Familienrecht

Endlich weltlich

»Auch ich habe verdient, zu heiraten«: Demonstration für die Zivilehe vor dem Obersten Gericht in Jerusalem Foto: Flash 90

In Israel wird die Kritik am Monopol des Oberrabbinats in familienrechtlichen Angelegenheiten immer lauter. Die Regierungskoalition nimmt diese offenbar ernst und hat einige Gesetze auf den Weg gebracht, die diese Allmacht beschneiden sollen. Es sind jedoch bisher nur kleine Schritte.

Eigentlich soll es ja der schönste Tag im Leben sein, aber Schilderungen israelischer Ehepaare von ihrer Hochzeit auf Zypern sehen ganz anders aus. Diese hat mehr mit Abfertigung zu tun als mit Feierlichkeit, Tiefe und vor allem Freude: Die Brautpaare sitzen in einem Vorzimmer, füllen Formulare aus und warten, bis sie aufgerufen werden. In einem meist schäbigen Büro stellt dann der »Wedding Officer« die entscheidende Frage, man unterschreibt, ein schneller Kuss, und schon ist man wieder draußen.

»Ich habe geweint«, sagt Michal, eine Wissenschaftlerin aus Rehovot, die vergangenes Jahr ihren Partner Sergey auf Zypern geheiratet hat, »aber nicht vor Glück.« Das lag nicht allein an der unromantischen Zeremonie – ihre Entscheidung, im Ausland zu heiraten, war nicht ganz freiwillig. Denn das Paar gehört zu jenen, die in Israel keine Ehe schließen dürfen, weil ein Partner nach den Gesetzen der Halacha nicht jüdisch ist. Bis heute ist das Land die einzige Demokratie auf der Welt, in der Paare eine Ehe nur religiös eingehen können.

Ausland Juden, deren Herkunft von einer jüdischen Mutter nicht einwandfrei nachweisbar ist, gelten als konfessionslos und können nicht heiraten. Das gilt etwa für die meisten Immigranten aus der ehemaligen Sowjetunion. Aber auch Konvertiten und äthiopischstämmige Juden haben es schwer. Etwa 20 Prozent aller Israelis heiraten deshalb im Ausland.

Aber selbst jüdische Paare müssen oft teure, erniedrigende und auch nach der Halacha unnötige Prozeduren in den Rabbinaten über sich ergehen lassen. Vor allem Frauen beklagen sich über Fragen und Untersuchungen, die weit in die Privatsphäre vordringen. »Es wird viel gelogen, einfach nur, um das Ganze hinter sich zu bringen«, erklärt eine junge Frau aus Tel Aviv. Haaretz berichtete kürzlich von einem jungen, heiratswilligen Mann aus Rishon, der seinem Rabbiner ein Foto vom jüdischen Grab der Urgroßmutter bringen sollte. Ein anderer Fall war im Fernsehen zu sehen. Dort sagte ein Rabbiner, er verlange ein Foto der Großmutter als Nachweis. »Kann man Juden am Gesicht erkennen?«, fragte der TV-Reporter provokant.

Von der Wiege bis zur Bahre bestimmt das Oberrabbinat über die Angelegenheiten der Israelis. Immer mehr jedoch wollen sich das nicht länger gefallen lassen. Dabei haben viele – auch säkulare – Menschen kein Problem damit, die religiösen Gesetze anzuerkennen. Doch es sind vor allem weltfremde Entscheidungen, Willkür und Korruption im Rabbinat, die dieses in Verruf gebracht haben: Selbst gläubige Menschen rücken davon ab. Die Themen Ehe und Scheidung spielen dabei die größte Rolle.

Wettbewerb Neben privaten oder religiös-zionistischen Organisationen wie Tzohar, die für Reformen kämpfen, versucht nun auch die Politik, den Status quo zu ändern. So hat die Regierungskoalition auf Initiative der Parteien Jesch Atid, Hatnua und Habait Hajehudi bereits entsprechende Gesetze verabschiedet: Ende Oktober wurde das gesetzliche Heiratsalter von 17 auf 18 Jahre heraufgesetzt. Des Weiteren hat die Knesset das sogenannte Tzohar-Gesetz abgesegnet, wonach sich Heiratswillige künftig unabhängig vom Wohnort ein Rabbinat aussuchen können. Dies solle den Wettbewerb fördern und die Qualität der Dienstleistungen verbessern, lautet die Absicht.

Vonseiten der Partei Hatnua kam jüngst ein weiteres Reformpaket auf den Tisch. Darin geht es um eine Erleichterung des Übertritts zum Judentum. Kommunale Rabbiner sollen mehr Kompetenzen erhalten, die Prüfungen abnehmen und die endgültige Entscheidung treffen dürfen. Zudem soll es Restaurantbesitzern künftig erlaubt sein, sich ihr Koscher-Zertifikat von einem Rabbiner ihrer Wahl ausstellen zu lassen, selbst wenn sich Betrieb und Rabbinat in verschiedenen Städten befinden. Und neu regeln will Parteichefin Zipi Livni auch das Scheidungsgesetz, was im Grunde mit der Reformierung der Eheschließung einhergehen müsste.

Vertrag Letzteres ist ein Ziel von Jesch Atid, daher hat die Partei einen entsprechenden Gesetzesentwurf zur Einführung der Zivilehe vorgelegt. Demnach soll allen – auch homosexuellen – Paaren unter notarieller Aufsicht eine gesetzlich anerkannte Verbindung ermöglicht werden, mit allen Rechten und Pflichten. Dieser Vertrag ist als Alternative zur religiösen Eheschließung gedacht und sei »kein Angriff« auf die jüdischen Werte Israels, unterstrichen die für den Entwurf verantwortlichen Jesch-Atid-Abgeordneten Ruth Calderon und Alizia Lavie. Man könne beides haben – Religion und weltliche Ehe. Ein solches Gesetz wäre »ein historischer Schritt innerhalb der bürgerlichen Revolution, die wir anführen. Er darf nicht an engstirniger Politik scheitern«, schrieb Parteichef und Finanzminister Jair Lapid dazu auf seiner Facebook-Seite.

Allerdings fragen sich viele, von welcher Revolution Lapid eigentlich spricht. Zum einen sind die bisherigen Änderungen nur kleine Schritte. Zum anderen ist es unwahrscheinlich, dass der Entwurf jemals das Parlament passieren wird: Der Koalitionspartner Habait Hajehudi mit dem Vorsitzenden Naftali Bennett hat bereits sein Veto angekündigt.

Der Vorschlag Lapids bedeute nichts anderes als eine Art »Ersatzheirat« und sei keine gleichberechtigte Alternative, kritisierte dagegen Oppositionsführern Zehava Gal-On. Wahre Freiheit, so die Meretz-Politikerin, sei nur durch die Trennung von Religion und Staat möglich.

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