Presse

Geliebt und gehasst

Aus der Presselandschaft nicht wegzudenken: Haaretz Foto: Copyright (c) Flash 90 2008

Die Entwicklung des Staates Israel ist eine Erfolgsgeschichte. Seit seiner Gründung 1948 hat sich das Land unter schwierigsten Umständen und zahlreichen Krisen behauptet. Trotzdem ist es auch im 21. Jahrhundert weiterhin ernsthaften Bedrohungen ausgesetzt. Nicht nur durch den Iran und seine Verbündeten, sondern auch durch innergesellschaftliche Spannungen.

Das Scheitern des israelisch-palästinensischen Friedensprozesses schuf im Laufe der Jahre eine geteilte Zivilgesellschaft, in der die derzeitige Regierung auf jüdischen Nationalismus drängt und keine Strategie entwickelt, um die Besatzung im Westjordanland zu beenden.

Demokratie Einer der stärksten Verfechter der liberalen Demokratie in Israel ist die Tageszeitung »Haaretz«, die jetzt ihr 100-jähriges Bestehen feiert. Am 20. Sivan 5679 (18. Juni 1919), erschien in Jerusalem ihre erste Ausgabe. Es war die erste hebräische Zeitung im britischen Mandatsgebiet Palästina.

Es war die erste hebräischsprachige Zeitung im britischen Mandatsgebiet.

»Wir sind die einzige kritische öffentliche Instanz der israelischen Gesellschaft«, behauptet Chefredakteur Simon Spungen. Der 46-Jährige arbeitet seit zwei Jahrzehnten für das Blatt, das heute in Tel Aviv beheimatet ist. Unter anderem leitet er den Newsroom mit über 100 Mitarbeitern und schätzt die lockere Arbeitsatmosphäre. »Pressefreiheit und Opposition sind Grundpfeiler einer Demokratie, und beides ist Teil unserer Philosophie.«

GEWISSEN Die Gazette gilt als das Gewissen Israels und ist seit Jahrzehnten für seinen Qualitätsjournalismus – mit gut recherchierten Artikeln, Rezensionen und Kolumnen – bekannt. Der deutsch-jüdische Geschäftsmann und Buchverleger Salman Schocken übernahm das Blatt 1937, das gegen Ende des Ersten Weltkriegs aus einem offiziellen Verwaltungsdokument der britischen Kolonialbehörde – »The Palestine Post« – hervorgegangen war und zu einer kulturellen Institution für die jüdische Bevölkerung im Heiligen Land wurde.

Schocken sorgte dafür, dass sein ältester Sohn Gershom Chefredakteur wurde. Dieser behielt die Positionen bis zu seinem Tod im Jahr 1990. Danach wurde sein Sohn Amos der Vorstandsvorsitzende.

In den 90er-Jahren hatte die Zeitung mit wirtschaftlichen Problemen zu kämpfen, in der Folge kam es zu einem starken Personalabbau. Im November 2006 kaufte das Kölner Verlagshaus M. DuMont Schauberg 25 Prozent des Aktienkapitals der Haaretz-Gruppe. Das Geld wurde vor allem in die Ausweitung lokaler Wochenblätter und den Aufbau des Internetgeschäfts investiert. Fünf Jahre später sicherte sich der russisch-israelische Geschäftsmann Leonid Nevzlin 20 Prozent an dem Unternehmen, das weiterhin von den Hauptaktionären der Schocken-Familie kontrolliert wird und seit 1997, neben der Wirtschaftszeitung »The Marker«, auch eine englischsprachige Ausgabe herausgibt.

GERICHT »Während sich viele Mainstream-Medien und der öffentliche Diskurs in Israel verändert haben, ist Haaretz eines der wenigen Medien, die sich weiterhin nicht scheuen, hart mit der Regierung ins Gericht zu gehen und vor allem den Umgang mit der palästinensischen Bevölkerung scharf zu kritisieren«, sagt Yaron Tsur, Professor für jüdische Geschichte an der Universität von Tel Aviv. Er bezeichnet die liberale Tageszeitung in vielerlei Hinsicht als »außergewöhnlich und in der israelischen Medienlandschaft herausragend«.

»Trotzdem ist sie durch ihre zum Teil oft provozierenden Texte seit Jahrzehnten für viele rechte Politiker und auch nationalreligiöse Bürger zum Staatsfeind Nummer eins geworden.« Tatsächlich erhalten einige bekannte Journalisten wie Amira Hass und Gideon Levy – die durch oftmals übertriebene Israelkritik Karriere machten – häufig Morddrohungen. Nicht wenige werfen den Autoren »jüdischen Selbsthass« sowie eine Nähe zur israelfeindlichen BDS-Kampagne vor.

GASTAUTOREN Haaretz veröffentlicht aber auch in großem Umfang Beiträge von Autoren aus einem breiten politischen Spektrum. Dieses reicht vom Likud-Hardliner über Gastautoren aus dem arabischen und muslimischen Raum bis hin zu linken Exponenten der Friedensbewegung.

Kritiker werfen den Autoren »jüdischen Selbsthass« und Nähe zur BDS-Bewegung vor.

»Unsere hebräische Ausgabe wird von rund 110.000 Abonnenten gelesen«, sagt Spungen. »In dieser Zahl sind Print- und Digitalabos enthalten. Die englischsprachige Ausgabe, die der in Israel vertriebenen ›New York Times‹ beigelegt ist, zählt mehrere Tausend Abonnenten.«

»Haaretz wird von vielen Menschen für ihren Mut bewundert und von einem Großteil der Bevölkerung angefeindet«, erklärt er weiter. »Das Blatt verstand sich ständig als Opposition und hat sich von Beginn an kritisch mit Politik, Militär und Kultur auseinandergesetzt.«

Laut »New York Times« ist Haaretz die mit Abstand liberalste Zeitung und Institution in einem Land, das sich in den vergangenen zehn Jahren unaufhaltsam nach rechts bewegt hat. »Wir sind ein kritischer Verfechter der israelischen Demokratie und eines der wenigen Medien in unserem Land, die weiterhin die Politik in den besetzten Gebieten kritisieren und auch über die Gleichberechtigung aller Bürger schreiben«, sagt Spungen. »Wir verstehen uns als israelische Patrioten. Man kann mit unserer Kritik nicht einverstanden sein, aber eine liberale Demokratie muss so etwas aushalten können.«

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