Corona-Pandemie

Rebellion der Charedim

Foto: Flash90

Massengebete mit Tausenden Teilnehmern in Synagogen an Jom Kippur, die Weigerung, den »Ampel-Plan« zu akzeptieren, die illegale Öffnung Hunderter Schulen inmitten des Lockdowns: Israels charedische Gemeinde rebelliert. Härter von Covid-19 getroffen als jeder andere Bevölkerungsteil, glauben viele jedoch, das Virus ziehe an ihnen vorüber wie die letzte Plage in der Pessach-Haggada.

Nachdem die Hohen Feiertage vorbei sind und die ersten Erleichterungen des vier Wochen dauernden Lockdowns umgesetzt wurden, kam es in der Regierung zum Streit. Stein des Anstoßes sind die Schulen – genauer gesagt, die charedischen. Am Sonntag hatten Hunderte von strengreligiösen Bildungseinrichtungen illegal ihre Pforten geöffnet, die meisten in sogenannten roten Orten mit hoher Covid-19-Infektionsrate, obwohl lediglich Kindergärten und -krippen wieder betrieben werden dürfen.

Die Abriegelung des Landes wurde zwar wegen der stark gesunkenen Infektionsrate auf derzeit etwa drei Prozent teilweise gelockert, doch der Lockdown besteht nach wie vor in vielen Bereichen des öffentlichen Lebens, inklusive der Schulen landesweit.

SCHULEN Doch der Knessetabgeordnete Mosche Gafni von der charedischen Partei Vereinigtes Tora-Judentum will davon nichts wissen. Er machte nach eigenen Angaben klar, »dass die Schulen entsprechend der Anordnung eines führenden Rabbiners geöffnet bleiben«.

Die Säkularen geben den Charedim die Schuld an Corona; die wiederum fühlen sich diskriminiert.

Gesundheitsminister Yuli Edelstein droht mit hohen Strafen und dem Entzug von Fördergeldern. Die Partei Vereinigtes Tora-Judentum stellt sich damit als Mitglied der Koalition gegen das Gesetz und die Anordnungen der Regierung, dessen Teil sie ist. Doch für Gafni hat das Wort von Rabbiner Chaim Kanievsky mehr Bedeutung als alles andere: »Wir glauben nicht, dass der Größte seiner Generation einen Fehler macht.«

Kanievsky, das religiöse Oberhaupt der Strömung der Litauer, hatte den Bildungseinrichtungen aufgetragen, die Kinder und Jugendlichen wieder in den Klassenräumen zu unterrichten. Er rief seine Anhänger allerdings auf, sich an die Regeln der sozialen Distanz zu halten. Kanievsky selbst ist derzeit am Coronavirus erkrankt.

Shuki Friedman, Direktor des Zentrums für Religion, Nation und Staat im Israel Democracy Institute und Mitglied der juristischen Fakultät des Peres Academic Center, macht deutlich: »Corona ist eine riesige Herausforderung für die gesamte Bevölkerung, die wir nur in Griff bekommen, wenn wir alle die Regeln beachten.« Politiker und religiöse Anführer innerhalb der charedischen Gemeinde indes hätten ihre Anhänger aufgefordert, zu den Gebeten zu kommen und damit die Regeln zu brechen.

Das Ergebnis seien die hohen Infektionszahlen. »Jeder Bruch ist illegal, doch wenn große Teile der Gemeinde das Gesetz nicht befolgen, hat das Einfluss auf die Handlungsfähigkeit der Regierung und auch auf das Ergebnis nach der Öffnung des Lockdowns.«

HASS Doch auch immer mehr Mitglieder der strengreligiösen Gemeinschaft sprechen sich gegen das Verhalten einiger Gruppen aus. Wie etwa Yehuda Meshi-Zahav, selbst Charedi. Der Vorsitzende der Rettungsorganisation ZAKA meint, dieses Gebaren führe zu Hass auf die Gemeinde und würde Antisemitismus schüren. Doch nichts, was er sage oder tue, scheine großen Einfluss auf jene zu haben, die sich widersetzen, gibt er frustriert zu. »Ich erkläre den Leuten, dass andere sagen: ›Wir sind in dieser Situation wegen der Charedim. Die zwölf Prozent der Bevölkerung infizieren die anderen 80 Prozent.‹« Dieser Hass sei schlimm. Man dürfe sich darüber jedoch nicht wundern, »wenn die Menschen immer nur eine Fortsetzung von Singen, Tanzen, öffentlichen Gebeten und Feiern sehen«.

Meshi-Zahav macht allerdings deutlich, dass es nicht Gleichgültigkeit gegenüber dem sei, was andere über sie denken, sondern die Überzeugung, dass man religiöse Riten um jeden Preis beibehalten müsse. Eine starke Führung könnte das korrigieren. »Doch eine solche Führung ist nirgends zu sehen.« Die Leute schienen nicht zu verstehen, »dass wir alle im selben Boot sitzen«.

Regierungschef Benjamin Netanjahu ging auf die Rebellion in den Regierungsreihen zunächst lediglich mit allgemeinen Kommentaren zu der Notwendigkeit ein, sich an die Regeln zu halten. Später erklärte er, er wolle eine Diskussion mit der charedischen Gemeinde, um eine Lösung zu finden. Kritiker werfen dem Premier vor, den ultraorthodoxen Parteien stets nachzugeben, weil er auf ihre Unterstützung politisch angewiesen ist.

Etwa 50 Prozent der Covid-Infizierten sind Teil der ultraorthodoxen Gemeinde, obwohl diese lediglich 12,5 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmacht.

Gilad Malach ist Experte für Charedim beim Israel Democracy Institute. Er erläutert: »97 Prozent der Mitglieder sind unter 65 Jahre alt. Dadurch herrscht die Auffassung, dass nur wenige Mitglieder durch das Virus gesundheitlich betroffen sind. Sie fragen: ›Sollen wir deshalb unser komplettes spirituelles und religiöses Leben einfrieren?‹ Und sie antworten: ›Nein‹.«

VERTRAUEN »Wenn wir indes die Situation betrachten, sehen wir den Schaden für ganz Israel – wirtschaftlich und sozial«, so Malach. »Aber so verstehen sie das nicht. Sie sehen ausschließlich ihre eigene Gemeinde und resümieren: Der gesundheitliche Schaden wird so schrecklich nicht sein, der spirituelle Schaden aber könnte das Überleben der gesamten Gemeinde in Gefahr bringen.« Zudem, ist er überzeugt, haben die Ultraorthodoxen das Vertrauen in Polizei und Politik verloren. »Wenn man ihre Zeitungen liest, versteht man, dass sie sich diskriminiert fühlen. Der Rest der israelischen Gesellschaft aber sieht es genau andersherum: Wir glauben, dass die Polizei die Regeln in den charedischen Orten nicht durchsetzt.«

Die Herausforderung sei es nun, Israel nach dem Lockdown wieder zu öffnen, ohne eine große Verbreitung des Virus, besonders bei den Charedim, zu riskieren. Die Experten vom Democracy Institute befürworten das Ampel-Modell, bei dem die Städte je nach Infektionsrate in verschiedene Farben eingeteilt und die Restriktionen entsprechend verhängt werden. Die Herausforderung jedoch sei, wie man die strengreligiösen Menschen überzeugen kann, sich daran zu halten.
Malach setzt auf »Zuckerbrot und Peitsche, gepaart mit Information«. Wobei das Zuckerbrot die Zusammenarbeit mit städtischen Institutionen wäre, die große finanzielle und soziale Hilfen für die Gemeinde bereitstellen sollten. Die Peitsche käme in Form sehr strikter Durchsetzung der Regeln durch die Polizei zum Einsatz.

»Dabei geht es aber um vernünftige Durchsetzung. Es sollen nicht einzelne Personen auf der Straße angehalten werden, die keine Maske tragen. Stattdessen müssen Massenveranstaltungen in Jeschiwas und Synagogen unterbunden werden. Denn da liegt die reale Gefahr.« Mit dieser Politik, ist er sicher, »kann man den Lockdown in ultraorthodoxen Gemeinden für einige weitere Wochen durchsetzen. Und das wäre gut für uns alle«.

Washington D.C.

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