Die Sonne sinkt langsam und taucht das Gras in warmes goldenes Licht. Radfahrer ziehen ihre Runden, in der Ferne lachen Kinder, hier und da sitzt ein verliebtes Pärchen auf einer Bank. Es ist ein ruhiger Sonntagabend im Yarkon-Park in Tel Aviv. Auf einer der Rasenflächen stehen etwa zehn Menschen in einer Gruppe im Kreis. Jeder von ihnen hält eine Leine. Am anderen Ende: ein Hund.
Ein junger Australian Shepherd springt aufgeregt durch das Gras, ein Golden Retriever tapst hinter seinem Besitzer her, zwei Labradore versuchen, ein Leckerchen zu ergattern. »Oliver, bleib!«, sagt ein junger Mann mit ruhiger Stimme und streckt seinem Vierbeiner, der im Gras sitzt, die flache Hand entgegen. Auf den ersten Blick wirkt es wie ein gewöhnlicher Hundekurs. Doch wer genauer hinsieht, merkt: Die Verbindung zwischen diesen Menschen und ihren Tieren ist ungewöhnlich eng. Immer wieder streicheln sie ihre Hunde, loben, belohnen, nehmen sie in den Arm, fast so, als wollten sie sie nie wieder loslassen.
»Friendship for Life«
Für viele hier ist der Hund mehr als ein Begleiter. Er ist emotionaler Unterstützungshund und Teil eines Heilungs-
prozesses. Die Gruppe gehört zum Projekt »Friendship for Life«, einer Initiative für Soldaten der israelischen Armee, Überlebende des Nova-Festivals, zurückgekehrte Hamas-Geiseln und Angehörige von Opfern des Massakers der Hamas am 7. Oktober 2023 im Süden Israels. Viele kämpfen mit Symptomen einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS).
Die Hundeschule hat ihren Sitz in Afikim im Norden Israels und reist einmal pro Woche nach Tel Aviv, um die Gruppenstunden im Park abzuhalten. »Die Tiere lernen nicht nur Kommandos, sondern mit dem Leben ihrer Menschen mitzuwachsen«, sagt Projektinitiator und Hundetrainer Yaniv Osem.
Er beschreibt die besondere Sensibilität der Vierbeiner so: »Ein Hund nimmt wahr, wenn sich im Körper seines Menschen etwas verändert. Er riecht den Anstieg von Stresshormonen und erkennt, wenn sich etwas anbahnt. Dann kommt er näher, sucht Kontakt – oft noch bevor der Mensch selbst versteht, was passiert.«
»Diese Hunde geben emotionale Stabilität und Sicherheit«
Hundetrainer Yaniv Osem
»Am Anfang haben wir mit Menschen in den Kibbuzim gearbeitet, aber sehr schnell gemerkt, wie stark die Wirkung auch bei Soldaten ist«, so Osem. Viele der Teilnehmer seien Reservisten, um die 30 Jahre alt, die eigentlich mitten im zivilen Leben stehen. Sie arbeiten, studieren, haben Partnerinnen, Familien, Kinder. »Und plötzlich sind sie wieder Soldaten. Niemand hat das geplant.« Was alle verbinde, sei die Rückkehr in einen Zustand permanenter Alarmbereitschaft.
Osem erklärt: »Diese Hunde geben emotionale Stabilität und Sicherheit, denn sie reagieren auf Veränderungen im Verhalten. Wenn sie springen, lecken, unruhig werden, dann zeigt das oft, dass der Mensch gerade in eine Stressphase rutscht.« Er beschreibt den Hund als Spiegel: »Wir trainieren nicht nur die Tiere. Wir helfen auch den Menschen zu verstehen, was sie selbst gerade fühlen.«
Schlafprobleme und Angstzustände
Itamar, 29, kniet neben seinem Hund Oliver, einem sieben Monate alten Australian Shepherd. In diesen Tagen rückt in Israel zudem Jom Hasikaron näher, der Gedenktag für gefallene Soldaten und Terroropfer – eine Zeit, die für viele Familien und besonders für Reservisten emotional schwer wiegt. Immer wieder legt der Hund den Kopf gegen sein Bein, als wolle er sicher sein, dass sein Mensch noch da ist.
»Ich bin Kommandeur in einer Kampfeinheit der Reserve«, erzählt er. Als Itamar von dem Projekt hörte, war er sofort begeistert. »Ich habe im Krieg viele Freunde verloren, auch aus meiner Einheit.« Doch die Warteliste war recht lang. »Leider gibt es viele wie mich«, sagt Itamar. »Dann kam plötzlich der Anruf …« Heute gehört Oliver fest zum Familienalltag. »Wir wollten einen Hund, der zu unserem aktiven Lebensstil passt, wir laufen zusammen, machen gemeinsam Sport.«
Aber es gehe längst nicht nur darum, Spaß zu haben: »Der Krieg hinterlässt Spuren«, gibt Itamar leise preis, während er Oliver hinter den Ohren krault. »Man bekommt Schlafprobleme, Angstzustände, besonders wenn niemand sonst da ist. Doch man will natürlich nicht in diese depressiven Gedanken abrutschen.« Da helfe der Hund ungemein, sagt er, denn er zwinge einen, aktiv zu sein. »Und du bist nicht mehr allein.« Der sieben Monate alte Junghund sei längst Familienmitglied, sagt Itamar und lacht. »Mein Vater meint: ›Wie schön, noch ein Enkelkind!‹«
Der Gedenktag für die gefallenen Soldaten wiegt vor allem für Reservisten emotional schwer.
Die Teilnehmenden erhalten erst nach einer ausführlichen Bedarfsanalyse einen zwei Monate alten Welpen, der speziell für die therapeutische Arbeit ausgewählt ist. Vom ersten Tag an trainieren und pflegen die Teilnehmenden den Welpen unter professioneller Anleitung. Die Bindung zwischen Teilnehmenden und Hund fördert die emotionale und körperliche Rehabilitation, dadurch wird eine Verschlimmerung der Traumata verhindert und der Entwicklung einer Posttraumatischen Belastungsstörung vorgebeugt, erläutert Osem.
Ein junger Mann, der nur mit dem Anfangsbuchstaben A. genannt werden möchte, übt auf der Rasenfläche mit seinem Hund Radja. Er ist Reservist in der Eliteeinheit 669 und hat klare Worte für seinen Begleiter: »Es gibt mich vor Radja, und es gibt mich, seitdem Radja da ist. Und das ist ein riesengroßer Unterschied.«
Der 28-Jährige lebt allein im Norden von Tel Aviv und bekam den Welpen im September 2024, fast ein Jahr nach Beginn des Krieges. »Es war immer mein Traum, einen Hund zu haben, und dann wurde mir dieses Projekt vorgeschlagen.« Anfangs habe er nicht verstanden, was die Trainer meinten, als sie sagten, es sei etwas ganz Besonderes, einen Welpen zu bekommen. Doch heute weiß A. ganz genau, was es bedeutet: »Wenn der Hund als Welpe zu dir kommt, entsteht eine unglaublich tiefe Verbindung. Du machst alle Erfahrungen mit ihm gemeinsam.«
»Er ist wie ein Mensch«
Und Radja hält ihn auf Trab: »Ich muss mich um ihn kümmern, füttern, rausgehen, spielen. Nichtstun geht nicht.« Dabei sei er viel mehr für ihn als nur ein Haustier. »Er ist wie ein Mensch, mit dem ich zusammenlebe. Es gibt Momente, in denen ich mich nicht gut fühle – und sofort kommt er zu mir.« Die Beziehung sei schwer zu erklären. »Es ist verrückt«, sagt er, »aber wir haben wirklich so etwas wie eine spirituelle Kommunikation.« Inzwischen begleitet ihn Radja fast überallhin, sogar zu Reservistendiensten in die Kaserne. »Natürlich nicht nach Gaza oder in den Libanon. Aber ansonsten ist er immer dabei.«
Hinter dem Projekt steht neben Osem auch die Mitgründerin Dorit Maoz, die von einer Vielzahl ungewöhnlicher Bindungen erzählt. »Alle Teilnehmer sind uns lieb und teuer – Mensch wie Hund«, sagt sie. »Wir sind eine echte Gemeinschaft geworden, die aufeinander aufpasst.« Der Auswahlprozess sei bewusst streng, erklärt sie: »Es muss wirklich passen zwischen Mensch und Tier, denn es ist eine intensive Beziehung.« In den zweieinhalb Jahren seit Bestehen des Projekts seien nur vier Hunde zurückgegeben worden, zum Beispiel im Fall einer Scheidung.
»Einer dieser Hunde, Ryker, kam später zu einer neuen Familie«, erzählt sie. »Ein Reservist mit einem Baby.« Sie zeigt ein Foto: Ein kleines Kind sitzt auf dem Boden, der Golden Retriever liegt eng an ihm, schützend, den Kopf nah am Körper des Kindes. »Die beiden waren sofort wie Seelenverwandte«, sagt Maoz. »Wir wollen Erfolg haben. Denn nur dann kann es den Menschen wirklich besser gehen. Das ist unsere Verantwortung.« Inzwischen nehmen rund 200 Menschen an dem Programm teil, und die Nachfrage wächst stetig.
Mehr als ein Hundetraining
Einmal pro Woche treffen sich die Teilnehmer und Teilnehmerinnen im Yarkon-Park zu gemeinsamen Übungen. Auch die Treffen sollen den Teilnehmern helfen, ins gesellschaftliche Leben zurückzufinden. Während die Sonne langsam untergeht, versammelt sich die Gruppe um einen Picknicktisch. Tee, Kaffee, Kuchen, Kekse und Obst sind von Freiwilligen gespendet. Itamar hält Oliver ein Stück Wassermelone vor die Schnauze. Der Welpe beißt genüsslich zu. Die anderen lachen: »Ein echter Israeli eben.«
Daneben sitzt A. im Gras. Sein Hund legt den Kopf auf die Knie des Mannes, ganz still, als würde er über seinen Menschen wachen. Für den jungen Mann ist es ein bedeutender Moment, bevor es wieder losgeht. Nächste Woche muss er erneut zum Reservedienst. In Richtung Libanon.
Für alle hier ist dieser Sonntagabend mehr als ein Hundetraining. Es sind Momente, in denen der Stress langsam nachlässt, sich etwas im Inneren löst und durch die Nähe der Hunde langsam wieder Alltag einkehrt. So, als würde mit jeder Pfote neben dem Fuß ein Schritt zurück ins normale Leben gesetzt.