Geiseln

In Lebensgefahr oder tot?

Zehntausende von Menschen demonstrierten am Samstagabend für einen Geiseldeal. Foto: Flash90

Die jüngsten Aussagen über die Geiseln in Gaza verwirren die Israelis und schüren Panik bei den Familien der von der Terrororganisation Hamas verschleppten Menschen. US-Präsident Donald Trump sprach kürzlich von »weniger als 20 lebenden Geiseln«. Angehörige verurteilten diese Aussagen, verlangten Aufklärung und betonten, sie hätten keinerlei neuen Informationen zum Zustand ihrer Liebsten erhalten. Die Geiseln werden seit 688 Tagen unter unmenschlichen Zuständen gefangengehalten.

Bei einer Veranstaltung reklamierte Trump die Verantwortung für frühere Geiselbefreiungen und sagte, die Hamas weigere sich nun, einen Deal einzugehen. »Jetzt haben sie zwar 20, aber die 20 sind wahrscheinlich gar keine 20, weil ein paar vielleicht nicht mehr am Leben sind. Es ist schrecklich.«

Zwar dementierten Vertreter der israelischen Regierung schnell, doch dann hieß es in einem Fernsehbericht des lokalen Senders 12, Israel gehe davon aus, dass »mindestens ein oder zwei« Geiseln in akuter Lebensgefahr schweben und dringend medizinische Hilfe benötigen würden. »Die Freilassung der Geiseln ist dringend erforderlich«, machte ein anonymer hochrangiger Beamter klar.

20 der 50 Geiseln der Hamas sollen noch am Leben sein

Nach den Angaben von israelischen Sicherheitskräften befinden sich derzeit noch 50 Geiseln in der Gewalt der Terrororganisation. 20 von ihnen, alles jüngere Männer, sollen noch am Leben sein.

Stunden nach Trumps Äußerungen bekräftigte der Geiselkoordinator der Regierung, Gal Hirsch, in einer Nachricht an die Familien die offizielle Einschätzung. Er erklärte, dass nach israelischen Geheimdienstinformationen 20 Geiseln noch am Leben seien, zwei sich in kritischem Zustand befänden, 28 tot seien und als »gefallene Geiseln« eingestuft würden.

Angehörige bezeichneten Trumps Äußerungen als unzutreffend und zutiefst verletzend. »Es gibt 50 Geiseln«, erklärte das Forum für Geiselfamilien. »Für uns ist jeder einzelne von ihnen eine ganze Welt. Wenn Minister Ron Dermer, der nur mit den Amerikanern spricht, sich aber nicht mit Geiselfamilien trifft, etwas anderes weiß, hätte er uns vorher informieren sollen. Unsere heilige Pflicht ist es, Opfer zu verhindern und alle nach Hause zu bringen.«

Israelischer Regierungsvertreter: »Mindestens ein oder zwei Geiseln schweben in akuter Lebensgefahr schweben und benötigen medizinische Hilfe. Die Freilassung ist dringend erforderlich.«

Die zunehmende Sorge um die Geiseln entstand, während die israelische Armee eine groß angelegte Operation zur Eroberung von Gaza-Stadt vorbereitet und gleichzeitig internationale Bemühungen aufflammten, die Seiten wieder an den Verhandlungstisch zu bringen, um die Geiseln nach Hause zu bringen und die Besetzung zu verhindern.

Dem israelischen Kanal 13 zufolge habe Premierminister Benjamin Netanjahu am Samstag beschlossen, eine Verhandlungsdelegation zu Gesprächen zu entsenden. Fast eine Woche zuvor hatte die Hamas erklärt, sie habe angeblich einem Vorschlag für eine schrittweise Freilassung der Geiseln zugestimmt.

Netanjahus Entscheidung sei gefallen, nachdem ihm in einem Treffen mitgeteilt worden war, dass die Geiseln von ihren Entführern hingerichtet oder durch israelische Munition getötet werden könnten, sollte die Armee ihre geplante Einnahme von Gaza-Stadt fortsetzen, hieß es in dem Bericht weiter.

Die Familien drängen die Regierung weiterhin zu einer Einigung, damit die Geiseln nach Hause kommen und der Krieg in Gaza beendet wird. Am Samstagabend gingen wieder Zehntausende im ganzen Land dafür auf die Straßen.

Demonstrationen vor Häusern der Minister

Angehörige, die einen Geiseldeal forderten, demonstrierten am Sonntagmorgen auch vor den Häusern von Ministern und forderten sie auf, ein Abkommen zu unterstützen, durch das ihre Liebsten befreit werden. »Wir sind gekommen, um dem Kabinett einen Weckruf zu versetzen«, erklärte das Forum der Geiselfamilien dazu. Die Entscheidung der Regierung, »unsere Angehörigen auf dem Altar eines ewigen Krieges zu opfern, zeigt, dass sie vom Pfad abgekommen ist«.

Das Abkommen, dem die Hamas Anfang dieser Woche zugestimmt hatte, sieht einen 60-tägigen Waffenstillstand im Gazastreifen und die Freilassung von zehn lebenden Geiseln vor. Während der Feuerpause sollen weitere Gespräche über die Freilassung der verbleibenden entführten Menschen und die endgültige Beendigung der Kämpfe stattfinden.

Obwohl Israel diesem Rahmenabkommen bereits vor Monaten zugestimmt hatte, besteht der Premier nun auf einem umfassenden Abkommen anstelle einer partiellen, schrittweisen Vereinbarung. Netanjahus Vision zur Beendigung des Krieges umfasst die Entwaffnung der Hamas und die Entmilitarisierung des Gazastreifens sowie die Übertragung der Regierungsgewalt an eine Organisation, die weder die Hamas noch die Palästinensische Autonomiebehörde ist.

Israel

Warnung vor Hamas-Überfall ignoriert? Netanjahu dementiert

Emiratischer Präsident soll Netanjahu angerufen haben. Netanjahu reagierte angeblich gelassen. Emirate wollen sich nicht zu Berichten äußern

 08.09.2026

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

Netflix

Wenn Fiktion auf Realität trifft

Die israelische Erfolgsserie »Fauda« meldet sich mit einer eindrucksvollen neuen Staffel zurück

von Sarah Cohen-Fantl  08.09.2026

Reaktion

Israel schließt britisches Konsulat in Jerusalem

Die britische Labour-Regierung will einen härteren Kurs im Umgang mit Israels Siedlungspolitik einschlagen und beschließt Sanktionen. Nun reagiert Israel

 08.09.2026

Meinung

London belohnt die Verweigerungshaltung der Palästinenser

Mit ihren Sanktionen gegen israelische Siedlungen will die britische Regierung im Nahost-Konflikt einer Zwei-Staaten-Lösung näher kommen. Doch sie zeigt vor allem: Verhandeln lohnt sich nicht, Blockade und Terror aber sehr wohl

von Daniel Neumann  08.09.2026

Jerusalem

Gadi Eisenkot baut Vorsprung vor Netanjahu aus

Seine Partei Yashar könnte damit auf eine Mehrheit von 61 Sitzen kommen, ohne auf arabische Parteien angewiesen zu sein.

 08.09.2026

Luftfahrt

Delta und United fliegen wieder nach Israel

Auch europäische Linien bereiten eine Wiederaufnahme ihrer Routen zum Ben-Gurion-Flughafen vor

 08.09.2026

Jerusalem

Bericht: Netanjahu wurde vor dem 7. Oktober von den Vereinigten arabischen Emiraten gewarnt

»Seine Missachtung der Warnungen kommt einer strafrechtlich relevanten Fahrlässigkeit gleich«, erklärt der frühere Ministerpräsident Naftali Bennett

 08.09.2026

Jerusalem

Oberstes Gericht weist Klage von Israelis im Ausland wegen fehlendem Wahlrecht ab

Die Richter entschieden nicht über die grundsätzliche Frage, ob die Betroffenen zu Unrecht von der Wahl ausgeschlossen wurden, sondern verwarfen den Antrag aus verfahrensrechtlichen Gründen

 08.09.2026

Kommentar

Warum der Börsenverein des Deutschen Buchhandels nie wieder »Nie wieder!« sagen sollte

Wer Antisemitismus nur dort bekämpft, wo es bequem ist, bekämpft ihn nicht – und wer wie im Fall Maha El Hissy konkrete Vorwürfe nicht ernsthaft prüfen will, sollte aufhören, zu erklären, wie ernst er diesen Kampf nimmt

von Andreas Büttner  08.09.2026