Untersuchung

ADL: Manipulierte Wikipedia-Einträge über Israel immer noch nicht korrigiert

Wikipedia existiert seit 2001 und ist eine für alle zugängliche Enzyklopädie im Internet Foto: picture alliance / Sipa USA

Die jüdische Organisation Anti-Defamation League (ADL) wirft den Betreibern von Wikipedia vor, nach wie vor zu wenig gegen Manipulationen und einseitige Darstellungen in ihrer Online-Enzyklopädie zu unternehmen. Irreführende Einträge zu Israel, zum Nahostkonflikt und zum 7. Oktober 2023 seien auch 15 Monate nach einem von der ADL im vergangenen Jahr veröffentlichten Bericht nicht oder nur unzureichend überarbeitet worden.

Zwar habe Wikipedia einige Autorenprofile gesperrt. Doch die von diesen Autoren vorgenommenen Änderungen bei wichtigen Wikipedia-Artikel seien weiter online. Der am Donnerstag veröffentlichte Bericht des »Center for Technology and Society« (CTS) der ADL knüpft an eine Untersuchung vom März 2025 an. Damals hatte die ADL eigenen Angaben zufolge eine gezielte Desinformationskampagne von 30 Wikipedia-Autoren aufgedeckt. Diese hatten Artikel systematisch so verändert, dass Kritik an Israel betont und beispielsweise Antisemitismus auf palästinensischer Seite heruntergespielt worden sei.

Zwar sei nach Veröffentlichung des Berichts die Aktivität dieser Autoren deutlich zurückgegangen, so die ADL, und einige von ihnen seien von Wikipedia als Redakteure gesperrt worden. Doch offenbar wurden die von diesen Personen verfassten Texte nicht korrigiert. »Der Ausschluss einzelner Bearbeiter war nie ausreichend«, so ADL-Geschäftsführer Jonathan Greenblatt. Er forderte die Wikimedia Foundation, die Wikipedia betreibt, zu einer gründlichen Überprüfung auf. Schließlich seien Wikipedia-Einträge oft die Basis für KI-gestützte Analysen.

Zudem müssten Entwickler von Suchmaschinen und KI-Produkten aufhören, »umstrittene Darstellungen als gesicherte Fakten zu präsentieren«, so Greenblatt. Daniel Kelley vom CTS sprach von einem »systematischen Problem« im Umgang der Plattform mit ihren eigenen Neutralitäts-Richtlinien.

Dem Bericht zufolge setzen einige Autoren die Manipulationen fort, wenngleich mit weniger auffälligen Methoden. Die ADL identifizierte 19 Nutzerkonten, die zuletzt systematisch Artikel mit Bezug zu Israel und den Palästinensern bearbeitet hätten. Darunter waren acht aus der Gruppe, die von Wikipedia nicht sanktioniert worden waren, sowie elf neue Profile. Laut ADL machten diese Autoren unter anderem Korrekturen anderer Nutzer rückgängig, relativierten Tatsachenbehauptungen und bauten Artikel langsam um. Insgesamt nahm das CTS 229 Wikipedia-Artikel unter die Lupe, die von diesen Konten bearbeitet worden waren. Der Befund: Die jeweils aktuellste Version stammte in 60 Prozent der Fälle von den elf neuen Autoren.

Externer Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel anreichert. Wir benötigen Ihre Zustimmung, bevor Sie Inhalte von Sozialen Netzwerken ansehen und mit diesen interagieren können.

Mit dem Betätigen der Schaltfläche erklären Sie sich damit einverstanden, dass Ihnen Inhalte aus Sozialen Netzwerken angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittanbieter übermittelt werden. Dazu ist ggf. die Speicherung von Cookies auf Ihrem Gerät nötig. Mehr Informationen finden Sie hier.

Der Bericht führt mehrere Beispiele an: Beim englischsprachigen Eintrag über die Terrororganisation Hamas seien am 10. Oktober 2023 längere Passagen über den Antisemitismus der Organisation, den Einsatz menschlicher Schutzschilde und von Kindersoldaten sowie Menschenrechtsverletzungen in einen weniger gelesenen Unterartikel (»Kritik an der Hamas«) ausgelagert worden. Der Hauptartikel, der damals knapp eine Million Aufrufe pro Tag verzeichnete, bezeichnete die Hamas erst ganz am Ende der Einleitung als »Terrororganisation«.

Im Artikel über den Gaza-Krieg (»Gaza War«) seien im November 2023 rund 17.000 Zeichen an Text und Quellenangaben entfernt worden. Dabei handelte es sich laut ADL um Dokumentationen der Gewalttaten vom 7. Oktober 2023, darunter Berichte über gefesselte und verbrannte Opfer, sexualisierte Gewalt und Videoaufnahmen einer versuchten Enthauptung. Wenig später seien weitere 7400 Zeichen Text gelöscht worden. Übrig geblieben sei der Hinweis, dass Terroristen sich Berichten zufolge (»reportedly«) an solcher Gewalt beteiligt hätten.

Auf den Seiten, in denen es um sexualisierte Gewalt am 7. Oktober 2023 ging, hätten die Autoren dafür gesorgt, dass Berichte über systematische Gewalt gegen israelische Frauen und Mädchen immer mit dem Zusatz »angeblich« versehen blieben. Diese Formulierung habe auch drei Jahre nach dem Massaker noch Bestand, obwohl mittlerweile unabhängige Berichte die Taten bestätigt hätten, so die ADL.

Bericht: Todesumstände der Bibas-Familie wurden auf Wikipedia in Frage gestellt

Beim englischen Wikipedia-Artikel über den Zionismus (»Zionism«) wird bereits im ersten Satz behauptet, dieser sich zum Ziel gesetzt habe, »durch Kolonialisierung in der Region Palästina« eine jüdische Heimat zu errichten und die Zionisten einen Staat mit »so wenigen palästinensischen Arabern wie möglich« anstrebten. Ein Wikipedia-User habe 543 Bearbeitungen an diesem Artikel vorgenommen, 193.000 Zeichen hinzugefügt und 188.000 entfernt, wodurch der inhaltliche Schwerpunkt drastisch verändert worden sei, so der Bericht.

Zudem dokumentierte das CTS der ADL den Umgang mit dem Artikel über die israelische Familie Bibas, die von Terroristen nach Gaza verschleppt wurde. Nach der Bergung der Leichen von Shiri, Kfir und Ariel Bibas im Februar 2025 habe ein Wikipedia-Autor mittels 64 Bearbeitungen die Todesumstände der Familie als »offen« dargestellt, obwohl israelische Behörden zu dem Schluss kamen, dass die Mutter und ihre zwei kleinen Söhne in Geiselhaft ermordet worden waren.

Die ADL verlangte daher von Wikipedia, die Identität der Mitautoren bei bestimmten Themenbereichen genauer zu überprüfen, die Seitenbearbeitung durch nicht registrierte Benutzern einzuschränken und eine Taskforce gegen antisemitische Tendenzen einzusetzen. Außerdem sollen die von gesperrten Autoren bearbeiteten Einträge überprüft werden. Suchmaschinen und KI-Entwickler werden zudem aufgefordert, Wikipedia transparent als Quelle auszuweisen. mth

Bericht

Netanjahu soll Trump zu Iran-Angriff vor der Wahl gedrängt haben

Der israelische Premier hat angeblich den US-Präsidenten gebeten, den Krieg vor den Wahlen wieder aufzunehmen. In Washington sieht man dabei auch innenpolitisches Kalkül

von Sabine Brandes  15.10.2026

Israel

Vor Schicksalswahl: Eisenkot verspricht Ende der Hamas-Herrschaft in 18 Monaten

Ex-Generalstabschef Eisenkot wirft Benjamin Netanjahu vor, die Kriegsziele im Gazastreifen verfehlt zu haben. Sollte er Regierungschef werden, kündigt er einen klaren Zeitplan an

 15.10.2026

Wirtschaft

Käsekrise

Was nach einem Lieferengpass im Supermarkt aussieht, steht für ein großes Problem. Weil ausländische Techniker Israel meiden, stehen immer häufiger Maschinen still

von Sabine Brandes  15.10.2026

Diplomatie

Kolumbien verlegt Botschaft nach Jerusalem

Unter dem linken Präsidenten Petro brach Kolumbien die diplomatischen Beziehungen zu Israel ab. Nun schlägt die neue Regierung einen anderen Kurs ein

 15.10.2026

Luftfahrt

Wie sicher sind Israel-Flüge?

Nach dem vereitelten Anschlag an Bord einer flydubai-Maschine werden immer mehr gravierende Sicherheitslücken bekannt

von Sabine Brandes  14.10.2026

Meldungen

Studium, Korruption, Aquädukt

Kurznachrichten aus Israel

von Sabine Brandes  14.10.2026

Reaktionen

EU kritisiert Wahlaufschub in den Palästinensergebieten

Der palästinensische Präsident Mahmud Abbas vertagt die Parlaments- und Präsidentschaftswahlen bis in den Herbst 2027

 14.10.2026

Jahrestag der Geiselrückkehr

Schön, dass du wieder da bist!

Als ich Alon Ohel auf einer Straße in Tel Aviv sah, wollte ich ihn ansprechen – und ließ ihn weitergehen. Über Solidarität und die Kraft einer Gesellschaft

von Sabine Brandes  14.10.2026

Hamas-Terror

Ein Jahr Freiheit – doch die Narben bleiben

Vor einem Jahr war die Freude unbändig, als die letzten 20 lebenden Geiseln nach 738 Tagen in den Tunneln unter dem Gazastreifen nach Israel zurückkehrten

von Sabine Brandes  14.10.2026