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Interview

»Die Chance auf Regimewechsel im Iran liegt bei 5 Prozent«

Peter R. Neumann ist Professor für Sicherheitsstudien am Londoner King’s College Foto: picture alliance / HMB Media

Herr Neumann, wie sehen Sie die Chancen, dass der von Israel und den USA gewünschte Regimewechsel im Iran tatsächlich kommt?
Ich würde sagen, die sind sehr gering – vielleicht bei unter 5 Prozent. Luftschläge allein bringen in der Regel keinen Regimewechsel. Sie können ihn nur unterstützen, wenn es vor Ort entsprechende Kräfte gibt. Im Irak 2003 waren das die amerikanischen Bodentruppen, 2001 in Afghanistan die Nordallianz. Und in Venezuela gab es zuletzt eine Putschbereitschaft innerhalb des Regimes dort.

Was ist im Iran anders?
Die große Protestbewegung vom Jahresanfang existiert so nicht mehr. 30.000 Menschen oder noch mehr wurden getötet, die Proteste wurden brutal niedergeschlagen, ihre Anführer sind im Gefängnis oder tot. In dieser Situation ist es nicht einfach, nur mit Luftschlägen einen Regimewechsel herbeizuführen. Plausibel wäre allenfalls, dass durch das entstandene Chaos ein Putsch innerhalb des Regimes stattfindet, etwa durch eine Fraktion der Islamischen Revolutionsgarde. Man darf sich aber nichts vormachen: Das würde nicht unbedingt zu einer Demokratie führen. Es gibt sicher aktuell eine Chance auf einen Führungswechsel, aber nicht zwingend auf einen Regimewechsel.

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Das klingt eher pessimistisch. Wirkt das Vorgehen der USA auf Sie durchdacht? Warum erfolgten die Luftschläge erst jetzt, sechs Wochen nach der Massakern an den Demonstranten?
Die aktuelle Intervention hat sich aus einer Eigendynamik ergeben. Donald Trump hatte einst getwittert: »Die Hilfe ist auf dem Weg«. Doch mittlerweile ist der Patient verstorben. Als die Protestbewegung auf dem Höhepunkt war, zögerte Trump; damals hätte es vielleicht eine Chance gegeben. Zwischenzeitlich hat er Forderungen an das Regime gestellt und Verhandlungen mit ihm geführt.

Bei denen es dann aber keinen Durchbruch gab ...
Richtig. Hätte Trump jetzt einen Rückzieher gemacht, stünde er als Verlierer da. Das möchte er natürlich verhindern. Ich glaube, der US-Präsident hofft, nach einer Woche von Schlägen das Atom- und vor allem das iranische Raketenprogramm zerstört zu haben, um sich dann zurückziehen zu können. Er könnte dann argumentieren, dass der Boden bereitet sei dafür, dass das iranische Volk nun selbst die Macht im Land übernimmt. Aber das ist ein hoch riskantes Szenario.

Warum hat der Iran heute auch Länder wie die Arabischen Emirate, Bahrain, Katar und Saudi-Arabien angegriffen und diese in den Konflikt mit hineingezogen?
Aus iranischer Sicht wurden nicht diese Länder selbst angegriffen, sondern die dortigen US-Militärbasen. Aber das zeigt, dass der Konflikt diesmal anders verläuft als im Juni letzten Jahres. Damals taten die Iraner alles, um eine Eskalation zu vermeiden. Sie erlaubten den Amerikanern im Prinzip, vor den Gegenschlägen ihre Basen zu räumen. Diesmal legen sie es offensichtlich darauf an, dem amerikanischen Militär gezielt Schaden zuzufügen. Sie verstehen, dass tote US-Soldaten Trump in große politische Verlegenheit zu Hause bringen kann. Das kann innenpolitisch für ihn ein riesiges Problem werden. Wenn die Iraner das »richtige« Ziel treffen, hat Trump ein Riesenproblem. Er könnte in einen viel größeren Konflikt hineingezogen werden, als er beabsichtigt.

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Wie hoch ist das Risiko für Israel?
Das israelische Luftabwehrsystem ist nach dem Krieg vor neun Monaten noch nicht vollständig wieder aufgestockt. Dass die Amerikaner mit einem Flugzeugträger vor der Küste stehen, bietet Israel zwar Schutz. Wenn der Konflikt aber nicht in ein paar Tagen beendet ist und der Iran auch darüber hinaus in der Lage ist, Raketen auf Israel zu feuern kann, könnte es eng werden. Es liegt daher im Interesse Israels, dass diese Auseinandersetzung nicht allzu lange andauert.

Wäre die Tatsache, dass der Iran auch nach über einer Woche noch Raketen feuern kann, ein Beweis dafür, dass die israelisch-amerikanischen Schläge gegen die Islamische Republik im Juni 2025 doch nicht so erfolgreich waren wie behauptet?
Die Aktion richtete sich damals in erster Linie gegen das Atomprogramm. Sie war insofern erfolgreich, als sie dieses Programm erheblich zurückgeworfen hat. Laut Geheimdiensten haben die Iraner es bislang nicht geschafft, erneut Uran anzureichern. Die Gefahr einer atomaren Eskalation liegt momentan bei null. Was jedoch nicht zerstört wurde, ist das iranische Raketenprogramm.

Wie hochgerüstet ist der Iran noch?
Selbst nach optimistischen westlichen Schätzungen verfügt das Regime noch über 1000 bis 1500 Raketen mit einer Reichweite von mehr als 1000 Kilometern. Damit kann es israelisches Staatsgebiet weiterhin erreichen. Die entscheidende Frage ist, wie viele dieser Raketen in kurzer Zeit zerstört werden können. Möglicherweise gehen den Iranern nach einer Woche die Raketen aus. Dann wäre Israel wieder sicher.

Rückt dieser Krieg den zwischen Russland und der Ukraine nun erneut in den Hintergrund?
Indirekt ja. Russland dürfte dem Regime erneut ein schlechter Verbündeter sein, wie schon im Juni 2025. Moskau hat dem Iran im letzten Sommer nicht geholfen und wird es auch diesmal nicht tun.

Warum nicht?
Wladimir Putin hat kein Interesse an einem Konflikt mit Amerika. Er glaubt, Trump in der Tasche zu haben, was ihm auch in Bezug auf die Ukraine nützt. Würde Putin sich jetzt auf die Seite des Irans schlagen, würde diesen Vorteil verspielen. Er wird sich also zurückhalten. Vielleicht bietet er sich als Vermittler an, aber aktiv eingreifen dürfte er nicht. Im Gegensatz zu Nordkorea, mit dem Russland ein Beistandsabkommen hat, gibt es mit dem Iran nur ein Kooperationsabkommen. Russland kann sich also aus der Situation herausmanövrieren. Der Iran am Ende allein dasteht.

Glauben Sie, dass die Gefahr eines Terrorangriffs in Europa, beispielsweise auf jüdische Einrichtungen oder israelische Botschaften, nun gestiegen ist? Oder hat das Regime im Iran gerade andere Sorgen?
Ich würde diese Möglichkeit eines Terrorangriffs hier nicht völlig ausschließen. Es ist zwar ein Szenario mit geringer Wahrscheinlichkeit, hätten aber einen massiven Impact, auf den man sich vorbereiten sollte. Wir wissen, dass die Revolutionsgarden in Europa aktiv sind und wir wissen auch, dass der Iran asymmetrische Aktionen mag. Wenn die Existenz des Regimes akut bedroht ist, könnten es als Ultima Ratio versuchen, den Konflikt auszuweiten und israelische oder amerikanische Ziele auf anderen Kontinenten angreifen.

Auch jüdische Einrichtungen?
Die Islamische Republik war da noch nie wählerisch. Ich erinnere nur an die Anschläge auf die Synagogen in NRW 2022. Die feine Unterscheidung zwischen »Zionisten« und »Juden«, die manche Linke bei uns vornehmen, macht der Iran nur rhetorisch. Daher ist es richtig, dass man in Deutschland sehr genau aufpasst und Synagogen und andere jüdische Einrichtungen schützt. Die Wahrscheinlichkeit eines Anschlags ist gering. Aber man sollte vorbereitet sein. 

Mit dem Sicherheits- und Terrorismusexperten am Londoner King’s College sprach Michael Thaidigsmann.

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