Wirtschaft

Wahlkater an der Börse

Im Innern der israelischen Börse Foto: Sabine Brandes

Wirtschaft

Wahlkater an der Börse

Die Hoffnung auf einen politischen Wandel in Israel ließen Aktien und Schekel zunächst steigen. Doch das Ergebnis schürt die Unsicherheit

von Sabine Brandes  02.11.2026 14:40 Uhr

Die Unsicherheit nach der Parlamentswahl vom Dienstag zeigt sich nicht nur in der Bevölkerung des Landes: auch die israelische Börse bekommt die komplizierte Lage deutlich zu spüren. Die Indizes färbten sich rot, einige verzeichneten einen ihrer schlechtesten Handelstage seit Monaten und sogar Jahren.

Alle Gewinne, die seit Anfang Oktober eingefahren wurde, verschwanden mit einem Mal. Gleichzeitig schnellte der lokale Volatilitätsindex, der anzeigt, ob die Lage sicher oder unsicher ist, um 30 Prozent nach oben. Auch langfristige Staatsanleihen erlitten deutliche Verluste.

Börse legte am Wahltag knapp zwei Prozent zu

Dabei war zuvor Optimismus in der Wirtschaft angesagt. Am Montag, sogar noch bevor die Wahllokale geöffnet hatten, legte die Börse in Tel Aviv um knapp zwei Prozent zu. Viele Anleger gingen offenbar davon aus, dass die Opposition auf die nötigen 61 Sitze in der Knesset kommen würde. »Die Leute handelten ganz klar aus der Hoffnung auf Veränderung heraus«, erklärten Wirtschaftsanalysten an diesem Tag. Das sei geschehen, obwohl die Umfragen klar auf das wahrscheinlichste Szenario hingedeutet hätten: ein uneindeutiges Ergebnis. »Aber der Markt hat im Grunde weggeschaut.«

Auch am Wahltag selbst hielt die Zuversicht zunächst an. Erste Hinweise auf eine historisch hohe Wahlbeteiligung reichten aus, um den Schekel innerhalb kurzer Zeit gegenüber dem Dollar um zwei Prozentpunkte zu stärken. Anleger vermuteten, dass eine hohe Beteiligung dem Oppositionslager zugutekommen würde, und setzten auf den vermeintlichen Wahlsieger.

Als sich die tatsächlichen Ergebnisse abzeichneten, kehrte sich die Entwicklung jedoch schnell um. Der Schekel verlor wieder an Wert. Die Daten zeigten, dass Anleger auf einen Wandel in Israel gesetzt hätten. Diese Erwartung habe sich auch im Wechselkurs zwischen Schekel und Dollar widergespiegelt, entspreche aber nicht den tatsächlichen Wahlergebnissen.

Börsenchef Itai Ben-Zeev: »Die wirtschaftliche Zukunft Israels darf nicht zum Spielball politischer Auseinandersetzungen werden.«

Am Mittwoch geriet die Börse erneut deutlich unter Druck. Der Leitindex TA-125 verlor im Handelsverlauf 2,5 Prozent, der TA-90 sogar 4,5 Prozent. Besonders stark traf es Unternehmen, die von der heimischen Wirtschaft abhängig sind. Der Bauindex brach um 8,8 Prozent ein, Versicherungsaktien verloren 5,2 Prozent und Bankentitel 4,9 Prozent. Auf dem Devisenmarkt stieg der Dollar auf 3,127 Schekel, nachdem er am Dienstag noch bei rund 3,02 Schekel gelegen hatte. Der Euro kletterte im Vergleich zur israelischen Währung auf 3,48.

Angesichts dieser großen Unsicherheit rief der Chef der Börse in Tel Aviv, Itai Ben-Zeev, in einem offenen Brief die Führungskräfte aller politischer Lager dazu auf, die wirtschaftliche Zukunft Israels über parteipolitische Differenzen zu stellen und eine breite, auf Konsens beruhende Regierung zu bilden. Seiner Meinung nach stehe die israelische Führung vor eine nationale Aufgabe, die über die Interessen einzelner politischer Lager hinausgehe.

Fitch belässt Kreditrating Israels bei »A mit negativem Ausblick«

»Nationale Verantwortung muss Vorrang vor kurzfristigen politischen Erwägungen haben«, schrieb Ben-Zeev. Eine breit aufgestellte Regierung, die sich auf lagerübergreifende Vereinbarungen stütze, müsse weder Unterschiede beseitigen noch bedeute sie, eigene Prinzipien aufzugeben. »Die wirtschaftliche Zukunft Israels darf nicht zum Spielball politischer Auseinandersetzungen werden«, so der Börsenchef. Anhaltende Konflikte könnten das Wachstumspotenzial des Landes beeinträchtigen.

Die Ratingagentur Fitch belässt das Kreditrating Israels bei »A mit negativem Ausblick« und warnte am Sonntag, dass dem Land nach den nationalen Wahlen in dieser Woche ein »erhöhtes Risiko für anhaltende politische Unsicherheit sowie eine Phase mit einer Übergangsregierung« droht. Fitch merkte an, dass das »zerstrittene« innenpolitische Umfeld Israels und das »Risiko einer Regierung ohne klare Mehrheit« mit dem derzeitigen Rating des Landes im Einklang stehen.

Die Parteien, die Ministerpräsident Benjamin Netanjahu ablehnen, kamen zusammen auf 67 der 120 Sitze in der Knesset, während Netanjahus rechtsgerichtetes Lager mit rechtsextremen und ultraorthodoxen Parteien 53 Sitze erreichte. Tiefe ideologische Gräben und widersprüchliche Wahlversprechen erschweren es der Opposition, eine alternative Regierung zu bilden. So dürfte die Unsicherheit vorerst bestehen bleiben.

Regierungsbildung in Israel

Präsident Herzog will erst mit kleinen Parteien sprechen

Präsident Isaac Herzog beginnt am Mittwoch mit den Konsultationen zur Regierungsbildung

 02.11.2026

Wahlen

»Wie schwarz muss eine Seele sein…«

Rechte Demonstranten machen am Sonntagabend bei einem Protest vor dem Wohnhaus des Politikers Gadi Eisenkot den Tod seines Sohn zum Gegenstand der Hetze

von Sabine Brandes  02.11.2026

Westbank

Israels Armee zieht aus Hebron ab

Elf Tage nach Beginn des Anti-Terror-Einsatzes haben sich die israelischen Truppen zurückgezogen

 02.11.2026

Krieg

Tanker im Persischen Golf attackiert

Die Golfregion ist für Tanker und Frachtschiffe weiterhin gefährlich. Erneut wird ein Tanker angegriffen

 02.11.2026

Essay

Der neue Jude

Warum ich Mitleid mit den Deutschen habe, die bis heute nicht begreifen wollen, dass wir keine wehrlosen Opfer mehr sind, sondern starke, selbstbestimmte Menschen, die hart zurückschlagen, wenn man uns angreift

von Zeev Avrahami  02.11.2026

Jerusalem

Lieberman: »Nicht mit Bibi und nicht mit Tibi«

Der Chef von Israel Beiteinu schließt eine Zusammenarbeit mit Netanjahu und den arabischen Parteien aus – und fordert eine rein zionistische Koalition

von Sabine Brandes  02.11.2026 Aktualisiert

Israel

Herzog ruft Israels Politiker zu Kompromissbereitschaft auf

Der Präsident mahnt die Parteichefs zur Flexibilität bei den Koalitionsgesprächen und warnt vor Neuwahlen. Am Mittwoch beginnen die Beratungen in seinem Amtssitz

 01.11.2026

Regierungsbildung

Israels Oppositionschefs treffen sich zu Gesprächen

Avigdor Liberman soll sich mit Gadi Eisenkot getroffen haben, Yair Golan sprach mit der Gemeinsamen Liste. Der Likud schließt unterdessen eine Rotation im Amt des Ministerpräsidenten aus

 01.11.2026

Gadi Eisenkot spricht in der Wahlnacht vor Anhängern

Regierungsbildung in Israel

Eisenkot nennt vier Bedingungen für mögliche Koalitionspartner

Der Yashar-Chef will die neue Knesset-Mehrheit rasch nutzen und lädt jeden Abgeordneten zur Zusammenarbeit ein, der seine Grundsätze akzeptiert

 01.11.2026