Porträt

»Ich muss nirgendwo mehr hin«

Angekommen: Esther Buess am Hafen der Mittelmeermetropole Foto: Sabine Brandes

Porträt

»Ich muss nirgendwo mehr hin«

Die »Lindenstraßen«-Schauspielerin Esther Buess lebt jetzt in Tel Aviv

von Sabine Brandes  29.04.2013 18:02 Uhr

Freitags hat Esther Buess ihre ganz persönliche Routine. Erst erledigt sie die Einkäufe fürs Wochenende, dann setzt sie sich in ein Café. Allein, nur mit einem Buch. »Ich nehme die Atmosphäre der Stadt auf. Meiner Stadt. Das brauche ich, damit es mir gut geht«, erzählt sie und lacht herzlich. »Ihre Stadt« ist Tel Aviv. Vor etwas mehr als einer Dekade zog die Schauspielerin hierher. Zehn Jahre, die nicht immer leicht waren. Und doch will sie nie wieder weg.

Ein Drehbuch hätte ihr eigenes Leben kaum spannender schildern können. Es handelt von Überraschungen, die alles verändern, von Liebe und Verlust. Geboren ist Esther Buess 1950 im schweizerischen Basel als Tochter einer jüdischen Mutter und eines christlichen Vaters. Mit 14 Jahren entdeckt sie ihr Judentum, das in der Familie bis dahin nie Thema war. Den Eltern gefällt das nicht. Doch die junge Esther hat ihren eigenen Kopf. Auch bei der Berufswahl: Schauspielerin muss es sein. »Für mich gab es nichts anderes«, ist ihr schon damals klar.

Schock Als junge Frau verlässt sie 1974 die Enge der Schweiz und geht nach Deutschland. »Man hätte meinen können, das Leben da und dort sei ähnlich gewesen. Doch für mich war es der totale Kulturschock.« Auch der Umgang mit der Schoa befremdet sie. »Ich kam vor der Zeit der Aufarbeitung an, überall gab es nur Schweigen. Und viele der Täter lebten ja noch.« Paradoxerweise habe gerade die Zeit in Deutschland sie in ihrer jüdischen Identität bestärkt.

29 Jahre bleibt sie im Land und arbeitet als Schauspielerin. Auf der Liste ihrer Rollen stehen die Agnes aus Schule der Frauen von Molière, Luise Millerin aus Schillers Kabale und Liebe sowie Ibsens Nora. Sie hat Engagements an verschiedenen Bühnen, in Bruchsal, Göttingen, Heidelberg, Hannover, Hamburg, Münster, spielt bei Sommerfestspielen mit und geht mit verschiedenen Produktionen auf Tournee. Ihr Leben gleicht dem einer Vagabundin. »Im Weglaufen war ich wohl schon immer ganz gut.«

Auf ihrer letzten deutschen Station, in Köln, knüpft sie Kontakte zum WDR, spielt kleinere Rollen in Serien wie Lindenstraße und spricht in Hörspielen. »Doch der Karrieretyp war ich nie, kann keine Ellenbogen einsetzen. Deshalb kam ich wohl nicht so weit, wie ich hätte kommen können.« 1994 dann steigt sie als Dialog-Coach bei der neuen Serie Verbotene Liebe ein. Der Regisseur ist Dudu Zahavi, ein Israeli.

Schicksal 1994 ist für Esther Buess ein schicksalhaftes Jahr. Nach Jahrzehnten fliegt sie zum ersten Mal wieder nach Israel. »Am liebsten wäre ich gleich für immer geblieben«, sagt sie. Doch es sollte noch sechs Jahre dauern, bis sie endgültig die Koffer packt. In der Zwischenzeit erkrankt ihre Mutter an Krebs und stirbt. Und Esther verliebt sich. In einen Israeli namens Ascher. »Meine Zeit in Deutschland war abgelaufen, das habe ich deutlich gespürt. Die letzten Jahre war ich nicht mehr richtig da.«

Im Januar 2003 zieht sie mit Sack und Pack bei Ascher ein. In Israel angekommen, ist sie glücklich. »Hier waren auf einmal alle wie ich. Das war ein ganz umwerfendes Gefühl.« Natürlich habe sie nach einer Weile der Alltag eingeholt, in der Realität sah auch das Gelobte Land nicht so rosig aus wie am Anfang. Dennoch schwärmt Esther Buess noch immer von der Leichtigkeit des Lebens. »Obwohl es hier oft viel schwerer ist als in Deutschland, ist es gleichzeitig so viel einfacher.« Es existiere eine Lebenslust, die sie so nirgendwo anders gespürt habe.

Diese Worte sagt sie, obwohl ihr Lebensgefährte nur zwei Jahre nach ihrem Umzug eine grausame Diagnose erhält. Ascher ist an PSP erkrankt, einem Syndrom, das zur Parkinson-Familie gehört und für das es keine Heilung gibt. Dennoch hat sie nie daran gedacht, zu gehen. »Wenn Leute mich das gefragt haben, war ich geschockt. Für mich war immer klar: Das stehen wir gemeinsam durch. Etwas anderes konnte ich gar nicht denken.« Bis zu seinem Tod im Februar 2011 bleibt Esther an Aschers Seite, organisiert das gemeinsame Leben und pflegt ihn – neben ihrem Vollzeitjob als Archivarin in einem Patentanwaltsbüro in Tel Aviv.

Leidenschaft Auch in Israel gibt Esther ihre große Leidenschaft nicht auf. Sie registriert sich bei der dortigen Schauspielerorganisation und spielt in einer Truppe aus Neueinwanderern mit. Dann trifft sie die Tänzerin Eva Elkayam. Gemeinsam mit der Deutschen, die ebenfalls nach Israel einwanderte, entwickelt sie das Multimediastück Die Erben des Schweigens. Es geht um die zweite und dritte Generation von Schoa-Überlebenden. Auch aus deutscher Sicht.

»Trotz dieser fast unerträglichen Last hat man das Recht auf sein eigenes Leben. Das will das Stück vermitteln«, sagt Esther Buess. Die Künstlerinnen standen bereits in Yad Vashem auf der Bühne, ebenso im Bet Zion America in Tel Aviv. Zunächst spielten die Frauen auf Deutsch, mittlerweile auch auf Hebräisch. Im Sommer ist eine Tournee durch deutsche Städte geplant.

Beschwingten Schrittes geht Esther an diesem Samstagnachmittag am Meer entlang. Um den Hals baumelt rhythmisch eine Kette mit zwei Anhängern, einem Davidstern und einem »Chai«, dem Zeichen für Leben. Sie genießt es jeden Tag. Pessimismus ist ihre Sache nicht. »Ich bin hier einfach angekommen. Und ich muss nirgendwo anders mehr hin.«

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