Geiseln

Fast blind, verwundet, gefoltert, unterernährt, psychisch krank

Yosef-Haim Ohana (l.) und Elkana Bohbot sind seit 19 Monaten Geiseln der Hamas. Foto: Screenshot

Ihr Leben hängt am seidenen Faden: Von 50 Geiseln in der Gewalt der Hamas in Gaza sollen noch 20 am Leben sein. Doch wer weiß, wie lange noch. Sie sind krank, verwundet, und leiden unter den psychischen Folgen der endlosen Folter und den unerträglichen Zuständen in der Geiselhaft in den Tunneln unter der Enklave.

Während Israel und die Terrororganisation über einen möglichen Waffenstillstand und Geiselbefreiungsdeal verhandeln, sind die Angehörigen verzweifelt, dass in einer ersten Phase möglicherweise nicht alle verschleppten Menschen nach Hause kommen werden.  

Kurz bevor Premierminister Benjamin Netanjahu am Sonntag zum Staatsbesuch in die USA reiste, erhielt er einem Bericht des israelischen Kanals 12 zufolge Informationen über den Gesundheitszustand jeder einzelnen Geisel. Es heißt, diese Informationen werden voraussichtlich als Grundlage für die Entscheidung darüber dienen, wer im Rahmen eines Deals freikommt – und wer nicht.  

Informationen sollen benutzt werden, um Geiseln zu priorisieren

»Die zur Verfügung gestellten medizinischen Informationen werden in internen Gesprächen und mit Mediatoren darüber verwendet, welche Geiseln vorrangig freigelassen werden sollen«, hieß es in dem Bericht. Allerdings gebe es »Schwierigkeiten, welche Geiseln priorisiert werden sollen«, wurden Minister zitiert, die sich zu dieser Angelegenheit mit Netanjahu getroffen hätten. »Denn nach 640 Tagen der Gefangenschaft sind es alles humanitäre Fälle«. 

Dem Bericht zufolge endete das Treffen ohne eine Entscheidung darüber, wer priorisiert werden soll. Dies soll entschieden werden, wenn die Gespräche über die Umsetzung des Abkommens beginnen. 

Der derzeitige Entwurf des Abkommens sieht vor, dass etwa die Hälfte der lebenden und etwa die Hälfte der toten Geiseln, die von Terrorgruppen in Gaza festgehalten werden, innerhalb von 60 Tagen in fünf getrennten Freilassungen nach Israel zurückgeführt werden. 

Acht lebende Geiseln sollen am ersten Tag und zwei am 50. Tag freigelassen werden, gab ein arabischer Diplomat in israelischen Medien Auskunft. Fünf getötete Geiseln würden am siebten Tag freigelassen, fünf weitere am 30. Tag und acht weitere am 60. Tag. Damit würden am Ende der Phase noch 22 Geiseln in Gaza festgehalten, von denen die israelischen Sicherheitsbehörden zehn für lebend halten. 

Minister: »Nach 640 Tagen der Gefangenschaft sind sie alle humanitäre Fälle«

Im Rahmen des Berichts veröffentlichte Kanal 12 Auszüge aus den Krankenakten jeder lebenden Geisel:   

Alon Ohel, 24, werde derzeit allein gefangen gehalten. Seine Augen seien verletzt, er befinde sich in einem Zustand, der ihn einem hohen Risiko der Erblindung aussetzt. Freigelassene Geiseln, die mit ihm zusammen in den Tunneln waren, darunter Eli Sharabi und Eliyah Cohen, bestätigten dies.  

Matan Angrest, 21, wurde als Soldat entführt. Er wurde während des Kidnappings und während der Geiselhaft gefoltert. Ihm drohen irreversible Behinderungen.  

Nimrod Cohen, 20, ist ebenfalls Soldat. Auch er soll von seinen Entführern gefoltert worden sein.  

Yosef-Haim Ohana, 24, leide an einer schweren psychischen Erkrankung. 

Fast alle Geiseln leiden unter schweren psychischen Erkrankungen

Elkana Bohbot, 36, der zumindest teilweise mit Ohana zusammen festgehalten wird, leidet unter schweren psychischen Problemen, die nicht behandelt wurden. 

Avinatan Or, 32, leide unter akuter Unterernährung und an Wassermangel. 

Gali und Ziv Berman, beide 27, sind Zwillinge. Es ist nicht bekannt, ob sie zusammen sind. Sie leiden vermutlich an psychischen und physischen Erkrankungen. 

Rom Braslavski, 21, leidet an Asthma und sei an beiden Armen verletzt, heißt es in dem Bericht. 

Guy Gilboa-Dalal, 22, sei schwer misshandelt worden und extrem unterernährt.  

Evyatar David, 23, wurde zusammen mit seinem besten Freund Guy vom Nova-Festival entführt. Beide seien gefoltert und ausgehungert worden.  

Eitan Horn, 37, blieb zurück, als sein Bruder Iair in Freiheit kam. Er leidet an einer chronischen Krankheit, die nicht behandelt wurde. 

Der Zustand von allen verschlechtert sich zusehends

Maxim Herkin, 36, hat eine Armverletzung und leide unter extremem Hunger. 

Segev Kalfon, 27, leidet an einer posttraumatischen Belastungsstörung und einem sich verschlechternden psychischen Zustand. 

Bar Kuperstein, 23, leidet unter schwerer Unterernährung und anderen gesundheitlichen Problemen. 

Ariel und David Cunio, 26 und 34, sind Brüder. Sie werden vermutlich beide unter harten Bedingungen festgehalten. Es gibt kaum Informationen über ihren gesundheitlichen Zustand. 

Omri Miran, 46, wird wahrscheinlich isoliert festgehalten. Er leidet an Unterernährung. 

Matan Zangauker, 25, werde ebenfalls allein in den Tunneln festgehalten. Er leidet an Muskeldystrophie und einem sich verschlechterndem psychischen Zustand.  

Eitan Mor, 23, werde unter besonderes harten Bedingungen festgehalten. Sein allgemeiner Gesundheitszustand sei sehr problematisch, heißt es.

 

Vicky Cohen: »Es ist ein grausames Abkommen, das Geiseln zurücklässt.«

Darüber hinaus besteht große Sorge um das Leben von Tamir Nimrodi, 20, und Bipin Joshi, da es seit ihrer Entführung keinerlei Lebenszeichen von ihnen gibt. Tamir wurde als Soldat entführt. Bipin ist nepalesischer Student, der nach Israel kam, um die hiesigen landwirtschaftlichen Kenntnisse zu erlernen. 

Israel entsandte am Sonntag ein Verhandlungsteam nach Doha, nachdem die Hamas am Freitag erklärt hatte, sie habe positiv auf einen von den USA und Israel unterstützten Vorschlag reagiert, wenn auch mit Vorbehalten. Die erste Runde indirekter Gespräche endete am späten Sonntagabend Berichten zufolge ohne Ergebnis. 

Vicky Cohen, die Mutter der Geisel Nimrod Cohen, sagte am Montag, dass nach einem Jahr und neun Monaten der Gefangenschaft in unmenschlichen Zuständen »alle humanitäre Fälle sind«. Ihr körperlicher und psychischer Gesundheitszustand sei katastrophal.  

»Wir verstehen, dass dies ein Teilabkommen ist – es ist ein grausames Abkommen, das Geiseln zurücklässt. Es ist absolut unmenschlich, ihnen das anzutun.«

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