Mit dem Beginn von Jom Hasikaron am heutigen Abend senkt sich in Tel Aviv wie im ganzen Land eine besonders schwere Stille über die Straßen. Sirenen werden den Alltag unterbrechen, Menschen bleiben stehen, gedenken der gefallenen Soldatinnen und Soldaten und der Opfer von Terror. Es ist ein Tag der tiefen kollektiven Trauer in Israel.
Und manchmal ist es auch ein Moment, in dem sich die Frage stellt, wie Erinnerung im öffentlichen Raum sichtbar wird und welche Form sie annimmt. Ein Ort, an dem diese Frage derzeit besonders greifbar ist, liegt mitten im Herzen der Stadt: auf dem Dizengoff-Platz. Dort entstand in den ersten Tagen nach dem verheerenden Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 mit mehr als 1200 Toten ein improvisierter Gedenkort.
Stofftiere lehnen an Rahmen mit den Fotos von geliebten Menschen. Aufkleber mit Erinnerungsworten kleben an der Brüstung des Brunnens, Kerzen werden entzündet, persönliche Gegenstände abgelegt. Angehörige, Freunde und Freiwillige schufen hier einen ganz besonderen Raum, der mitten im Leben der Stadt Halt geben sollte. Sie hatten das Bedürfnis, nicht allein zu trauern, sondern dies mit Menschen um sie herum zu tun. Für viele der trauernden Angehörigen und Freunde ist es mehr als nur ein Mahnmal. Es ist der Beweis, dass die Söhne, Töchter, Eltern, Freunde, die getötet wurden, nicht vergessen sind.
Viele der Bilder der Opfer sind beschädigt oder verwittert
Mehr als zweieinhalb Jahre später hat sich das Bild jedoch merklich verändert. Viele der Bilder der Opfer sind beschädigt oder verwittert, Rahmen zerbrochen. Kerzenreste und Müll sammeln sich rund um die Brüstung des Brunnens, auf dem Sie aufgestellt sind. Regen und Witterung setzen den Materialien zu. Nachts fehlt es an Aufsicht, so dass es immer wieder vorkommt, dass Gegenstände beschädigt oder entfernt werden.
Was einst Ausdruck von Gemeinschaft war, wirkt für manche heute wie ein trister Ort, der sich selbst überlassen wurde. Gerade im Vorfeld von Jom Hasikaron wird dieser Zustand von Besuchern und Angehörigen als besonders schmerzhaft empfunden.
Auch Gal Goren, dessen Eltern Maya und Avner im Kibbuz Nir Oz von Hamas-Terroristen ermordet wurden, äußert Kritik am Umgang mit dem Platz: »Ein Gedenkort lebt von Würde und Pflege, wenn diese fehlen, wird aus Erinnerung schnell das Gegenteil dessen, was sie sein sollte.« Seine Worte beziehen sich auf ein grundlegendes Problem: Es fehlt an klarer Planung und Verantwortung, wie dieser Ort erhalten und geschützt werden soll.
Anwohner Tomer Shefer: »Es braucht ein Denkmal, das den Opfern gerecht wird und zugleich einen klaren Rahmen schafft, in dem man in Würde trauern kann.«
Gleichwohl wollen viele Angehörige der Opfer es nicht zulassen, dass die Stadtverwaltung die provisorische Gedenkstätte entfernt. »Sie planen, das Mahnmal abzubauen, ohne eine angemessene Lösung für einen Ersatz zu haben«, sagt Goren. »Aus meiner Sicht und der vieler anderer Familien ist die Einsetzung eines Komitees, das, wer weiß, wann, über den Standort eines neuen Mahnmals diskutieren soll, keine Lösung.«
Die Verwaltung von Tel Aviv-Jaffa erklärt dazu: »Entgegen anderslautenden Behauptungen wurde noch keine Entscheidung zur Räumung des Dizengoff-Platzes getroffen. Sollte eine solche Entscheidung fallen, wird sie mit Feingefühl und unter gebührendem Respekt vor den Gefallenen und ihrem Gedenken umgesetzt.«
Der Journalist Eyal Levi forderte kurz vor Jom Hasikaron in einem Kommentar in der Gratis-Tageszeitung Israel Hayom eine deutlichere Rolle der Stadt. Der improvisierte Charakter des Ortes sei in den ersten Wochen verständlich gewesen, schreibt er, doch inzwischen brauche es eine andere Form. »Es geht nicht nur um die Gefallenen und Ermordeten, sondern auch um uns als Gesellschaft in einem fortlaufenden Prozess der Wiederherstellung.«
Levi beschreibt eindringlich seine Eindrücke eines Morgens, als er am Platz vorbeiging: »Ich sah zerbrochene und vergilbte Bilder der Opfer und vor allem Schmutz und Vernachlässigung. Es ist ein unermesslicher Herzschmerz«, schreibt er. »Der Ort, der eigentlich Würde ausstrahlen sollte, wirkt chaotisch, ungeordnet und schutzlos.«
Der Dizengoff-Platz einer der zentralsten Punkte der Stadt
Tatsächlich ist der Dizengoff-Platz einer der zentralsten Punkte der Stadt, der der täglich von vielen Menschen durchquert wird. Gerade deshalb, so die Kritik, müsse er den einschneidenden Ereignissen gerecht werden, an die hier erinnert werden. Die Debatte um würdiges Erinnern wird nicht nur in Politik und Medien geführt, sondern auch auf der Straße.
Tomer Shefer, der in der Nähe lebt, plädiert dafür, den improvisierten Gedenkort in seiner jetzigen Form abzubauen. »So, wie es jetzt ist, hält es uns in dem Grauen fest«, sagt er. »Man kann nicht nach vorn schauen, wenn man jeden Tag an diesem Chaos vorbeigeht.« Gleichzeitig betont er, dass ein permanentes Denkmal dringend notwendig sei. »Eines, das den Opfern gerecht wird und zugleich einen klaren Rahmen schafft, in dem man in Würde trauern kann.«
Eine junge Frau, die regelmäßig zum Platz kommt, sieht das anders. Für sie ist gerade die Unmittelbarkeit des Ortes entscheidend. »Es ist sicher nicht perfekt, aber es ist echt«, findet sie. »Erinnern gehört für uns Israelis zum Alltag und auch Weiterleben dazu – und genau das passiert hier an diesem schmerzhaften aber wertvollen Ort.«