Hisbollah

Irans stärkster Proxy wankt

Ein Doppelporträt des getöteten Hisbollah-Anführers Nasrallah und Irans einstigem Ajatollah Chomeini vor einer zerstörten Hisbollah-Bank in Beirut Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS

Über Jahrzehnte war die Hisbollah die schlagkräftigste Terrormiliz im Nahen Osten – bis an die Zähne bewaffnet, finanziert und politisch gestützt vom Regime in Teheran. Doch nach Jahren der Kriege und Niederlagen wirkt die schiitische Organisation heute wie ein Schatten ihrer selbst. Während Israel und die USA gegen den Iran Krieg führen, versucht die Hisbollah im Libanon zunehmend, ihre Rolle neu zu definieren und sich zumindest rhetorisch von ihrem wichtigsten Geldgeber zu distanzieren.

Nachdem der jahrzehntelange Generalsekretär Hassan Nasrallah im September 2024 durch einen israelischen Angriff auf sein Hauptquartier getötet worden war, übernahm Naim Kassim. Dessen neue Linie zeigte sich kürzlich in einer Fernsehansprache. »Die Raketenangriffe auf Israel sind eine Reaktion auf israelische Verletzungen der Waffenruhe«, erklärte er und betonte, die Angriffe stünden »in keinem Zusammenhang mit irgendeiner anderen Schlacht«. Eine bemerkenswerte Formulierung mitten im aktuellen Konflikt.

Die Hisbollah entstand in den 80er-Jahren mit iranischer Unterstützung, wurde von dessen Revolutionsgarde ausgebildet und entwickelte sich zum zentralen Instrument der imperialistischen Bestrebungen des Iran im östlichen Mittelmeer.

»Man kann den Iran nicht vom Libanon trennen«

Shmuel Bar, einst hochrangiger israelischer Geheimdienstmitarbeiter, ist heute Sicherheitsforscher und Mitglied der Organisation »Commanders for Israel’s Security«. Aus seiner Sicht sei der Einfluss des Mullah-Regimes auf die Miliz kaum zu überschätzen. »Man kann den Iran nicht vom Libanon trennen. Die Hisbollah steht komplett unter der Kontrolle der iranischen Revolutionsgarde«, erklärt er. Lange Zeit sei sie das wichtigste Instrument der regionalen Strategie Teherans gewesen. »Die Hisbollah war das Kronjuwel unter den Teheraner Proxy-Stellungen.«

Andere Verbündete des Iran – Milizen im Irak und in Syrien sowie die Huthi im Jemen und die Hamas in Gaza – seien derzeit deutlich eingeschränkter handlungsfähig. Deshalb setze Teheran besonders auf die Hisbollah. Zwar bleibe die Organisation finanziell und militärisch stark vom Iran abhängig, doch Teheran habe derzeit andere Probleme, als große Ressourcen in seine Stellvertreter zu investieren, so Bar.

Israel sei sich dessen bewusst gewesen und habe sich deshalb 2024 entschieden, einen Präventivschlag gegen die Terrororganisation zu führen. Man wolle jedoch nicht erneut tief in den Libanon eindringen, sondern die Hisbollah so weit schwächen, dass die libanesische Armee und die Regierung die Kontrolle übernehmen können. »Das ist derzeit die Schlüsselstrategie Israels«, so der Experte. »Denn es ist eine ideale Möglichkeit, den Wiederaufbau der Hisbollah zu stoppen.«

Zugleich wolle Israel verhindern, dass die Miliz – wie nach den Hamas-Massakern vom 7. Oktober 2023 – erneut den Norden unter Dauerbeschuss nimmt. »Man will auf keinen Fall wieder evakuieren. Das wäre ein falsches Signal«, sagt Bar. »Stattdessen will Israel dem Libanon ein für alle Mal klarmachen, dass er mit der Hisbollah auf das falsche Pferd setzt.«

Es gibt Stimmen im Land, die Israel danken, das Ende der Hisbollah eingeläutet zu haben.

Es scheint, dass auch über die Grenzen des Libanon hinaus der Einfluss Teherans zunehmend abgelehnt wird. Die neue Führung Syriens unter Interimspräsident Ahmed al-Scharaa versucht, den iranischen Einfluss im Land einzudämmen. Nach Beginn des Krieges stationierte al-Scharaa Truppen an der Grenze zum Libanon. Am Dienstag meldete Damaskus einen Artillerieangriff der Hisbollah auf einen Militärstützpunkt nahe der Grenze. Der frühere syrische Diktator Baschar al-Assad war ein enger Verbündeter des Iran und der Hisbollah.

Hinzu kommt die wachsende Ablehnung im Libanon selbst. Die Regierung steht unter enormem Druck: wirtschaftliche Krise, politische Instabilität und die Angst vor einem weiteren verheerenden Krieg mit Israel. Nun scheint es, als versuche Beirut erstmals ernsthaft, das Machtmonopol der Hisbollah anzutasten. Nach neuen Raketenangriffen auf Israel erklärte Ministerpräsident Nawaf Salam, die Entscheidung über Krieg und Frieden liege ausschließlich beim Staat, und verbot Tätigkeiten der Miliz. Gleichzeitig gibt es Berichte, dass Sicherheitskräfte mutmaßliche Hisbollah-Kämpfer festnehmen und Waffen beschlagnahmen. Für die Terrorgruppe eine dramatische Entwicklung. Jahrzehntelang war sie faktisch ein Staat im Staat – mit eigener Armee, Raketenarsenal und großem Einfluss auf die Politik.

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Auch innerhalb der libanesischen Gesellschaft wächst der Widerstand. Viele Menschen werfen der Hisbollah vor, das Land immer wieder in Konflikte hineinzuziehen, die vor allem iranischen Interessen dienen. Selbst frühere Unterstützer äußern zunehmend Frustration darüber, dass der Libanon für regionale Machtspiele geopfert werde. Die berühmte libanesische Sängerin Elissa betonte etwa, die Miliz habe ihrem Land mehr Leid als Sicherheit gebracht und es sei »ein Terrorproblem, das den Libanon immer weiter in die Krise zieht«. Es gibt sogar Stimmen im Land, die Israel dafür danken, das Ende der Hisbollah eingeläutet zu haben.

Menschenrechtsorganisationen warnen

Währenddessen hat die israelische Armee (IDF) in mehreren südlichen Bezirken des Libanons Hunderttausende Zivilisten aufgerufen, ihre Dörfer zu verlassen. Menschenrechtsorganisationen warnen, die Evakuierungen könnten gegen internationales humanitäres Recht verstoßen, da sie Zivilisten zur Flucht zwingen, statt sie zu schützen. Libanesische Medien berichteten von Häusern, die durch Raketenbeschuss zerstört wurden, und von Toten und Verletzten. Die UN geht von mehreren Hundert zivilen Toten im Süden des Libanon aus, dazu kommen Tausende Verletzte und noch mehr Obdachlose.

Am Dienstag schlug die Regierung in Beirut vor, Verhandlungen mit Israel aufzunehmen, um den Krieg mit der Hisbollah zu beenden und möglicherweise ein Friedensabkommen zu erzielen. Das berichteten mit der Angelegenheit vertraute Quellen dem US-Nachrichtenportal »Axios«. Beirut habe direkte Gespräche mit Israel auf Ministerebene in Zypern vorgeschlagen. Einige Hisbollah-Mitglieder sollen einem solchen Abkommen gegenüber aufgeschlossen sein, hieß es. »Die Trump-Regierung hat kein Interesse an einer Zusammenarbeit mit dem Libanon«, sagte jedoch eine weitere informierte Quelle gegenüber »Axios«. Das Büro von Premier Benjamin Netanjahu reagierte bislang nicht.

So entsteht ein paradoxes Bild: Eine Miliz, die einst als Speerspitze der iranischen »Achse des Widerstands« galt, versucht ihre Rolle neu zu definieren – nicht mehr als regionaler Stellvertreter im Namen der Mullahs, sondern als angebliche nationale Verteidigungskraft des Libanon. Ob diese Neujustierung im eigenen Land gelingt, ist schwer vorherzusagen. Klar ist jedoch: Die Hisbollah befindet sich in einer Phase tiefgreifender Schwäche – militärisch, politisch und gesellschaftlich.


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