Ärzteproteste

Krankes Gesundheitswesen

Noch ist der längste Protest des medizinischen Personals in Israels Geschichte nicht vorbei. Zwar einigten sich Finanzministerium und Ärztevereinigung (IMA) am Mittwoch nach der vier Monate dauernden Krise auf ein Ende des Streiks und die Erfüllung gewisser Forderungen. Für einen Teil der Ärzte aber ist das nicht viel mehr als eine Farce. Die Assistenzärzte weigern sich weiterhin, das Abkommen zu akzeptieren und sind nun sogar bereit, dafür ihre Jobs aufs Spiel zu setzen.

In den vergangenen Wochen haben bereits mehr als 1.000 von ihnen ihre Kündigung eingereicht. Nach der Einigung mit der Regierung folgten ihnen weitere 300 in verschiedenen Teilen des Landes. »Ich hänge lieber meinen weißen Kittel an den Nagel, als dass ich mich auf dieses lächerliche Angebot einlasse«, rief ein Demonstrant vor dem medizinischen Zentrum Chaim Sheba Medical Center–Tel Hashomer in Ramat Gan nach der Bekanntgabe der IMA. Die jungen Ärztinnen und Ärzte wollen mit diesem Schritt ihre Vertretung drängen, neu zu verhandeln, bis alle Forderungen erfüllt sind. In 30 Tagen werden die Kündigungen rechtskräftig. In dieser Zeit, so hoffen sie, könne ein neues Ergebnis erreicht werden.

hungerstreik IMA-Chef Leonid Eidelman selbst war in den Hungerstreik getreten als der Protests der Mediziner auch nach 130 Tagen keine nennenswerte Ergebnisse gebracht hatte. Vergangene Woche beendete er ihn nach elf Tagen, als Finanzminister Yuval Steinitz auf einige der Bedingungen der Vereinigung einging.

Demzufolge werden innerhalb der nächsten zwei Jahre 1.000 zusätzliche Ärzte an Krankenhäusern eingestellt, vornehmlich in den Randgebieten. Zudem sollen die Nachtschichten der Assistenzärzte auf sechs pro Monat beschränkt werden. Im Februar hatte die Regierung bereits zugestimmt, die Anzahl der Krankenhausbetten zu erhöhen.

Eine der Hauptforderungen, die Anhebung des Stundensatzes für Assistenzärzte auf 50 Schekel (umgerechnet zehn Euro), wurde jedoch nicht erfüllt. Der Haupt-grund für die Assistenten, die Einigung strikt abzulehnen. Derzeit erhalten sie 24 Schekel in der Stunde, etwa 4,80 Euro, für maximale Belastung und bei Schichten bis zu 30 Stunden. Der Finanzminister feierte die Einigung als kompletten Erfolg: »Die Intervention des Premierministers war ein Segen. Beweis dafür ist dieser wichtige Durchbruch in den Verhandlungen.«

Schuli Suetitzky, eine junge Medizinerin am Ichilow-Krankenhaus von Tel Aviv, erklärte im israelischen Fernsehen, warum die Assistenzärzte nach wie vor demonstrieren: »Unser Arbeitsaufkommen ist enorm. Die Patienten, manche von ihnen sehr krank, liegen in den Fluren. Wir rennen ständig zwischen allen umher und arbeiten lange Schichten ohne Pausen. Ich habe gerade 26 Stunden hinter mir und bin müde.«

Suetitzky meint, dass das System dringend verbessert werden müsse und finanzielle Förderung brauche. Die Ärztevereinigung, sagt sie, spiele bei den Verhandlungen allerdings keine positive Rolle. »Diese Vereinbarung ist nicht nur für uns Assistenten schlecht, auch die anderen Ärzte werden gegen sie angehen. Sie bringt für alle Beteiligten nur Nachteile. Die Regierung lässt das Gesundheitswesen kollabieren.«

notaufnahme Zipora Levy hat die Zustände im israelischen Gesundheitswesen am eigenen Leib gespürt. Vor einigen Monaten wurde sie mit Bauchschmerzen in ein Krankenhaus im Norden des Landes eingeliefert. »Ich musste dort stundenlang warten, ohne dass mich auch nur ein Arzt gesehen hat.« Levy litt unter einer akuten Blinddarmentzündung und krümmte sich vor Schmerzen.

Erst, als ihr Mann lauthals um Hilfe gerufen habe, sei ein Arzt gekommen. »Ich hätte dort sterben können, es passierte nichts«, sagt Levy. Dem Personal aber gebe sie keine Schuld. »Sie waren in dieser Notaufnahme völlig unterbesetzt, hetzten immer nur hin und her. Es war wie in einem Film. Nur leider war es Wirklichkeit.«

Während es in der Peripherie des Landes oft katastrophale Engpässe bei der Versorgung von Patienten gibt, leiden auch die Top-Krankenhäuser in Tel Aviv und Jerusalem unter chronischem Ärztemangel. Stellen sind nicht besetzt, Stationen völlig überfüllt und die Beschäftigten überlastet.

Nadav Haim, der die Assistenten am Sheba vertritt, erklärt, dass die kollektive Kündigung keine leichte Entscheidung war: »Wir lieben unseren Beruf, doch unter diesen Bedingungen können wir nicht weiterarbeiten. Unsere Hände zitterten, als wir die Dokumente unterzeichneten. Aber als Ärzte haben wir eine Verantwortung, uns um eine bessere medizinische Versorgung für die nächsten Generationen zu kümmern.«

Die Anhebung ihres Stundenlohnes ist für sie eine Grenze, die nicht unterschritten werden darf. »Der Staat hat die Gesundheit jahrelang vernachlässigt jetzt kommt er mit ein paar Finanztricks«, kritisiert Haim die Vereinbarung zwischen Regierung und IMA. »Doch es bedarf eines echten Wandels hier.«

Essay

Der neue Jude

Warum ich Mitleid mit den Deutschen habe, die bis heute nicht begreifen wollen, dass wir keine wehrlosen Opfer mehr sind, sondern starke, selbstbestimmte Menschen, die hart zurückschlagen, wenn man uns angreift

von Zeev Avrahami  28.10.2026

Nachrichten

Auszählung, Expats, Einmischung

Kurzmeldungen aus Israel

von Sophie Albers Ben Chamo  28.10.2026

Israel

Dafür stehen die arabischen Parteien in Israel

Die arabisch geprägten Parteien in Israel haben bei der Parlamentswahl überdurchschnittlich gut abgeschnitten. Wofür setzen sie sich ein, was sind ihre Ziele?

 28.10.2026

Knesset-Wahl

Die arabische Antwort auf Ben-Gvir

Die israelischen Araber wehren sich mit dem Stimmzettel gegen den Sicherheitsminister – und könnten zum Königsmacher der nächsten Knesset werden

von Sabine Brandes  28.10.2026

Meinung

In der Sackgasse?

Sabine Brandes wünscht sich nach den Wahlen für Israel neue Bündnisse – trotz aller Schwierigkeiten

von Sabine Brandes  28.10.2026

Analyse

Israel steckt mal wieder im Patt

Der rechte Block gewinnt bei der Auszählung an Boden. Doch weder Regierungslager noch Opposition haben eine klare Mehrheit – und die arabischen Parteien werden zum entscheidenden Faktor

von Sabine Brandes  28.10.2026

Jerusalem

Demokraten-Chef fordert Koalition mit arabischen Parteien

Bei Israels Richtungswahl liegt Netanjahus Lager vorn, verfehlt aber die Mehrheit. Der Chef der Linksliberalen fordert eine Koalition der Opposition mit Beteiligung arabischer Parteien

 28.10.2026

Jerusalem

Israels Wahlergebnis bleibt offen, mehr als die Hälfte der Stimmen ausgezählt

Mit wie vielen Sitzen kann das Netanjahu-Lager rechnen? Wie sieht das bisherige Ergebnis der Opposition aus?

 28.10.2026 Aktualisiert

Jerusalem

Bis zu 650.000 »Sonderstimmen« könnten Israels Wahlergebnis noch verändern

Die Stimmen von Soldaten, Reservisten und weiteren Wahlberechtigten, die nicht in ihrem regulären Wahllokal abstimmen konnten, müssen noch einbezogen werden

 28.10.2026