Warnung: Dieser Text enthält verstörende Gewaltschilderungen. Bitte beachten Sie dies vor der Lektüre und gegenüber Minderjährigen.
Die ehemalige Geisel Arbel Yehoud berichtete in einem Interview am Freitag, dass sie in ihrer Gefangenschaft »fast täglich« sexuell missbraucht wurde. Die Deutsch-Israelin betonte, dass sie nicht näher auf die Misshandlungen eingehen wolle, erklärte aber, dass diese so schwerwiegend und wiederholt gewesen seien, dass sie versuchte, sich das Leben zu nehmen.
»Ich habe drei Suizidversuche hinter mir«, so die erschütternden Worte der jungen Frau. »Ich dachte, ich könnte nicht mehr. Es gab Momente, da sah ich keinen anderen Ausweg.« Sie habe diese Versuche beendet, nachdem sie kurz vor ihrer Freilassung im Fernsehen die Aufnahmen von Kundgebungen für die Befreiung der Geiseln in Israel gesehen habe.
Die Geisel sah völlig fremde Menschen für sie kämpfen
»Kurz vor meiner Freilassung konnte ich Drohnenaufnahmen vom Geiselplatz anschauen. Ich sah viele Menschen mit Schildern in den Händen von mir unbekannten Personen. Und plötzlich sah ich Schilder von Bekannten, dann ein Schild für Ariel und eines für mich, Schilder von Menschen aus dem Kibbuz«, erzählte Yehoud. »Von diesem Moment an habe ich nicht mehr versucht, mir das Leben zu nehmen. Als ich begriff, dass mir völlig fremde Menschen für mich kämpfen, als wäre ich ihre Schwester oder Tochter, wurde mir klar, dass ich die Pflicht habe, zu Ariel und meiner Familie zurückzukehren. Und auch zu jenen, die um mich kämpfen.«
482 Tage war die heute 30-Jährige in der Gewalt der Terrororganisation Islamischer Dschihad im Gazastreifen. Auch nach mehr als einem Jahr in Freiheit fällt es ihr sichtlich schwer, über ihre Erlebnisse zu sprechen. Sie und Cunio seien bis heute nicht in der Lage, über die Gräueltaten zu reden, die sie über sich ergehen lassen mussten. »Wir sind beide noch nicht da angelangt. Es ist sehr schwer.«
In dem Interview schilderte sie vor allem die psychischen Folgen der Gefangenschaft und beschrieb, dass sie die schrecklichen Erlebnisse noch nicht preisgeben könne. Gleichwohl schätze sie die ehemaligen Geiseln so sehr, die es schaffen, sich hinzusetzen und den Mund aufzumachen, zu erzählen und ihr Trauma mitzuteilen – den »Koffer zu öffnen«.
Arbel Yehoud: »Selbst, nachdem ich den Horror gehört hatte, den Romi ertragen musste, bleibt diese Kluft bestehen. Denn bei mir war es ein sehr langer Zeitraum, und ich habe alles von Anfang bis Ende durchgemacht.«
Besonders belastend sei gewesen, dass sie über viele Monate hinweg völlig isoliert gewesen sei und keine Gewissheit über das Schicksal ihres Partners hatte. Die Trennung von ihm nur wenige Stunden nach der Entführung habe ihr Sicherheitsgefühl zerstört. Die Ungewissheit, ob Ariel noch lebte, sei für sie eine permanente psychische Folter gewesen.
Nach ihren Schilderungen war die Gefangenschaft von fortgesetzter Gewalt geprägt: Hunger, Drohungen, körperliche Misshandlungen und wiederholte sexuelle Übergriffe. Sie erlitt Verletzungen, darunter gebrochene Rippen, und lebte über lange Zeit in Angst vor weiterer Gewalt. Die Misshandlungen hätten über Monate hinweg immer wieder stattgefunden.
Arbel Yehoud und Ariel Cunio waren am 7. Oktober 2023 zusammen aus ihrem Haus in Kibbuz Nir Oz während des Hamas-Massakers verschleppt worden. Yehoud war am 30. Januar 2025 nach 482 Tagen Geiselhaft freigekommen, Cunio am 13. Oktober 2025 nach 738 Tagen – mehr als zwei Jahre nach dem Angriff.
Die chaotischen Szenen während der Übergabe von Yehoud an das Internationale Komitee des Roten Kreuzes sorgten damals weltweit für einen Aufschrei. Sie und der damals 80-jährige Gadi Moses mussten langsam durch eine große, laut brüllende und extrem aggressive Menschenmenge laufen. Vermummte und bewaffnete Terroristen begleiteten die beiden.
Sie fühlt sich trotz ihrer Rückkehr »nicht lebendig«
Heute leidet Yeh0ud nach eigenen Angaben unter den klassischen Folgen schwerer Traumatisierung: Flashbacks, Schlafstörungen, Angstzustände und emotionale Taubheit. Sie beschreibt, dass sie sich trotz der Rückkehr noch nicht wirklich lebendig fühle. Das Leben müsse neu aufgebaut werden, während die Vergangenheit ständig präsent bleibe. Ihr früheres Zuhause, der Kibbuz Nir Oz, existiert nicht mehr. Viele Menschen aus ihrem Umfeld wurden ebenfalls entführt oder ermordet. Diese Verluste verstärken die psychische Belastung zusätzlich.
In dem Interview sagt Yehoud, sie habe versucht, ihre Erlebnisse in Gefangenschaft zu verdrängen. Das änderte sich jedoch, als die ehemalige Geisel Romi Gonen in einem kürzlich geführten Interview enthüllte, dass sie wiederholt von Terroristen sexuell missbraucht wurde, bevor sie mit anderen Geiseln in die Terrortunnel unterhalb von Gaza gebracht wurde.
»Ich konnte mich sehr gut in die Worte hineinversetzen, besonders in Bezug auf die Kluft, die sie spürte, als sie die anderen Mädchen im Tunnel traf, denen nichts Derartiges geschehen war«, erklärte Yehoud im Interview. »Aber selbst, nachdem ich den Horror gehört hatte, den Romi ertragen musste, bleibt diese Kluft bestehen. Denn bei mir war es ein sehr langer Zeitraum, und ich habe alles von Anfang bis Ende durchgemacht«, so ihr trauriges Fazit. »Und das alles ist in meinem Inneren in einer noch ganz fest verschlossenen Kiste.«