Gerhard Conrad

»Mr. Hisbollah« geht in den Ruhestand

Gerhard Conrad Foto: dpa

»Deutscher James Bond«, »legendärer Agent« oder »Mr. Hisbollah«: Wer Spionageromane mag und im Internet Informationen über Gerhard Conrad sucht, ist innerhalb kürzester Zeit gefesselt. Gesicherte Informationen über den Chef des nachrichtendienstlichen Lage- und Auswertungszentrums der EU (Intcen) gibt es kaum, dafür aber reichlich Mythen und Heldengeschichten.

»Wie vom legendären ostdeutschen Topspion Markus Wolf ist von ihm kein Foto bekannt. Berichte über sein Alter variieren von Mitte 40 bis Anfang 60, und es ist nicht einmal klar, ob Gerhard Conrad sein richtiger Name ist oder ein Pseudonym«, schrieb zum Beispiel der britische »Telegraph« Ende 2015 zum Amtsantritt des Deutschen in Brüssel. Die Biografie des BND-Mitarbeiters erinnere an Charaktere aus Spionagethrillern des Bestseller-Autors John le Carré.

Gesichert ist allerdings, dass Conrads Karriere als aktiver Nachrichtendienstler nun zu Ende geht. Nach mehr als zwei Jahrzehnten Tätigkeit für den deutschen Auslandsnachrichtendienst und zuletzt dreieinhalb Jahren an der Spitze des EU-Direktorats Intcen wird der Deutsche in Kürze a.D. – außer Dienst – sein. Bereits an diesem Samstag gibt er seinen Posten als Intcen-Chef ab. Am 1. November geht es dann auch als BND-Beamter in den Ruhestand.

Abenteuer, Gewalt, Lügen und Verrat: Wohl kaum einen anderen Beruf umranken so viel Mythen wie den des Agenten.

Conrad will sich dann in erster Linie der Lehre und Forschung widmen. Am BND-Standort in Berlin wird der promovierte Islamwissenschaftler als Gastdozent im neuen Master-Studiengang »Intelligence and Security Studies« aktiv sein. Über diesen soll in Deutschland künftig die professionelle akademische Ausbildung von Nachrichtendienstmitarbeitern des Bundes und der Länder gewährleistet werden.

Ein für Conrad angenehmer Nebeneffekt des bevorstehenden Ruhestandes: Er kann erstmals etwas offener über seine Laufbahn reden. Wer ihn heute kennenlernt, trifft einen Mann mit heiterem und einnehmendem Wesen, der heiklen Fragen geschickt auszuweichen weiß, ansonsten aber gerne erzählt. So bestätigt er im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur, dass er in den 80er Jahren erst einmal im Bundesverteidigungsministerium als Regionalexperte und Lagereferent tätig war, bevor er vom BND angeworben wurde. Für den deutschen Auslandsnachrichtendienst ging er dann unter anderem mehrere Jahre in die syrische Hauptstadt Damaskus, wo er als Resident die dortige BND-Vertretung leitete.

Zu Conrads Spezialgebiet wurden danach Vermittlungstätigkeiten im Nahost-Konflikt. Von 2002 bis 2004 wirkte der fließend Arabisch sprechende Nachrichtendienstler in einem kleinen hochrangigen BND-Verhandlungsteam maßgeblich an der Konzeption und Aushandlung eines umfangreichen Gefangenenaustauschs zwischen der libanesischen Schiiten-Miliz Hisbollah und Israel mit. Wenige Jahre später folgte ein weiterer spektakulärer Deal, über den unter anderem der libanesische Top-Terrorist Samir Kuntar aus israelischer Haft freikam und Israel die Leichen von zwei getöteten Soldaten zurückbekam.

Bei der Vermittlung, die Teil der Umsetzung einer Sicherheitsratsresolution zur Beendigung des letzten Libanonkrieges war, legte Conrad bei mehr als 100 Reisen 700.000 Flugkilometer zurück.

Einer der wohl erfolgreichsten deutschen BND-Mitarbeiter kann über die Mythen nur schmunzeln – und jetzt auch sprechen.

Zuletzt wirkte er ab 2009 in geheimer Pendeldiplomatie zwischen Tel Aviv und Gaza maßgeblich daran mit, dass 2011 der israelische Soldat Gilad Schalit im Austausch gegen mehr als 1000 Palästinenser freikam. Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu soll Bundeskanzlerin Angela Merkel damals persönlich um den Einsatz von Conrad gebeten haben, im Anschluss gab es persönlichen Dank von Israels Staatspräsident Schimon Peres. Bereits 2008 hatte er in Würdigung seiner Verdienste das Bundesverdienstkreuz am Bande erhalten.

Dass es von Conrad mittlerweile auch einige Fotos gibt, hat vor allem mit dem Job zu tun, den er Anfang 2016 nach einer mehrjährigen Entsendung als offizieller Vertreter des Dienstes nach London übernahm. Für die EU leitete er in den vergangenen dreieinhalb Jahren das nachrichtendienstliche Lagezentrum Intcen, das seit 2002 mit der freiwilligen Unterstützung der Dienste der Mitgliedstaaten aktuelle Analysen und Berichte für EU-Entscheidungsträger und Ratsmitglieder erstellt.

In dieser Funktion durfte der Deutsche erstmals als Gerhard Conrad auf öffentlichen Veranstaltungen auftreten. Zuvor war die Existenz eines BND-Mitarbeiters mit diesem Namen weder vom BND noch von der Bundesregierung offiziell bestätigt worden. Nach den spektakulären Geiselaustauschen 2008 und 2011 war lediglich zugegeben worden, dass ein deutscher BNDler daran mitgewirkt hatte.

Für die Außendarstellung des Bundesnachrichtendienstes sind Mitarbeiter wie Conrad ein Glücksfall. »Dienste wie der BND können positiv am Konfliktmanagement mitwirken. Zum Beispiel durch ihre Kontakte«, erklärte der langjährige BND-Präsident Gerhard Schindler jüngst in dem Buch »Die 77 größten Spionagemythen enträtselt«. Mit Conrad habe der BND »einen überaus erfolgreichen Konfliktmoderator« gehabt. BND-Mitarbeiter im Ausland müssten »kluge Leute« sein, die eben nicht wie James Bond verbrannte Erde hinterlassen.

Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu soll Bundeskanzlerin Angela Merkel damals persönlich um den Einsatz von Conrad gebeten haben.

Apropos James Bond: Mit diesem Vergleich kann der in Freiburg geborene Conrad ebenso wenig anfangen wie sein früherer Chef - auch wenn er wie der »Agent seiner Majestät« stets gut gekleidet, smart und sprachgewandt ist. Im Gegensatz zu manch einem Kollegen sei er in Ausübung seines Jobs nie in akuter Lebensgefahr gewesen, erzählt der knapp 65-Jährige – nicht ohne mit einem Schmunzeln auf die wesentlich präsenteren Risiken im täglichen Straßenverkehr hinzuweisen.

»Bei meinen Aufgaben ist es wichtig gewesen, Einfühlungsvermögen, Analysefähigkeit, Verhandlungsgeschick, viel Geduld, Empathie und starke Nerven zu haben«, sagt Conrad. Zudem sei es gut gewesen, »zur rechten Zeit die richtigen guten Freunde zu haben«.

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