Sicherheit

Kontrolle ist gut

Befragung: Sicherheitscheck am Ben-Gurion-Airport Foto: Flash 90

Sicherheit

Kontrolle ist gut

Experten empfehlen israelische Konzepte für Europa

von Sabine Brandes  29.03.2016 11:54 Uhr

Seit den grauenvollen Anschlägen von Brüssel diskutieren Fachleute aus aller Welt, wie sich Europa besser vor der terroristischen Gewalt schützen kann. Sicherheitsexperten aus Israel sind da selbstverständlich mit von der Partie. Schließlich verfügt kaum ein anderes Land über so viel Expertise zu diesem Thema wie der jüdische Staat. Aber eignen sich überhaupt israelische Methoden zur Terrorabwehr für Europas Metropolen? Wenn es nach Meinung vieler Kenner der Szene geht, führt wohl kaum ein Weg an ihnen vorbei. Für einige stellen sie sogar die einzigen Ansätze dar, um den Bedrohungsszenarien irgendwie effektiv begegnen zu können.

»Doch wir sollten uns mit Ratschlägen erst einmal zurückhalten«, erklärt Eran Lerman, ehemaliges Mitglied des nationalen Sicherheitsrates. Den Forscher am Begin Sadat Center für strategische Forschung und Dozent am Jerusalemer Shalem College stört der Ton mancher Israelis, der als Reaktion auf den Horror in Brüssel durch das Land tönte. »Nicht alles, was bei uns zum Einsatz kommt, ist in dieser Form ebenso in Europa machbar. Und auch wir haben manchmal versagt und mussten unsere Lektionen erst lernen.« Ob er damit auf Transportminister Yisrael Katz anspielt, der meinte, »die Belgier sollten weniger Schokolade essen und sich verstärkt um Sicherheit kümmern«, lässt Lerman offen.

Datenschutz
Auf die Frage, inwieweit sich israelische Methoden überhaupt auf Europa übertragen lassen, wo doch die Rechte des Individuums und der Datenschutz einen besonders hohen Stellenwert besitzen, antwortet er, dass dies der falsche Ansatz sei. »Schließlich ist es genau diese effektive Geheimdienstarbeit, die uns hilft zu verstehen, wer eigentlich der wahre Feind ist.

Gesetzestreue Muslime in ganz Europa können dann ihr normales Leben unbehelligt weiterführen. Die Alternative dazu ist doch nicht einfach nur die ideale Welt, in der die Menschenrechte von allen geachtet werden. Vielmehr drohen noch mehr Spannungen zwischen den verschiedenen Gemeinschaften, und die Terrorgefahr gerät endgültig außer Kontrolle. Damit würde sich der Alltag sowohl der Mehrheiten wie auch der Minderheiten zu einer wahren Hölle entwickeln.«

Keiner könne sich eine Welt vorstellen, in der die Terroristen weiterhin ungehindert Unschuldige ermorden und nichts dagegen unternommen wird, nur weil weiterhin die traditionelle Weltsicht vorherrscht, dass die Rechte des Individuums über allem stehen. »Das werden selbst die Europäer auf Dauer nicht akzeptieren. Als Reaktion drohen Gewalttaten gegen Muslime. Dann geht es nicht mehr allein darum, wer eine echte Gefahr darstellt und wer nicht – und das kann sich niemand wünschen.«

Deshalb müsse man von einigen überholten Ansichten abrücken und realisieren, dass eine intensive Geheimdienstarbeit einfach notwendig ist. Vor allem in Kooperation mit anderen betroffenen Staaten. »Das ist die beste Garantie gegen Rassismus und die Zerstörung der offenen Gesellschaften«, zeigt sich Lerman überzeugt.

Racial Profiling Oft setze man eine enge Überwachung der Risikogruppen sowie Racial Profiling mit Rassismus gleich. Doch das sei definitiv falsch. Denn nur auf diese Weise sei ein friedliches Miteinander aller gesellschaftlichen Gruppen garantiert. Das schließe die absolute Mehrheit der Muslime mit ein, die gleichfalls von einem Mehr an Sicherheit profitiere.

Dass ein Mentalitätswandel in Europa quasi über Nacht erfolgt, daran glaubt der Experte aber nicht wirklich. »Die Europäische Union hat im Unterschied zur NATO bis dato keine einzige funktionierende Instanz aufgebaut, wo Informationen der nationalen Geheimdienste ausgetauscht und vernünftig ausgewertet werden und man Aktivitäten koordiniert. Offensichtlich mangelt es immer noch an dem richtigen Bewusstsein für die Dringlichkeit dieser Probleme.« Dabei verletzen laut Lerman all diese Maßnahmen zur Terrorabwehr keinesfalls die Rechte des Individuums: »Das Gegenteil ist doch der Fall. Schließlich ist es auch ein Menschenrecht, unversehrt von der Arbeit nach Hause zurückkehren zu können.«

Um das Thema Terrorgefahr und Flugverkehr kümmert sich zum Beispiel Schlomo Harnoy. Der Unternehmer und ehemalige Mitarbeiter des Inlandsgeheimdienstes Schin Bet ist überzeugt: »Die Europäer müssen für besonders sensible Orte wie Flughäfen, Bahnhöfe oder Kraftwerke dringend andere Konzepte entwickeln und die daraus abgeleiteten Strategien sofort implementieren.«

Für eine Neubewertung der Sicherheitslage ist es seiner Meinung nach einfach unerlässlich, alle terroristischen Bedrohungsszenarien in Betracht zu ziehen und durchzuspielen. So empfiehlt Harnoy, jeden Vorfall aus der Vergangenheit einer umfangreichen Analyse zu unterziehen. »Wir haben unser Sicherheitskonzept beispielsweise aus den Erfahrungen von 80 versuchten Anschlägen auf den Luftverkehr in Israel ausgearbeitet. Leider mussten wir auch einige Fehlschläge hinnehmen, haben aber daraus immer wieder neue Lehren gezogen.«

Besonders wichtig ist für ihn die Aufrechterhaltung eines hohen Maßes an Wachsamkeit. Vor allem auf Flughäfen darf es keine Schwachstellen geben. »Sollte dennoch das Worst-Case-Szenario eintreten und ein Anschlag geschehen, muss innerhalb kürzester Zeit der Alltag wiederhergestellt werden«, betont der Sicherheitsexperte. »Auch das muss im Vorfeld genauestens durchgeplant sein.« Nur erfahrene Fachleute sollten damit betraut werden. »Das fällt wirklich nicht in den Aufgabenbereich von Polizei oder Armee. Umfassende Sicherheitskonzepte erfordern schließlich ein ganz besonderes Know-how.« Und das ist in Europa offensichtlich noch Mangelware.

Nahverkehr »Wenn ein Flughafen drei Stunden nach einem Terroranschlag nicht wieder funktioniert, ist etwas falsch gelaufen. Das war in Brüssel eindeutig der Fall. In Israel stoppen wir ja auch nicht nach einem Terrorangriff auf einen Bus den gesamten Nahverkehr.« Harnoy erläutert, warum dies so wichtig ist: »Eines der Hauptziele von Terroristen ist es, Panik zu verbreiten und das öffentliche Leben zum Stillstand zu bringen. Lassen wir das zu, motivieren wir die Attentäter zu weiteren Anschlägen«.

»Das normale Leben muss weitergehen – egal, was geschieht«, so sein Fazit. »Das ist für alle Betroffenen sowie die gesamte Bevölkerung von größter psychologischer Bedeutung.« Als Beispiel nennt Harnoy die anonymen Warnungen, die kürzlich bei der deutschen Polizei vor zwei Fußballspielen eingingen. Beide wurden daraufhin abgesagt. »Völlig falsch«, meint Harnoy, »denn damit haben die Terroristen ihr Ziel erreicht. Und das sollte in jedem Fall verhindert werden.«

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