf eine Bühne geführt werden und in Mikrofone sprechen. Israelische Sender veröffentlichen diese Worte nicht, die als reine Propaganda der Terrorgruppen angesehen wird. Später sieht man, dass Iair etwas unsicher läuft und eventuell am Bein verletzt ist, Sagui kann seinen rechten Arm nicht richtig bewegen.

Doch als sie von Vertretern des IKRK an die israelische Armee übergeben werden, ist die große Erleichterung der Männer zu sehen. Sagui lacht und scherzt, als er sich mit einer Soldatin unterhält, und auch auf Sasha Trupanovs Gesicht ist ein breites Lächeln zu sehen.

Anschließend veröffentlicht das Büro von Premierminister Benjamin Netanjahu eine Erklärung: »Heute sind unsere drei Geiseln Iair Horn, Sasha Trupanov und Sagui Dekel-Chen nach Hause gekommen. Wir heißen sie mit einer herzlichen Umarmung willkommen. Wir haben ihre Rückkehr vorbereitet und werden ihnen gemeinsam mit ihren Familien bei ihrer Rehabilitation nach einer langen und qualvollen Zeit der Gefangenschaft helfen.«

Premier Benjamin Netanjahu: »Heute sind unsere drei Geiseln nach Hause gekommen. Wir heißen sie mit einer herzlichen Umarmung willkommen.«

Diese Woche habe die Hamas versucht, das Abkommen zu verletzen und unter falschen Behauptungen eine unechte Krise heraufzubeschwören. Aufgrund der Konzentration unserer Kräfte im Gazastreifen und in der Umgebung sowie der klaren und eindeutigen Erklärung von Präsident Trump hat die Hamas nachgegeben und die Freilassung der Geiseln wurde fortgesetzt, heißt es weiter.

Trupanovs Mutter Lena und seine Großmutter Irena, die ebenfalls von der Hamas gekidnappt worden waren, und im November 2023 freikamen, halten seit einigen Monaten den Schabbat ein. Daher wurden die Bilder des ersten Treffens erst nach dem Ende des Ruhetages veröffentlicht. Als die beiden Frauen auf ihn zulaufen, ihn umarmen und weinen, sagt der junge Israeli immer wieder: »Ich bin ok, schaut doch, ich bin ok.« Lena Trupanov und Sapir Cohen waren regelmäßig auf dem Platz der Geiseln und reisten um die ganze Welt, um sich für die Freilassung von Sasha einzusetzen. Der 29-Jährige erfuhr erst am Samstag, dass sein Vater Vitaly von der Hamas am 7. Oktober ermordet wurde.

Währenddessen haben sich Freunde von Iair Horn in der Kneipe des Kibbuzes Nir Oz versammelt. Sie stoßen auf die Freilassung von Iair an, der hier vor dem 7. Oktober regelmäßig hinter der Theke stand. Der in Argentinien geborene 46-Jährige ist eingefleischter Fußballfan. Schon Minuten nach seiner Freilassung hatte er zwei Wünsche: das rot-weiße Trikot seines Lieblingsvereins Hapoel Beerschewa tragen und über das Stadion fliegen. Die Armee erfüllt ihm beide Wünsche.

Iair umarmt seinen Vater, der eine neue Niere erhielt

Kurz darauf trifft er seine Familie im Ichilov-Krankenhaus in Tel Aviv. Mit dabei seine Nichte und sein Neffe, mit denen er zu Fußballspielen ging. Auch seinen Vater darf er umarmen, der kurz zuvor im selben Hospital eine neue Niere erhielt. Vor dem Eingang stehen Freunde, ebenfalls argentinische Einwanderer. »Als wir gehört haben, dass er über das Stadion fliegen wollte, haben wir gewusst, dass es unser Iair ist«, sagt Luciana, die es nicht abwarten kann, ihn zu treffen. »Jetzt wissen wir, dass alles gut wird.«

Doch noch ist nicht alles »gut« für Iair und seine Familie. Denn sein Bruder Eitan, der eigentlich in Kfar Saba wohnt und ihn am schwarzen Schabbat im Kibbuz besuchte, ist noch immer in Gaza. Roni Milo, eine Freundin der Familie, sagt: »Wir freuen uns so sehr, dass Iair zu Hause ist. Wir können eine Sekunde durchatmen, doch dann geht es sofort weiter mit unserem Kampf, damit wir alle zurück nach Hause holen. Es gibt noch 73 Geiseln in Gaza – darunter Eitan.«

Denn obwohl manche argumentieren, dass das Wohl des Staates über dem des Individuums steht, »ist das Schicksal der einzelnen Geiseln auch das Schicksal des Staates«, betont Milo. »Und ohne sie kann die israelische Gesellschaft nicht heilen.«

Das sieht auch Michal Ozihu so, die Vorsitzende des Lokalrates Eshkol, zu dem der Kibbuz Nir Oz gehört: »Wir sind so froh und aufgeregt in dieser Minute. Doch dazu mischt sich die Sorge um alle anderen Geiseln. Allein aus Nir Oz sind noch 20 weitere Menschen in der Gefangenschaft.« Viele würden über einen »vollständigen Sieg« reden, führt sie aus, »doch diese Tage sind der wahre Sieg des israelischen Volkes. 500 Tage der Hölle, in denen unsere Geiseln dort sind. Nehmen Sie sich einen Moment, um das zu verstehen …«.

369 palästinensische Häftlinge aus Gefängnissen entlassen

Kurz nach der Freilassung der Geiseln werden 369 palästinensische Häftlinge aus israelischen Gefängnissen entlassen, darunter 36 Mörder. Die israelische Gefängnisverwaltung veröffentlicht Fotos, in denen die Gefangenen Sweatshirts tragen, auf dessen Rücken steht: »Wir vergessen und vergeben nicht«, darunter ist ein blauer Davidstern gedruckt.

Kommentatoren im öffentlich-rechtlichen Sender Kan kritisierten diese Entscheidung, darunter Itay Blumenthal. Der sagt: »Ich weiß nicht, wer dies entschieden hat. Aber vielleicht sollte man beim nächsten Mal besser überlegen, ob es in der Außenwirkung gut ist, sich derartiger populistischer Methoden zu bedienen. Wir sind ein Rechtsstaat.« Die Hamas postete kurz darauf in den sozialen Medien, wie die Sweatshirts in Khan Younis in Gaza und im Westjordanland verbrannt wurden.

Von all dem bekommt Avital Dekel-Chen nichts mit. Sie sieht nur noch ihren Mann, denn sie als »Prachtkerl« bezeichnet. Sie sei so stolz auf ihn, dass er »in dieser grausamen Situation durchgehalten hat«. Einen Tag zuvor sagte sie in Channel 12: »Es gibt nichts Romantischeres, als am Valentinstag zu hören, dass mein Liebster nach Hause kommt.« Dann bedankte sie sich »bei allen, die mir vom ersten Tag an die Hand gehalten und gesagt haben, dass Sagui zurückkommt«.

Avital Dekel-Chen: »Es gibt nichts Romantischeres, als am Valentinstag zu hören, dass mein Liebster nach Hause kommt.«

Sie war im siebten Monat schwanger, als die Hamas das Massaker in den südlichen Gemeinden Israels mit mehr als 1200 Toten und 251 Geiseln veranstaltete. Sie versteckten sich im Sicherheitsraum ihres Hauses und überlebten, während Sagui, Mitglied des Sicherheitsteams des Kibbuz, verschleppt wurde.

Ihre Töchter wüssten Bescheid, dass Papa nach Hause kommt, sie hätten ungeduldig gefragt, wann sie ihn endlich sehen könnten. Und dann sagte sie: »Es gibt immer noch kleine Kinder, die darauf warten, dass ihre Väter nach Hause kommen. Es muss alles getan werden, um sie zurückzuholen.«

Etwas später sitzt Avital im Helikopter neben ihrem Mann auf dem Weg ins Sheba-Krankenhaus in Ramat Gan und schmiegt sich an ihn. Er hält ein Schild in die Kamera, auf dem steht: »Gali – Bari – Shachar. Papa kommt nach Hause.«

Tel Aviv

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