Archäologie

Höhle der Menschheitsgeschichte

Es ist ein Fenster in die Vergangenheit, das Hunderttausende von Jahren verschlossen war. Jetzt wurde es geöffnet und ermöglicht Einblicke in das, was noch vor der Zeit des modernen Menschen geschah. Der Sensationsfund, versteckt unter Fels und Erde, ist eine Höhle in Nordisrael und birgt einen Schatz an Überresten aus einer geheimnisvollen prähistorischen Ära, kurz vor dem Auftreten der Neandertaler.

Verborgen unter Gestein und dichter Vegetation nahe der Stadt Fureidis südlich von Haifa, war die Höhle zwischen 250.000 und 400.000 Jahre unberührt und bewahrte so Zeugnisse der Acheulo-Yabrudian-Kultur (spätes Altpaläolithikum), einer entscheidenden Periode in der Evolution der Menschheit.

»Durch die Freilegung dieser Höhle, die durch einen Einsturz verborgen geblieben war, haben wir eine Art Zeitkapsel dieser einzigartigen Periode gefunden, kurz bevor Neandertaler und Homo sapiens in die menschliche Evolution eintreten«, sagt Kobi Vardi, Archäologe von der israelischen Altertumsbehörde. Das ursprüngliche Dach der Höhle korrodierte und stürzte ein. Dieser Einsturz schützte die Höhle und ihren prähistorischen Inhalt.

Vor sechs Monaten begann das Team mit den Ausgrabungen, im Vorfeld der Bauarbeiten für eine neue Straße nach Fureidis. Generell muss in Israel jedes Bauvorhaben von einer sogenannten Rettungsgrabung begleitet werden, um mögliche archäologische Funde zu sichern. Die vorbeugende Grabung wird vom Bauunternehmen finanziert, in diesem Fall der Ayalon Highways Company. Wegen der wissenschaftlichen Bedeutung der Fundstätte führt nun eine Brücke über die Höhle, damit die archäologischen Arbeiten fortgesetzt werden können.

Auch Archäologe Ron Shimelmitz von der Universität Haifa ist begeistert: »Dies ist die einzige Stätte im Karmelgebirge, in der ausschließlich Funde aus dieser Periode zu finden sind. Und das ist absolut einzigartig, denn dadurch können wir uns wirklich auf diese äußerst interessante Zeitspanne der menschlichen Evolution konzentrieren.« Zwar war die Höhle bereits vor einigen Jahrzehnten von Forschern entdeckt worden, die prähistorische Stätten im Karmelgebirge kartierten, doch die hatten sie dem Mittelpaläolithikum zugeordnet. Die Archäologen der Altertumsbehörde und der Universität Haifa fanden jedoch dank zahlreicher Steinwerkzeuge und bemerkenswert gut erhaltener Tierknochen heraus, dass der Ort bereits viel früher besiedelt war.

»Fundstätten aus dieser Zeit sind eine absolute Seltenheit.«

Kobi Vardi, Archäologe

Sie identifizierten Werkzeuge, darunter kleine, scharfe Faustkeile, Schaber und Klingen, aus der letzten Phase des Altpaläolithikums. Laut Vardi sind Fundstätten aus dieser Zeit eine absolute Seltenheit. »Es gibt nur etwa zehn bekannte Stätten im gesamten Nahen Osten. Dies ist die einzige auf dem Karmelgebirge, in der diese Kultur in ihrem ursprünglichen Zustand erhalten geblieben ist, ohne dass spätere archäologische Schichten sie überdeckt haben.«

»Das häufigste Werkzeug, das wir gefunden haben, ist ein spezieller Seitenschaber, typisch für diese Zeit, der für viele Zwecke verwendet wurde, unter anderem zum Zubereiten von Fleisch und zum Reinigen von Leder«, so der Experte. »Und wir haben nicht nur einen, sondern gleich 100 davon gefunden.« Die Archäologen identifizierten außerdem besonders kunstvoll gefertigte Faustkeile, die zusammen mit den Seitenschabern charakteristisch für die Acheulo-Yabrudian-Kultur sind.

Shimelmitz fand heraus, dass die frühen Menschen, die sie nutzten, Großwild gejagt, ihre Nahrung geteilt und in größeren Gruppen zusammengelebt haben. »Darüber hinaus wissen wir, dass sie täglich Feuer verwendeten und hoch entwickelte Technologien zur Herstellung von Steinwerkzeugen nutzten.« Gefundene Knochen von Damhirschen, Gazellen, Urzeitpferden und Wildrindern würden allesamt Spuren menschlicher Jagd und Verarbeitung aufweisen.

»Und auch das – 300.000 Jahre alte (Tier-)Knochen in solch einem guten Zustand zu finden – gibt es so gut wie nie«, hebt Vardi noch einmal hervor. Obwohl die Forscher es für möglich halten, dass die Tiere gekocht wurden, haben sie bisher weder Brandspuren an den Knochen noch Hinweise auf Feuerstellen in der Höhle gefunden. Stattdessen entdeckten sie Sedimente, die darauf hindeuten, dass wahrscheinlich eine Quelle direkt neben der Fundstätte entsprang, was sie zu einem idealen Ort für die prähistorische Gemeinschaft machte.

Bislang waren keine menschlichen Knochen unter den Ausgrabungsstücken, aber »wir glauben fest daran, dass wir auch menschliche Überreste finden werden«, so Vardi. »Das würde uns helfen zu verstehen, wer genau in dieser faszinierenden Übergangszeit hier lebte.«

Menschliche Fossilien könnten eines der größten Rätsel der Vorgeschichte lösen: Welche frühen Menschen haben die Levante während des Übergangs vor dem Auftreten von Neandertalern und Homo sapiens besiedelt? Eine Frage, auf die die Archäologen zu gern eine Antwort bekommen würden. »Denn die allmählichen Veränderungen, die sich in dieser Zeit in der menschlichen Physiologie, Technologie und Gesellschaft zeigten, nahmen die Merkmale und komplexen Verhaltensmuster vorweg, die später sowohl Neandertaler als auch moderne Menschen charakterisieren«, erläutert Shimelmitz. Und Vardi fügt hinzu: »Dies ist erst der Anfang unserer Forschung.«

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