Die jüdische Organisation Anti-Defamation League (ADL) wirft den Betreibern von Wikipedia vor, nach wie vor zu wenig gegen Manipulationen und einseitige Darstellungen in ihrer Online-Enzyklopädie zu unternehmen. Irreführende Einträge zu Israel, zum Nahostkonflikt und zum 7. Oktober 2023 seien auch 15 Monate nach einem von der ADL im vergangenen Jahr veröffentlichten Bericht nicht oder nur unzureichend überarbeitet worden.
Zwar habe Wikipedia einige Autorenprofile gesperrt. Doch die von diesen Autoren vorgenommenen Änderungen bei wichtigen Wikipedia-Artikel seien weiter online. Der am Donnerstag veröffentlichte Bericht des »Center for Technology and Society« (CTS) der ADL knüpft an eine Untersuchung vom März 2025 an. Damals hatte die ADL eigenen Angaben zufolge eine gezielte Desinformationskampagne von 30 Wikipedia-Autoren aufgedeckt. Diese hatten Artikel systematisch so verändert, dass Kritik an Israel betont und beispielsweise Antisemitismus auf palästinensischer Seite heruntergespielt worden sei.
Zwar sei nach Veröffentlichung des Berichts die Aktivität dieser Autoren deutlich zurückgegangen, so die ADL, und einige von ihnen seien von Wikipedia als Redakteure gesperrt worden. Doch offenbar wurden die von diesen Personen verfassten Texte nicht korrigiert. »Der Ausschluss einzelner Bearbeiter war nie ausreichend«, so ADL-Geschäftsführer Jonathan Greenblatt. Er forderte die Wikimedia Foundation, die Wikipedia betreibt, zu einer gründlichen Überprüfung auf. Schließlich seien Wikipedia-Einträge oft die Basis für KI-gestützte Analysen.
Zudem müssten Entwickler von Suchmaschinen und KI-Produkten aufhören, »umstrittene Darstellungen als gesicherte Fakten zu präsentieren«, so Greenblatt. Daniel Kelley vom CTS sprach von einem »systematischen Problem« im Umgang der Plattform mit ihren eigenen Neutralitäts-Richtlinien.
Dem Bericht zufolge setzen einige Autoren die Manipulationen fort, wenngleich mit weniger auffälligen Methoden. Die ADL identifizierte 19 Nutzerkonten, die zuletzt systematisch Artikel mit Bezug zu Israel und den Palästinensern bearbeitet hätten. Darunter waren acht aus der Gruppe, die von Wikipedia nicht sanktioniert worden waren, sowie elf neue Profile. Laut ADL machten diese Autoren unter anderem Korrekturen anderer Nutzer rückgängig, relativierten Tatsachenbehauptungen und bauten Artikel langsam um. Insgesamt nahm das CTS 229 Wikipedia-Artikel unter die Lupe, die von diesen Konten bearbeitet worden waren. Der Befund: Die jeweils aktuellste Version stammte in 60 Prozent der Fälle von den elf neuen Autoren.
Der Bericht führt mehrere Beispiele an: Beim englischsprachigen Eintrag über die Terrororganisation Hamas seien am 10. Oktober 2023 längere Passagen über den Antisemitismus der Organisation, den Einsatz menschlicher Schutzschilde und von Kindersoldaten sowie Menschenrechtsverletzungen in einen weniger gelesenen Unterartikel (»Kritik an der Hamas«) ausgelagert worden. Der Hauptartikel, der damals knapp eine Million Aufrufe pro Tag verzeichnete, bezeichnete die Hamas erst ganz am Ende der Einleitung als »Terrororganisation«.
Im Artikel über den Gaza-Krieg (»Gaza War«) seien im November 2023 rund 17.000 Zeichen an Text und Quellenangaben entfernt worden. Dabei handelte es sich laut ADL um Dokumentationen der Gewalttaten vom 7. Oktober 2023, darunter Berichte über gefesselte und verbrannte Opfer, sexualisierte Gewalt und Videoaufnahmen einer versuchten Enthauptung. Wenig später seien weitere 7400 Zeichen Text gelöscht worden. Übrig geblieben sei der Hinweis, dass Terroristen sich Berichten zufolge (»reportedly«) an solcher Gewalt beteiligt hätten.
Auf den Seiten, in denen es um sexualisierte Gewalt am 7. Oktober 2023 ging, hätten die Autoren dafür gesorgt, dass Berichte über systematische Gewalt gegen israelische Frauen und Mädchen immer mit dem Zusatz »angeblich« versehen blieben. Diese Formulierung habe auch drei Jahre nach dem Massaker noch Bestand, obwohl mittlerweile unabhängige Berichte die Taten bestätigt hätten, so die ADL.
Bericht: Todesumstände der Bibas-Familie wurden auf Wikipedia in Frage gestellt
Beim englischen Wikipedia-Artikel über den Zionismus (»Zionism«) wird bereits im ersten Satz behauptet, dieser sich zum Ziel gesetzt habe, »durch Kolonialisierung in der Region Palästina« eine jüdische Heimat zu errichten und die Zionisten einen Staat mit »so wenigen palästinensischen Arabern wie möglich« anstrebten. Ein Wikipedia-User habe 543 Bearbeitungen an diesem Artikel vorgenommen, 193.000 Zeichen hinzugefügt und 188.000 entfernt, wodurch der inhaltliche Schwerpunkt drastisch verändert worden sei, so der Bericht.
Zudem dokumentierte das CTS der ADL den Umgang mit dem Artikel über die israelische Familie Bibas, die von Terroristen nach Gaza verschleppt wurde. Nach der Bergung der Leichen von Shiri, Kfir und Ariel Bibas im Februar 2025 habe ein Wikipedia-Autor mittels 64 Bearbeitungen die Todesumstände der Familie als »offen« dargestellt, obwohl israelische Behörden zu dem Schluss kamen, dass die Mutter und ihre zwei kleinen Söhne in Geiselhaft ermordet worden waren.
Die ADL verlangte daher von Wikipedia, die Identität der Mitautoren bei bestimmten Themenbereichen genauer zu überprüfen, die Seitenbearbeitung durch nicht registrierte Benutzern einzuschränken und eine Taskforce gegen antisemitische Tendenzen einzusetzen. Außerdem sollen die von gesperrten Autoren bearbeiteten Einträge überprüft werden. Suchmaschinen und KI-Entwickler werden zudem aufgefordert, Wikipedia transparent als Quelle auszuweisen. mth