Jerusalem

Es wird wieder gewählt

Abstimmung der Parlamentarier zur Auflösung der 22. Knesset Foto: Flash 90

Jetzt ist es amtlich: In Israel wird wieder gewählt. Am 2. März geben die Israelis zum dritten Mal in einem Jahr ihre Stimmen ab – ein Novum in der Geschichte des Staates.

Nachdem die letzte Frist zur Regierungsbildung um Mitternacht abgelaufen war, wurde die 22. Knesset in der Nacht zum Donnerstag aufgelöst. Auch im Anschluss an die Wahlen vom September hatte es keine Partei geschafft, eine funktionsfähige Regierung auf die Beine zu stellen.

Die zweite und dritte Lesung zur Auflösung gingen mit 96 zu sieben Stimmen durch. Die restlichen der 120 Abgeordneten enthielten sich. Premierminister Benjamin Netanjahu war erst spät in der Nacht angekommen, um seine Stimme abzugeben. Anschließend wurden die Parlamentarier entlassen.

Benny Gantz und Benjamin Netanjahu schoben sich gegenseitig die Schuld an der Krise zu.

Die Vorsitzenden der beiden größten Parteien, Benny Gantz von der Zentrumsunion Blau-Weiß und Premier Benjamin Netanjahu vom Likud, schoben sich gegenseitig die Schuld an der Krise zu. Sie hatten es nicht geschafft, eine Einheitsregierung zu bilden, wie von Präsident Reuven Rivlin vorgeschlagen.

koalition Dabei hatten bereits die Wahlen im April 2019 Geschichte geschrieben. Es war das erste Mal, dass keine Regierung geformt werden konnte und Neuwahlen ausgerufen wurden. Damals hatte sich der Vorsitzende von Israel Beiteinu, Avigdor Lieberman, geweigert, einer Koalition aus rechten und religiösen Parteien beizutreten, »da das Land so an die Ultraorthodoxen ausverkauft wird«, argumentierte er.

Lieberman blieb seiner Überzeugung auch nach den Ergebnissen im September treu und koalierte nicht mit dem Likud. Ohne die Beteiligung von Israel Beiteinu hatte weder Blau-Weiß noch der Likud eine Mehrheit von 61 Stimmen erhalten.

Kurz vor der Abstimmung zur Auflösung kritisierte Lieberman den amtierenden Regierungschef scharf. Dieser würde angeblich die Verleumdungen gegen ihn noch ausweiten. Der Politiker beklagte sich über »Verdrehungen und bösartige Geschichten über ihn persönlich, seine Familie und enge Freunde«.

Der Ministerpräsident sieht sich im kommenden Wahlkampf zwei großen Herausforderungen gegenüber.

Lieberman hatte Netanjahu die Koalition gleich zweimal versagt. Doch der amtierende Ministerpräsident sieht sich im kommenden Wahlkampf noch zwei weiteren großen Herausforderungen gegenüber: Gegen ihn läuft derzeit ein Korruptionsverfahren, in drei Fällen wird er sich wegen Bestechlichkeit, Vertrauensbruch und Betrug vor Gericht verantworten müssen. Außerdem muss er sich Wahlen in seiner eigenen Partei stellen, nachdem der einstige Bildungsminister Gideon Saar ihn herausgefordert hatte. Die Primaries im Likud sind für den 26. Dezember angesetzt.

Bis Beginn kommenden Jahres will Netanjahu überdies mehrere Ministerämter niederlegen – nämlich die für Gesundheit, Soziales, Landwirtschaft und Diaspora –, die er neben seinem Job als Premierminister innehat. Dies teilte das Justizministerium heute mit. Regierungschef möchte er allerdings trotzdem bleiben.

Haushalt Seit einem Jahr herrscht in Israel eine tiefe Regierungskrise, die das politische Leben mehr und mehr paralysiert. Wenige Tage vor dem Ende des Kalenderjahres gibt es keinen Haushalt für 2020, alle wesentlichen finanziellen Entscheidungen sind auf Eis gelegt, Gesetze können weder eingebracht noch verabschiedet werden.  Hinzu kommt, dass jede Wahl samt Kampagnen den Staat Milliarden von Schekeln kostet.

Auch das öffentliche Leben wird zusehends beeinträchtigt. Besonders der Gesundheitssektor spürt die Auswirkungen durch extremen Geldmangel. Doch auch in der Sicherheit klaffen immer größere Lücken. So kann ein lange vorbereiteter Plan der Armee nicht umgesetzt werden.

Im Alltag spüren die Israelis immer deutlicher den Mangel einer funktionierenden Regierung.

Im Alltag spüren die Israelis immer deutlicher den Mangel einer funktionierenden Regierung: Für Schul- und Kindergartenkinder gibt es keine Zuschüsse in der Nachmittagsbetreuung mehr, und die Eltern müssen selbst in die Tasche greifen. Sogar spezielle Stipendien nach Beendigung des Militärdienstes für Soldaten, die ohne Familie im Land sind, wurden jetzt eingefroren.

Jüngsten Umfragen zufolge würde sich auch bei den kommenden Wahlen nicht viel ändern. Lieberman wäre wieder Königsmacher mit acht Sitzen, beim Likud sähe das Ergebnis mit 33 so aus wie im September, Blau-Weiß könnte drei Mandate mehr holen und auf 37 kommen. Die kleineren Rechtsparteien verlören drei (alle Angaben Kanal 13). Damit ist nicht ausgeschlossen, dass der politische Stillstand auch nach der Stimmabgabe im März 2020 genauso weitergeht.

Jerusalem

Ben-Gvir präsentiert israelische Fahne auf dem Tempelberg

Ausschreitungen und anti-arabische Gesänge während israelischen »Flaggenmarsches« – Polizei nimmt 13 Randalierer fest

 14.05.2026

Mittelmeer

Gaza-Hilfsflotte sticht von Türkei aus erneut in See

Israel wirft einigen Aktivisten Verbindungen mit der islamistischen Terrororganisation Hamas im Gazastreifen vor

 14.05.2026

Israel

Netanjahus Gesundheit vor Gericht

Der Premier erklärt sich in Verleumdungsprozess für »topfit« – doch Widersprüche bei Angaben zu seiner Krebsbehandlung werfen neue Fragen auf

von Sabine Brandes  14.05.2026

Nahost

Drei israelische Zivilisten durch Hisbollah-Sprengstoffdrohne verletzt

In der Mitteilung der israelischen Armee war die Rede von einem schweren Verstoß der Hisbollah gegen die Waffenruhe

 14.05.2026

Westjordanland

»Peace Now«: Friedensaktivist von Siedlern im Gesicht verletzt

Der Leiter von »Peace Now«, Lior Amichai, wurde nach Angaben der Organisation von gewalttätigen Siedlern geschlagen

 14.05.2026

Israel

Neue Hoffnung auf günstige Flugtickets

Nach monatelangen Flugausfällen kehren internationale Airlines zurück – Lufthansa und Wizz Air machen den Anfang

von Sabine Brandes  14.05.2026

Israel

Parlamentswahl könnte vorgezogen werden

Der Vorsitzende der Regierungskoalition, Ofir Katz, reichte einen entsprechenden Gesetzesentwurf zur Auflösung der Knesset ein

 14.05.2026

Nahost

Netanjahus Büro: Premier hat während Iran-Kriegs heimlich Emirate besucht – der Golfstaat dementiert

Laut dem Büro des Regierungschefs habe der Besuch zu »einem historischen Durchbruch in den Beziehungen zwischen Israel und den Vereinigten Arabischen Emiraten« geführt

 14.05.2026 Aktualisiert

Kommentar

Warum Dieter Nuhr den Leo-Baeck-Preis gerade jetzt verdient hat

Dass der Zentralrat der Juden den Kabarettisten ehrt, sendet ein wichtiges Signal weit über die jüdische Gemeinschaft hinaus

von Ahmad Mansour  13.05.2026