Jerusalem

Medienreform oder Angriff auf die Pressefreiheit?

Redaktion des öffentlich-rechtlichen Senders Kan Foto: Flash 90

Was offiziell eine Modernisierung des israelischen Medienmarktes werden soll, könnte sich als einer der umstrittensten Eingriffe in die Medienlandschaft des Landes seit Jahren erweisen. Kommunikationsminister Shlomo Karhi (Likud) treibt derzeit ein umfassendes Gesetzespaket voran, das bestehende Aufsichtsstrukturen verändern, Regulierungen abbauen und den Medienmarkt neu ordnen soll. Die Regierung spricht von einer »Medienreform«. Kritiker dagegen bezeichnen die Pläne als politische Umgestaltung der öffentlichen Meinung und warnen vor einem Angriff auf die freie Presse.

Besonders brisant: Laut Berichten soll der regierungsnahe Sender Kanal 14 von bestimmten Verpflichtungen ausgenommen werden, die für andere Anbieter gelten. Die Bestimmung wurde am Wochenende vor der Sitzung des Sonderausschusses der Knesset, der über das Gesetz berät, hinzugefügt. Sie legt fest, dass nur Sender mit einem Jahresumsatz von über 600 Millionen Schekel der Regelung unterliegen.

Schwelle soll regierungsnahen Kanal 14 ausnehmen

Diese Schwelle würde Kanal 14 ausnehmen, während sie für die Kanäle 12 und 13 gilt. Die Befreiung hat einen geschätzten Wert von umgerechnet knapp zehn Millionen Euro jährlich. Medienbeobachter sehen darin eine gezielte Bevorzugung. Genau hier beginnt die zentrale Kritik: Geht es tatsächlich um einen freieren Markt – oder darum, politische Verbündete zu stärken?

Karhi selbst weist diesen Vorwurf entschieden zurück. Für ihn ist die aktuelle Medienlandschaft zu stark reguliert, zu geschlossen und geprägt von alten Strukturen. Immer wieder betont er, sein Ziel sei eine Liberalisierung nach amerikanischem Vorbild. »Für mich sind die USA das Modell. Ein freier Markt, in den sich der Staat nicht in Inhalte einmischt und in dem Akteure frei entstehen können«, so der Minister. Nach seiner Darstellung ginge es darum, mehr Stimmen zu ermöglichen – nicht weniger.

Allerdings hat sich auch in den USA die Regierung unter Präsident Donald Trump zuletzt mehrfach in Fragen der Pressefreiheit eingemischt. So greift Trump kritische Medien und Journalisten wiederholt öffentlich an, bezeichnet Berichte als »Fake News« und fordert offen Konsequenzen für unliebsame Stimmen – bis hin zu Aufrufen, missliebige Journalisten oder Moderatoren aus ihren Positionen zu entfernen.

Dennoch beharrt Karhi darauf: »Mein Ziel ist es, Israels Kommunikationsmarkt von einem Produzentenmarkt in einen Konsumentenmarkt umzuwandeln, in dem alle Stimmen vertreten sind: links, rechts und die Mitte.« Das sei, behauptet er, »das Wesen der Reform«.

Minister Karhi: »Für mich sind die USA das Modell. Ein freier Markt, in den sich der Staat nicht in Inhalte einmischt und in dem Akteure frei entstehen können.«

Doch diese Argumentation überzeugt viele seiner Kritiker nicht. Aus ihrer Sicht entsteht gerade kein neutraler, offener Markt, sondern eine neue Struktur, in der politische Interessen eine größere Rolle spielen könnten. Oppositionsführer Yair Lapid reagierte besonders scharf und widerspricht Karhis Darstellung frontal. »Was auf dem Tisch liegt, ist keine Reform, sondern eine Kampagne der Einschüchterung und des Mundtotmachens gegen die freie Presse.«

Schon früher hatte Lapid vor den Folgen der Gesetzesinitiative gewarnt. Er sprach von einer »vollständigen Zerschlagung der Pressefreiheit«. Noch drastischer formulierte er seine Sorge mit den Worten: »Nur in totalitären Staaten kontrolliert die Regierung die Massenmedien auf diese Weise.«

Auch außerhalb der Politik wächst die Sorge. Die Medienforscherin Tehilla Shwartz Altshuler vom Israel Democracy Institute warnte, die Reform enthalte einen »politischen Dreh«, der eine Reform in ihr Gegenteil verkehren könne. Was als Modernisierung angekündigt werde, könnte sich am Ende als Schwächung bestehender demokratischer Schutzmechanismen erweisen.

EBU äußerte Besorgnis über politische Eingriffe

Die Debatte bleibt dabei nicht auf Israel beschränkt. Denn Karhis Vorstöße könnten auch internationale Folgen haben – bis hin zum Eurovision Song Contest. Israels Teilnahme am ESC hängt am öffentlich-rechtlichen Sender KAN, der Mitglied der European Broadcasting Union (EBU) ist. Die Mitgliedschaft öffentlich-rechtlicher und unabhängiger Rundfunkanstalten ist Voraussetzung für eine Teilnahme.

Die EBU hatte bereits in der Vergangenheit ihre Besorgnis über politische Eingriffe in den israelischen Rundfunk geäußert. Sollte die Unabhängigkeit von KAN ernsthaft beschädigt werden, könnte dies nicht nur eine innenpolitische Medienfrage bleiben. Im Extremfall könnte sogar Israels Status innerhalb der EBU zum Thema werden – mit möglichen Folgen für den Eurovision Song Contest.

Analyse

Israel hat die Wahl

Der jüdische Staat stimmt über eine neue Knesset ab. Alles deutet auf eine Richtungsentscheidung hin

von Guy Katz  26.10.2026

26. Knesset

Nur noch ein Tag: Umfrage zu Israels Richtungswahl

Das Israel Democracy Institute befragte die Israelis zu ihren politischen Wünschen. Scheitert die Mehrheitsbildung, wollen die Israelis erneut wählen

von Sabine Brandes  26.10.2026

Korruptionsprozess

Der Milliardär und der Premier

Der australische Superreiche James Packer soll Netanjahu mit Luxus versorgt haben und kaufte eine Villa nebenan – nun floss mehr als eine Millionen Dollar an den Anwalt des israelischen Ministerpräsidenten

von Sabine Brandes  26.10.2026

Ben-Gurion-Universität

Israelische Studenten entwerfen Konzepte für kleine Atomkraftwerke

Sieht so die Zukunft der Energiegewinnung aus?

 26.10.2026

Jerusalem

Herzog: Trumps Einmischung in Wahlkampf hat keinen Einfluss auf Regierungsbildung

»Ich glaube nicht, dass der Präsident der Vereinigten Staaten oder irgendjemand sonst in meinen Ermessensspielraum eingreifen kann«, sagt das israelische Staatsoberhaupt

 26.10.2026

Jerusalem

Armeechef Zamir soll Befehle von Premier Netanjahu verweigert haben

Der Ministerpräsident soll eine bislang nicht näher beschriebene Militäraktion angeordnet haben, die nach Einschätzung von Sicherheitsvertretern eine neue Konfrontation mit dem Iran auslösen könnte

 26.10.2026

Wahl in Israel

Trump wirbt erneut für Netanjahu

»Wenn ihr zur Wahl geht, denkt bitte daran, dass Bibi ein herausragender Kriegsministerpräsident gewesen ist!«, schreibt Trump auf seinem sozialen Medium Truth Social

 26.10.2026

Zeitungsinterview

Ronald Lauder rechnet mit Netanjahu ab: »Er hat Politik über Frieden gestellt«

»Eines der Dinge, die Israel im Vergleich zu anderen Ländern so besonders gemacht haben, war seine echte Demokratie«, so der WJC-Präsident. »Was wir jetzt erleben, erinnert eher an eine Bananenrepublik«

 25.10.2026 Aktualisiert

Knessetwahl

Die Israel-Wahl in Zahlen

Rund 7,3 Millionen Wahlberechtigte, mehr als 12.000 Wahllokale und 450 Millionen Stimmzettel: Der Zentrale Wahlausschuss nennt Details zur Abstimmung am Dienstag

 25.10.2026