Tom Shoval

»Es ist schwer, den Kreis zu schließen«

Regisseur Tom Shoval Foto: Marco Limberg

Tom Shoval

»Es ist schwer, den Kreis zu schließen«

Im Rahmen der Berlinale wird die Doku »A Letter to David« gezeigt, dieses Mal als komplette Version. Ein Interview mit dem Regisseur

von Katrin Richter  17.02.2026 14:31 Uhr

Herr Shoval, am Freitag wird im Berliner Kino Babylon »A Letter to David – The Complete Version« gezeigt. Wie sehen Sie der Aufführung entgegen?
Ich glaube, es ist genau das, was ich mir die ganze Zeit über, in der wir den Film A Letter to David gezeigt haben, in meiner Fantasie ausgemalt habe: Dass wir diesen Moment erleben würde.

Vor einem Jahr sagten Sie, dass der Film mit der Freilassung David Cunios ein neues Ende bekommen würde. Was macht Ihren Film jetzt komplett?
Ich habe wirklich überall darüber gesprochen, dass A Letter to David ein unvollendeter Film ist. Ich habe nie aufgehört, daran zu glauben, dass ich irgendwann ein richtiges Ende hinzufügen würde. Und ich hatte viele Enden im Kopf, aber nach meinem Treffen mit David ergab alles einen Sinn für mich.

Wie war das erste Treffen?
Ich habe ihn in seinem Zuhause besucht, ungefähr einen Monat, nachdem David freigekommen war. Es war ein Samstagmorgen, und ich bin bis zum Abend geblieben. Wir waren einfach zusammen und haben über viele Dinge gesprochen. Nach diesem Treffen wusste ich, wie ich das Ende sein wird. Irgendwie hatte ich es schon in meinem Kopf, aber nach dem Treffen war es klar.

Hatte David Cunio den Film gesehen?
Ja, Sharon, Davids Frau, sagte mir, dass sie ihm A Letter to David irgendwann zeigen werde. In der Gefangenschaft wusste David natürlich nichts davon, dass wir einen Film gedreht haben. Er war sehr gespannt darauf, ihn zu sehen und ich weiß, dass sich David ihn immer mal wieder in Teilen angeschaut hat, weil es ja seine Geschichte ist. In der Geiselhaft, sagte man ihm, dass sich niemand um ihn kümmern, dass niemand für sie kämpft. Es war nach der Freilassung für David etwas ganz Besonderes, als er sah, dass seine Frau und seine Familie hart für ihn gekämpft hatten. All die Liebe, die ihm entgegengebracht wurde, hat ihn meiner Meinung nach stärker gemacht.

Mussten Sie David überzeugen, mitzumachen?
Als ich David getroffen habe, bin ich da ganz klar gewesen: Ich würde jede Antwort Davids akzeptieren und verstehen. Und bevor wir überhaupt mit dem Sprechen über den Dreh angefangen haben, habe ich David gesagt, dass er nur das machen soll, wobei er sich wohlfühlt. Mir war es wichtig, ihm zu vermitteln und zu versichern, dass ich nichts tun werde, womit er sich nicht wohlfühlt. Aber David sagte: »Auf keinen Fall. Ich möchte es tun, es ist wichtig für mich. Ich werde alles tun, was du möchtest.« Das war sehr bewegend. Ich war immer etwas angespannt, weil ich einen Film über David drehte, ohne dass er davon wusste. Und ich hatte auch etwas Angst davor, dass er den Film sehen würde und sagen könnte »Ich will nicht, dass die Leute diesen Film noch sehen.« Das hätte ja auch passieren können. Dann hätte ich A Letter to David zurückgezogen.

Wie geht es Ihnen jetzt mit dem Film?
Ich bin etwas vorsichtig, über irgendeinen Heilungsprozess durch den Film zu sprechen, aber für mich war es eine Option, aus dieser existenziellen Krise, in der ich mich befand, herauszukommen. Für ihn war es ein Weg, zurück in sein eigenes Leben. Ich glaube also, wir beide nutzen diese Handlungen, diesen kreativen Moment, um gemeinsam stärker zu werden.

Der Tag, an dem David freigelassen wurde, war der 13. Oktober 2025. Wie haben Sie diesen Tag in Erinnerung?
Ich konnte nichts tun. Ich war wie gelähmt. Es war so überwältigend, einfach so überwältigend. Wissen Sie, man stellt sich etwas vor, und dann passiert es. Und es passiert auf so eine verrückte Art und Weise. David rief von einem Hamas-Telefon aus seine Mutter Sylvia an. Es war schwer zu fassen, das alles auf dem Bildschirm zu sehen. Ich saß einfach nur da und konnte nicht einmal richtig fernsehen, ich sah nur Standbilder. So etwas habe ich noch nie empfunden. Es war eine überwältigende Emotion. Der Moment war größer als ich selbst. Die Familie Cunio schlug vor, dass ich mit dabei sein soll, aber ich lehnte ab, weil ich das Gefühl hatte, dass dies ihr Moment ist. Sie brauchen diese Zeit. Ich wollte nicht noch eine weitere Person sein, die dort sein würde. Ich wollte, dass sie diesen Moment so intim wie möglich erleben konnten. Also habe ich geduldig auf meinen Moment gewartet, und als er kam, war es unglaublich.

Und es war auch so krass, als die beiden dann ihr Angehörigen überrascht haben.
Ganz ehrlich: Ich war über diesen Moment so erleichtert, weil ich von da an sicher wusste, dass sie sich nicht verändert hatten. Nach all dem, was sie durchgemacht haben, sind sie sich treu geblieben, mit ihren Streichen und ihrem Humor.

Sie haben den Film schon in ein paar Städten gezeigt. Wie waren die Reaktionen?
Ich hatte immer ein klein wenig Angst, dass es politische Proteste geben würde, aber nichts davon ist passiert. Überall, wo ich hingekommen bin, haben die Leute den Film, Davids Familie und ihn sehr positiv aufgenommen, waren interessiert und äußerst emotional. Ich wäre auch sehr traurig, wenn es zu Störungen kommen würde, weil eine menschliche Geschichte und eine Geschichte über Freundschaft und Brüderlichkeit ist. Natürlich ist dieser Film eine Folge des Krieges, und diese Momente sind Folgen des Krieges. Aber ich wollte über intime Beziehungen sprechen und nicht über geopolitische Aspekte.

Meinen Sie, dass es eine Art Abschluss geben kann?
Das ist eine gute Frage, auf die ich keine Antwort habe. Ich denke, es ist schwer, den Kreis zu schließen, nachdem man diese Sache durchgemacht hat, zurückkommt und alles wieder normal sein soll. So etwas wie ein Happy End gibt es nur im Film. Paare und Familien stehen jetzt vor ganz anderen Herausforderung, und ich hoffe, dass ihnen andere Menschen dabei helfen werden. Ich vertraue darauf, dass sie wieder zu sich finden, aber es ist ein langer Weg.

Mit dem Regisseur sprach Katrin Richter.

Der Film »A Letter to David – The Complete Version« wird am 20. Februar 2026 um 16 Uhr im Kino Babylon, Rosa-Luxemburg-Str. 30, gezeigt.

Musik

Vom Kinderzimmer in Cholon in die US-Charts

Die israelische Band Temper City nimmt mit ihrem Song »Self Aware« einen weltweiten Hit auf

von Sabine Brandes  21.04.2026

Warschau/Jerusalem

Polen und Israel streiten über Vorwürfe von Kriegsverbrechen

Der Warschauer Außenminister Sikorski sagt, IDF-Soldaten räumten selbst Kriegsverbrechen ein. Sein israelischer Kollege Sa’ar spricht von »haltlosen und verleumderischen Aussagen«

von Admin  21.04.2026

Jom Hasikaron

Israel begeht Gedenktag für Gefallene – Appelle an Einheit und Hoffnung

»Diese Kriegsgeneration verdient es, vom Tag danach zu träumen. Sie verdient ein Lied der Hoffnung«, sagt Präsident Isaac Herzog

 21.04.2026

Jom Hasikaron

So viele Verluste

Mein Vater floh vor der Schoa, wurde beinahe in seinem Kibbuz ermordet und starb als Flüchtling im eigenen Land. Der Gedenktag wird dieses Jahr für mich besonders schmerzhaft sein

von Eshkar Eldan Cohen  20.04.2026

Jom Hasikaron

Wenn Hunde heilen

Ein Projekt in Israel bringt Soldaten und traumatisierte Überlebende mit jungen Hunden zusammen – und schafft stille Rettungsräume im Alltag. Eine Begegnung im Yarkon-Park in Tel Aviv

von Sabine Brandes  20.04.2026

Israel

Herzog zeichnet Milei mit Ehrenmedaille aus

Javier Milei erhält in Jerusalem die höchste zivile Auszeichnung des jüdischen Staates. Der argentinische Präsident stellte sich im Konflikt mit dem Iran klar an die Seite Israels und der USA

 20.04.2026

Jom Hasikaron

Schmerz und Erinnerung im Herzen der Stadt

Welche Zukunft hat der Gedenkort der Terroropfer und gefallenen Soldaten am zentralen Dizengoff-Platz in Tel Aviv?

von Sabine Brandes  20.04.2026

Waffenruhe

Präsident Aoun: Libanon verhandelt alleine mit Israel

Seit ein paar Tage gilt zwischen Israel und der Hisbollah im Libanon eine Waffenruhe. Die Regierung in Beirut will dauerhafte Stabilität für den Mittelstaat erreichen

 20.04.2026

Nahost

Soldat schlägt auf Jesus-Statue ein. Israel kündigt harte Strafe an

Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu verurteilte die Attacke »aufs Schärfste«. Das israelische Militär kündigte »angemessene Maßnahmen« gegen alle Beteiligten an

 20.04.2026