Rio 2016

Im Zeichen der Ringe

Noch bis zum Sonntag herrscht in Tel Aviv Samba-Stimmung. Foto: Flash 90

Eine Runde Chaser aufs Haus für jeden neuen Weltrekord!» Mit diesem hochprozentigen Versprechen lockt während der Olympischen Sommerspiele in Rio de Janeiro Mike’s Place, eine der populärsten Anlaufstellen für Sportfans in ganz Tel Aviv. Mehrere riesige Flatscreens übertragen die Events. Und der Laden brummt.

Überall sieht man Israelis und Touristen bei Bier und Burger sitzen, wie sie die Wettkämpfe verfolgen und mitfiebern. Bereits zur Eröffnungsfeier am 5. August hatten die Besitzer der Bar ein spezielles Event auf die Beine gestellt. Zuerst heizte die Band «Captain Ramzi» die Stimmung an, dann lief ab zwei Uhr nachts die Live-Übertragung der Zeremonie aus Rio – schließlich beträgt der Zeitunterschied zwischen Israel und Brasilien satte sechs Stunden. Zwar ist Tel Aviv die Stadt, die niemals schläft, aber von richtigen Olympiafans erfordert das auf Dauer doch ganz schön viel Durchhaltevermögen.

«Die Show war es aber definitiv wert, wach zu bleiben und durchzumachen», sagt Adam Auerbach, ein 24-jähriger Altenpfleger aus Bat Yam. «Beim Einzug der israelischen Mannschaft haben alle im Lokal frenetisch geklatscht.» Schließlich hatte der jüdische Staat das bis dato größte Team an Sportlern in seiner Geschichte an die Copacabana entsandt: 47 Athletinnen und Athleten, zehn mehr als noch 2012 in London. In insgesamt 16 Disziplinen treten sie an.

medaillen Sie sollen endlich wieder Medaillen holen. Denn 2012 ging Israel leer aus. 2008 in Peking gab es nur einmal Bronze im Windsurfen für Schahar Zubari. Und dass jemand mit Gold nach Israel zurückkehrte, ist auch schon zwölf Jahre her. «Doch diesmal scheinen wir ein wenig mehr Glück zu haben», freut sich Efrat Elyakim über die zwei Bronzemedaillen, die Yarden Gerbi und Or Sasson in den Judo-Wettkämpfen gewonnen haben. «Da ist natürlich noch Platz für mehr», so die 45-jährige Lehrerin aus Givatayim, die extra an den Hafen von Tel Aviv gefahren ist.

Dort gibt es nämlich bis zum 19. August jeden Tag – außer am Schabbat – ein gut besuchtes Public Viewing. Beginn ist zwischen 18.30 und 23 Uhr, Schluss manchmal erst um fünf Uhr morgens. Wer will, kann sich auf einem eigens aufgebauten Siegertreppchen für einen Moment selbst wie ein Medaillengewinner fühlen und sich fotografieren lassen. Davon sind vor allem die Kinder begeistert.

Auch im Hafen gaben einige musikalische Urgesteine wie Ethnix und Dr. Kasper’s Rabbit Show ihr Bestes, sodass die Olympiafans auf den Beinen blieben. Darüber hinaus sorgte zu Beginn der öffentlichen Übertragung eine kleine Samba-Tanzeinlage mit viel Trommelwirbel für die richtige Brasilien-Stimmung. «Zum Glück sind gerade Sommerferien, und ich muss morgen nicht arbeiten», sagt Elyakim erleichtert. Wie ihre olympiareifen Augenringe verraten, ist es offensichtlich nicht ihr erster Abend am Hafen.

Sofa Aber Public Viewing ist nicht jedermanns Sache. Shmulik Karni zum Beispiel, ein 54-jähriger Sales Manager aus Kfar Shmaryahu, schaut sich die Spiele lieber vom heimischen Sofa aus an. Über das Outfit der Sportler der israelischen Olympia-mannschaft, bereits zum sechsten Mal von den Designern der Modekette Castro entworfen, kann er nur lästern: «Die Sportler sehen eher wie EL-AL-Flugbegleiter aus den 70er-Jahren aus als Athleten.» Aber richtig aufgeregt haben ihn ganz andere Dinge. «Es ist einfach widerlich, wenn die Olympiadelegation aus dem Libanon israelische Sportler daran hindert, in denselben Bus zu steigen, oder der ägyptische Judoka Islam El-Shehaby nach seiner Niederlage gegen Or Sasson ihm anschließend den Handschlag verweigert.» Natürlich kennt man all das als israelischer Athlet schon lange.

Die Liste der Boykottaktionen durch iranische, malaysische oder arabische Sportler bei internationalen Wettkämpfen oder den Olympischen Sommerspielen ist schier endlos. Deshalb sind die Vorfälle in Rio de Janeiro auch keine wirkliche Überraschung. «Aber der offensichtliche Unwille der Verantwortlichen, so ein Verhalten endlich einmal ernsthaft zu sanktionieren, das ist der eigentliche Skandal», meint Karni. «Schließlich wird der olympische Geist auf diese Weise mit Füßen getreten.»

Vor vier Jahren erst hatte Jacques Rogge, der damalige Präsident des Internationalen Olympischen Komitees, noch vollmundig erklärt, dass in London jeder Athlet, der sich weigert, gegen andere anzutreten, nur weil deren Nationalität oder ethnische Herkunft ihm nicht behagen, mit einer Strafe zu rechnen habe. Wohl wissend, dass damit vor allem der Iran gemeint war, reagierte Mohammad Abbassi, Sportminister der islamischen Republik, prompt und sprach ganz unverblümt davon, dass die Weigerung, «mit zionistischen Athleten einen Wettkampf einzugehen, zu den Werten des iranischen Volkes sowie seiner Sportler gehört und Quelle unseres Stolzes ist». Folgen hatte diese Äußerung keine. Ebenso wenig die Ankündigung Rogges.

Manöver
Und wenn es darum geht, nicht gegen Israelis antreten zu müssen, fällt Sportlern immer wieder etwas Neues ein. So wie jetzt im Fall der saudischen Judoka Joud Fahmy, die sich beim Training angeblich so stark an Armen und Beinen verletzt hatte, dass sie auf Anraten ihrer Mediziner nicht weiter in Rio de Janeiro kämpfen konnte. Der israelische TV-Sender Arutz 2 vermutet dahinter ein klares Manöver: «Die Sportlerin aus Saudi-Arabien wollte schlichtweg einem möglichen Kampf mit der Israelin Gili Cohen aus dem Weg gehen.»

Dennoch herrscht bei den meisten Israelis weiterhin Begeisterung für die Olympischen Spiele. Aber nicht überall. «Mich interessiert eher Fußball», gibt Ziv Melcher zu. «Ich hoffe, ich kann das Spiel im ›Mate‹, meiner Lieblingssportbar auf der Dizengoff, sehen, und es läuft dort kein Olympia», so der 50-jährige Rechtsanwalt aus Tel Aviv. Zudem haben Bundesliga, UEFA-Superpokal oder die EM aus seiner Sicht im Vergleich zu den Spielen in Rio de Janeiro einen unschlagbaren Vorteil: «Man muss sich nicht die ganze Nacht um die Ohren schlagen, um sie zu schauen.»

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