Israel

»Ein unfassbares Unglück«

Israels Premier bei seinem Besuch am Berg Meron am Freitagmorgen Foto: Flash 90

Premierminister Benjamin Netanjahu hat sein Entsetzen auf dem Berg Meron ausgedrückt. »Es ist ein schreckliches Desaster. Wir beten jetzt für die Genesung der Verletzten.« Netanjahu war am Morgen nach der Tragödie des Lag-BaOmer-Festes an die Unglücksstelle gereist, wo in der Nacht zu Freitag mindestens 44 Menschen bei einer Massenpanik ums Leben gekommen waren. Mehr als 150 sind verletzt, viele von ihnen lebensgefährlich.

UNTERSTÜTZUNG Der Ministerpräsident lobte die Rettungskräfte, die »mit diesem unfassbaren Unglück umgehen«, und bot die Unterstützung der Regierung an. Der kommende Sonntag werde zu einem »nationalen Trauertag« erklärt. Auch Präsident Reuven Rivlin zeigte sich zutiefst schockiert. Er twitterte, dass er die Entwicklungen mit großer Erschütterung verfolge.

Die Stadtverwaltung in Jerusalem setzte die Fahnen am Freitagmorgen auf Halbmast. »Dies ist eine nationale Tragödie«, so Bürgermeister Mosche Leon. Tel Aviv wird das Gebäude seiner Verwaltung im Gedenken an die Opfer mit der israelischen Flagge erleuchten.

Das Unglück geschah den Angaben der Polizei zufolge etwa um ein Uhr nachts, als mehrere Menschen auf einer rutschigen Rampe ausgerutscht und gefallen sein sollen. Anschließend sei es zu einer Massenpanik gekommen, viele seien dabei zu Tode gequetscht worden.

Immer wieder haben Kritiker gefordert, diese extrem gefährliche Massenveranstaltung zu verbieten.

Zehntausende, größtenteils ultraorthodoxe Juden, hatten sich auf dem Berg Meron versammelt, um den Lag-BaOmer-Feiertag zu zelebrieren. Jedes Jahr pilgern die Menschen in den Norden Israels, um am Grab des Rabbi Schimon Bar Jochai – auch Rashbi genannt – zu beten. Die Legende geht, dass der jüdische Weise des zweiten Jahrhunderts an Lag BaOmer gestorben sei.

LAGERFEUER Es ist das größte religiöse Fest des Jahres. Eine Tradition von religiösen Juden ist es, ihre dreijährigen Söhne auf den Berg zu bringen, um ihnen hier zum ersten Mal die Haare zu schneiden. Die Familien beten, singen, tanzen und veranstalten Picknicks rund um die Lagerfeuer.

Sicherheitsbedenken gibt es seit Jahren. Teilweise hat es mehr als Hunderttausende auf den Berg Meron gezogen, meist ohne angemessene Sicherheitsvorkehrungen. Die Menschen entzünden die für Lag BaOmer traditionellen Lagerfeuer, oft mehrere Tausend, die ein immenses Risiko darstellen. Immer wieder haben Kritiker gefordert, diese extrem gefährliche Massenveranstaltung zu unterbinden.

Im vergangenen Jahr waren die Festivitäten wegen der Corona-Pandemie abgesagt worden. Jetzt jedoch hatten die Sicherheitskräfte die Veranstaltung genehmigt, obwohl viele Gesundheitsexperten wegen des noch immer im Land vorhandenen Coronavirus davor gewarnt hatten. Es war die größte im Land seit Ausbruch der Pandemie. Die Polizei hatte während der Veranstaltung erklärt, dass es aufgrund »der Menschenmassen nicht möglich ist, Corona-Beschränkungen durchzusetzen«.

gebete Doch jetzt sei »die Zeit zu beten, nicht um Schuld zuzuschieben«, sagte der sefardische Oberrabbiner Yitzhak Yosef am Morgen nach dem Desaster. »Ich rufe die Bevölkerung auf, für die Genesung der Verletzten zu beten und die Familien, die Angehörige verloren haben, zu unterstützen.«

Verteidigungsminister Benny Gantz teilt den Schmerz der Familienangehörigen. »Dies ist eine schwere Zeit. Es gibt keine Worte, die genug Trost spenden, keine, die die Größe des Schmerzes beschreiben«, schrieb er auf Twitter. Die Vorsitzende der Arbeitspartei, Merav Michaeli, drückte ihr Entsetzen über das Ausmaß der Tragödie aus: »Mein Herz will es nicht glauben. Was für eine grausame Nacht. Ich schicke den Familien mein tiefstes Mitgefühl.«

»Ich werde die Dinge auf den Tisch legen. Ich übernehme die volle Verantwortung – was auch immer geschieht.«

Schimon Lavie, Chef nördlicher Polizeidistrikt

Auch Naftali Bennett von der Rechtspartei Jamina brachte sein Mitgefühl zum Ausdruck: »Unsere Herzen schmerzen gemeinsam mit den Dutzenden von Toten und ihren Familien«. Es sei eine der schlimmsten Katastrophen, die jemals in Israel geschehen seien.

BEILEID Auch der Vorsitzende der Vereinigten Arabischen Liste, Ayman Odeh, sandte sein Beileid an die Hinterbliebenen: »Mein Herz ist bei den Familien, die Liebste verloren haben. Beste Genesungswünsche für die Verletzten.« Odeh fordert eine Untersuchung. »Die Regierung muss Nachforschungen anstellen, wie es zu diesem Desaster kommen konnte – von der Genehmigung für eine Versammlung ohne die angemessene Infrastruktur bis zur Durchführung.«  

Der Vorsitzende des nördlichen Distrikts der Polizei, Schimon Lavie, hat derweil die Verantwortung für das Unglück übernommen. »Ich werde die Dinge auf den Tisch legen. Ich übernehme die volle Verantwortung – was auch immer geschieht.« Man habe sich auf alle Szenarien vorbereitet und die Sicherheit der Öffentlichkeit ohne Kompromisse zur Priorität gemacht. Die Tageszeitung »Haaretz« berichtete, aus Polizeiquellen sei verlautet: »Niemand kann etwas tun, wenn Menschen auf Treppen ausrutschen.«

Amir Ohana, Minister für Öffentliche Sicherheit, dem auch die Polizei untersteht, erklärte, dass er eine unabhängige Untersuchung einleiten werde. »Es ist klar, dass Nachforschungen nötig sind. Von der Planung bis zum eigentlichen Geschehen.« Gesundheitsminister Yuli Edelstein bestätigte während eines Besuchs der Verletzten in den nördlichen Krankenhäusern: »Wir werden genauestens untersuchen, was hier geschehen ist.«

KINDER Das Armeeradio berichtete, dass »unter den Toten und Verletzen auch Kinder sind«. Viele Familien der Opfer seien noch nicht informiert, weil noch nicht alle identifiziert seien. Zwei Kinder, die sich in kritischem Zustand befinden, werden derzeit im Krankenhaus von Safed behandelt, das sich in der Nähe des Bergs Meron befindet. Auch ihre Identität sei noch nicht geklärt.

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Viele Mitglieder verschiedener ultraorthodoxer Gruppierungen sprechen ausschließlich Jiddisch. Die Regierung schickte mehrere Sozialarbeiter, die der Sprache mächtig sind, an den Unglücksort. Außerdem richtete das Gesundheitsministerium in Zusammenarbeit mit dem Geha Zentrum für mentale Gesundheit in Petach Tikwa eine Hotline ein für jene, die psychologische Hilfe benötigen.

Währenddessen ruft der Rettungsdienst Magen David Adom zum Blutspenden auf: »Wir haben nicht ausreichend Blut!« Im ganzen Land werden jetzt Stationen eröffnet, in denen Menschen spenden können. Das Motto: »Kommen Sie und helfen Sie uns, bei diesem schrecklichen Desaster zu helfen«.

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