Keine Sahne, kein Hüttenkäse, kaum Butter. Gähnende Leere im Kühlregal des Makolet. »So ist das schon seit Monaten«, sagt Eigentümer Shalom Biton und winkt ab. Die Märkte im Tante-Emma-Stil stehen bei Israelis besonders für kleine Einkäufe hoch im Kurs, wenn die Milch für den Morgenkaffee alle ist, man eine Flasche Wein fürs Date braucht oder Hüttenkäse für das Abendessen. Der »Cottage« darf auf keinem Abendbrottisch fehlen – tut er aber in letzter Zeit.
Biton gehört der Makolet in der Herzlstraße in Netanja. Das meistbenutzte Wort der vergangenen Monate sei »chasser«, Hebräisch für »fehlt«, berichtet er. Milchprodukte seien bereits seit Juni knapp. »Meist kommt nur eine kleine Charge an, oft gar nichts«, beklagt er sich. Seine Kunden würden meckern, weil vor allem der Cottage immer schon am späten Vormittag ausverkauft sei.
Deshalb hat er nun einen Zettel an seine Kühltheke geklebt: »Cottage 5 %: beschränkt auf 1 Packung, Cottage 9 %: beschränkt auf 2. Danke fürs Verständnis.« Der Händler weiß sich nicht anders zu helfen. »Und dabei ist nicht einmal Schawuot.« Womit er sich auf den jüdischen Feiertag bezieht, an dem traditionell Milchprodukte auf den Tisch kommen und die Israelis schon Tage zuvor die Regale leerräumen.
Schawuot ist nicht schuld
Doch Schawuot hat nichts mit diesem Käsemangel zu tun. Auch sind keine Kühe verantwortlich, die manchmal in extrem heißen Sommern zu wenig Milch geben. Es geht um Technik, Krieg und jede Menge Politik.
Der beliebte Cottage wird in den Fabriken des Lebensmittelherstellers Tnuva in komplexen Abläufen in Hightech-Produktionsanlagen hergestellt. Doch diese Maschinen sind anfällig für Störungen, und genau das sei geschehen: Es handle sich um einen Fehler der Informationssysteme der Tnuva-Molkerei, berichten israelische Medien. Die Reparatur erfordere den Einsatz von Technikern aus dem Ausland – doch die wollen derzeit nicht nach Israel kommen.
In einem Interview mit der Gratis-Tageszeitung »Israel Hayom« erklärte die stellvertretende Geschäftsführerin von Tnuva, Anat Gross-Shon, dass eine Störung im Logistiksystem der Molkerei Alon Tavor tatsächlich zu einem akuten Hüttenkäse-Mangel geführt habe. »Doch entgegen dem entstandenen Eindruck gab es keinen einzigen Tag, an dem kein Cottage geliefert wurde«, machte sie bei dem Versuch der Schadensbegrenzung klar.
Ein »Problem« könnte auch sein, dass Cottage zusehend als »Superfood« betrachtet werde. Auch wenn er wieder erhältlich ist, sei er ständig ausverkauft. In den vergangenen Jahren sei ein deutliches Wachstum beim Hüttenkäse-Konsum zu beobachten, so Gross-Shon, was unter anderem auf den Trend zu proteinreichen Lebensmitteln zurückzuführen sei.
Am Markt herrscht ein anhaltender Mangel an Milchprodukten, darunter Magermilch und Quark.
Darüber hinaus herrsche am Markt ein anhaltender Mangel an Milchprodukten, darunter Magermilch und Quark. Die Molkereien führen dies auf die lang anhaltende Kriegssituation zurück, durch die immer weniger Menschen ins Ausland reisen und der Konsum der Bevölkerung über das übliche Maß hinaus erhöht sei.
Doch ist es die Fehlfunktion im Logistiksystem der Molkerei bei Tnuva, die ein Phänomen offenlegt, mit dem nicht nur die Lebensmittelfirmen, sondern auch große Teile der israelischen Industrie dieser Tage zu kämpfen haben: dass ausländische Techniker sich weigern, nach Israel zu kommen, obwohl sie dringend für Reparaturen und Wartungen benötigt werden.
Denn Israel ist kein Land, in dem Industrieanlagen hergestellt werden. Die meisten hochkomplexen Maschinen werden im Ausland gekauft und importiert. »Die Anwesenheit von Technikern dabei ist nicht nur für neu errichtete Fabriken unerlässlich, sondern auch für die laufende Instandhaltung und den Betrieb der israelischen Industrie, die zahlreiche Produkte wie Stahl, Lebensmittel, Kunststoffe und vieles mehr herstellt«, erklärt die Webseite »Mamom Biz«, die Nachrichten aus der Wirtschaft aufbereitet.
Die Techniker würden zur Begründung unter anderem angeben, dass ihre Reise nach Israel nicht versichert sei, da Israel ein Kriegsgebiet sei. In Italien wiederum ist diese Ausrede völlig überflüssig, da die Gewerkschaften ihren Mitgliedern die Einreise nach Israel derzeit generell untersagen. Aus politischen Gründen.
»Die Öffentlichkeit merkt nicht, wenn ein Maschinenteil fehlt«
Ron Tomer, Eigentümer eines Pharmaunternehmens, hat das am eigenen Leib erfahren: »Wir haben eine neue Maschine im Wert von 20 Millionen Schekel gekauft. Doch es kam niemand, um sie zu installieren.« Schließlich habe man sie mit deutschen Technikern über Zoom aufgebaut, was zwei volle Monate gedauert habe. Doch das sei lediglich eine Notlösung gewesen.
Der Präsident des Verbandes der israelischen Hersteller, Abraham Novo, bestätigte: »Ich habe dieses Phänomen bei Fabrikbesichtigungen selbst erlebt: Man sieht stillstehende Maschinen überall.« Eigentlich müsse man israelische Teams schulen, die Aufbau, Wartung und Reparaturen eigenständig übernehmen können, so Novo. Doch das brauche Zeit. »Jetzt ist klar: Wer keine Lösung für sich selbst findet, dessen Maschinen laufen einfach nicht.«
»Die Öffentlichkeit bemerkt das Problem erst, wenn es im Supermarkt keinen Hüttenkäse gibt, nicht aber, wenn ein Maschinenteil fehlt«, sagt Novo weiter. Er fordert, dass sich die Regierung dringend mit dieser Angelegenheit befasst und der Industrie zu Hilfe kommt. »Denn es ist wirklich eine völlig absurde Situation.«