Die Unsicherheit nach der Parlamentswahl vom Dienstag zeigt sich nicht nur in der Bevölkerung des Landes: auch die israelische Börse bekommt die komplizierte Lage deutlich zu spüren. Die Indizes färbten sich rot, einige verzeichneten einen ihrer schlechtesten Handelstage seit Monaten und sogar Jahren.
Alle Gewinne, die seit Anfang Oktober eingefahren wurde, verschwanden mit einem Mal. Gleichzeitig schnellte der lokale Volatilitätsindex, der anzeigt, ob die Lage sicher oder unsicher ist, um 30 Prozent nach oben. Auch langfristige Staatsanleihen erlitten deutliche Verluste.
Börse legte am Wahltag knapp zwei Prozent zu
Dabei war zuvor Optimismus in der Wirtschaft angesagt. Am Montag, sogar noch bevor die Wahllokale geöffnet hatten, legte die Börse in Tel Aviv um knapp zwei Prozent zu. Viele Anleger gingen offenbar davon aus, dass die Opposition auf die nötigen 61 Sitze in der Knesset kommen würde. »Die Leute handelten ganz klar aus der Hoffnung auf Veränderung heraus«, erklärten Wirtschaftsanalysten an diesem Tag. Das sei geschehen, obwohl die Umfragen klar auf das wahrscheinlichste Szenario hingedeutet hätten: ein uneindeutiges Ergebnis. »Aber der Markt hat im Grunde weggeschaut.«
Auch am Wahltag selbst hielt die Zuversicht zunächst an. Erste Hinweise auf eine historisch hohe Wahlbeteiligung reichten aus, um den Schekel innerhalb kurzer Zeit gegenüber dem Dollar um zwei Prozentpunkte zu stärken. Anleger vermuteten, dass eine hohe Beteiligung dem Oppositionslager zugutekommen würde, und setzten auf den vermeintlichen Wahlsieger.
Als sich die tatsächlichen Ergebnisse abzeichneten, kehrte sich die Entwicklung jedoch schnell um. Der Schekel verlor wieder an Wert. Die Daten zeigten, dass Anleger auf einen Wandel in Israel gesetzt hätten. Diese Erwartung habe sich auch im Wechselkurs zwischen Schekel und Dollar widergespiegelt, entspreche aber nicht den tatsächlichen Wahlergebnissen.
Börsenchef Itai Ben-Zeev: »Die wirtschaftliche Zukunft Israels darf nicht zum Spielball politischer Auseinandersetzungen werden.«
Am Mittwoch geriet die Börse erneut deutlich unter Druck. Der Leitindex TA-125 verlor im Handelsverlauf 2,5 Prozent, der TA-90 sogar 4,5 Prozent. Besonders stark traf es Unternehmen, die von der heimischen Wirtschaft abhängig sind. Der Bauindex brach um 8,8 Prozent ein, Versicherungsaktien verloren 5,2 Prozent und Bankentitel 4,9 Prozent. Auf dem Devisenmarkt stieg der Dollar auf 3,127 Schekel, nachdem er am Dienstag noch bei rund 3,02 Schekel gelegen hatte. Der Euro kletterte im Vergleich zur israelischen Währung auf 3,48.
Angesichts dieser großen Unsicherheit rief der Chef der Börse in Tel Aviv, Itai Ben-Zeev, in einem offenen Brief die Führungskräfte aller politischer Lager dazu auf, die wirtschaftliche Zukunft Israels über parteipolitische Differenzen zu stellen und eine breite, auf Konsens beruhende Regierung zu bilden. Seiner Meinung nach stehe die israelische Führung vor eine nationale Aufgabe, die über die Interessen einzelner politischer Lager hinausgehe.
Fitch belässt Kreditrating Israels bei »A mit negativem Ausblick«
»Nationale Verantwortung muss Vorrang vor kurzfristigen politischen Erwägungen haben«, schrieb Ben-Zeev. Eine breit aufgestellte Regierung, die sich auf lagerübergreifende Vereinbarungen stütze, müsse weder Unterschiede beseitigen noch bedeute sie, eigene Prinzipien aufzugeben. »Die wirtschaftliche Zukunft Israels darf nicht zum Spielball politischer Auseinandersetzungen werden«, so der Börsenchef. Anhaltende Konflikte könnten das Wachstumspotenzial des Landes beeinträchtigen.
Die Ratingagentur Fitch belässt das Kreditrating Israels bei »A mit negativem Ausblick« und warnte am Sonntag, dass dem Land nach den nationalen Wahlen in dieser Woche ein »erhöhtes Risiko für anhaltende politische Unsicherheit sowie eine Phase mit einer Übergangsregierung« droht. Fitch merkte an, dass das »zerstrittene« innenpolitische Umfeld Israels und das »Risiko einer Regierung ohne klare Mehrheit« mit dem derzeitigen Rating des Landes im Einklang stehen.
Die Parteien, die Ministerpräsident Benjamin Netanjahu ablehnen, kamen zusammen auf 67 der 120 Sitze in der Knesset, während Netanjahus rechtsgerichtetes Lager mit rechtsextremen und ultraorthodoxen Parteien 53 Sitze erreichte. Tiefe ideologische Gräben und widersprüchliche Wahlversprechen erschweren es der Opposition, eine alternative Regierung zu bilden. So dürfte die Unsicherheit vorerst bestehen bleiben.