Reportage

Ein Land im Ausnahmezustand

Der Schabbat beginnt mit Sonnenuntergang – der absolute Terror begann mit Sonnenaufgang. Ein jüdischer Ruhetag, gewöhnlich Zeit fürs Abschalten und Beisammensein mit der Familie. Der 7. Oktober aber, auch ein Schabbat, wird nach den grausamen Massakern von Hamas-Terroristen für immer als dunkelster Tag der Geschichte Israels ins Bewusstsein des ganzen Volkes eingebrannt sein.

Am Ende einer Woche, die davon geprägt war, die mehr als 1400 Toten zu bergen, zu identifizieren und zu begraben, sprach Ministerpräsident Benjamin Netan­jahu in der Knesset vom »furchtbarsten Tag für das jüdische Volk seit dem Holocaust«. Es sei schwer, jemanden zu finden, der von der »Barbarei der Hamas« unberührt bleibt.

Treffen zwischen Netanjahu und US-Verteidigungsminister Lloyd

Bei einem Treffen mit Netanjahu sagte US-Verteidigungsminister Lloyd Austin, der aus den Vereinigten Staaten angereist war: »Das, was ich nach dem verheerenden Angriff der Hamas auf israelische Grenzgemeinden sah, ist schlimmer als alles, was ich erlebte, als ich die Kampagne gegen den Islamischen Staat leitete.«

Weil noch immer Raketen fliegen, ist bei Begräbnissen die Zahl der Trauergäste oft begrenzt.

Die getöteten Soldatinnen, Soldaten und Zivilisten, die identifiziert wurden, werden so schnell wie möglich beerdigt, so wollen es die Vorschriften der jüdischen Religion. Weil noch immer Raketen aus dem Gazastreifen Richtung Israel fliegen, ist die Zahl der Trauergäste auf den Friedhöfen begrenzt. Und so stehen manchmal Tausende an den Straßenrändern, viele haben sich in blau-weiße Flaggen der Nation gehüllt.

Unter Schock stehende trauernde Familien und Freunde halten tränenüberströmt Grabreden und liegen einander in den Armen, während die Geschichten ihrer Tapferkeit ein wenig Trost geben sollen. »Sie haben Entführungen, Morde und wer weiß, was sonst noch, mit ihren Körpern verhindert«, sagt ein enger Freund, als er Abschied von Amichai Wiezen nimmt. Der Leiter des zivilen Sicherheitsdienstes der kleinen Gemeinde Kerem Schalom hatte die Bewohner verteidigt und den ultimativen Preis gezahlt. »Mein lieber Bruder, allein dein Name verpflichtet uns, die Nation wiederzubeleben.« Das hebräische »Amichai« bedeutet: »Mein Volk lebt.«

Regierungskoalition ist bei Beerdigungen abwesend

Während oft Hunderte Menschen zu den Beerdigungen strömen, wird die Regierungskoalition in Jerusalem zunehmend dafür kritisiert, dass sie größtenteils abwesend ist. Bei Militärbestattungen sind Besuche normalerweise Pflicht. Nach Angaben des öffentlich-rechtlichen Senders Kan erklärte die Regierung, diese Anforderung sei in Kriegszeiten ausgesetzt.

Diese Antwort beruhigt die Kritiker nicht. Bei der Beerdigung von Yaron Shai, dem Sohn des ehemaligen Wirtschaftsministers Izhar Shai, nannte der Bruder des Gefallenen die Koalition eine »Regierung der Schande«. »Mein kleiner Bruder wurde von mörderischen, hasserfüllten Terroristen getötet. Und diejenige, die ihnen mit ihren entwürdigenden Taten die Tür geöffnet hat, war die Regierung Israels.«

Für die Ermordeten, die keine oder nur wenige Familienangehörige in Israel haben, gibt es oft Aufrufe in den sozialen Netzwerken, zu den Beerdigungen zu kommen und Anteilnahme zu zeigen. Die Mutter und Schwester der 24-jährigen Bruna Valeanu, Neueinwanderinnen aus Brasilien, hatten Anfang der Woche auf Instagram gepostet, dass sie noch acht Menschen für das traditionelle Gebet auf dem Friedhof suchen. Die Studentin war auf dem Nova-Musikfestival in der Nähe des Kibbuz Be’eri von den Hamas-Terroristen ermordet worden. Am Ende gaben nicht zehn Menschen Bruna das letzte Geleit – sondern mehr als 10.000.

Roey Nahari, Offizier bei den Fallschirmjägern, wurde noch lebend ins Krankenhaus gebracht, nachdem er bei den Kämpfen im Kibbuz Kfar Aza schwer verwundet worden war. Der 23-Jährige wurde von dem Arzt Amit Frenkel behandelt. »Nach vielen schlaflosen Nächten und der Betreuung Dutzender verwundeter Patienten bemerkte ich die außergewöhnliche Familie, die sein Bett umgab. Warme, ruhige, angenehme Menschen«, erzählt der Arzt später.

Frenkel musste ihnen »die absolut herzzerreißende Nachricht« überbringen, dass Roey es nicht geschafft hat. »In einem kurzen Gespräch habe ich die Welt der Familie zerstört.« Dann habe der Zwillingsbruder im Namen der Familie den Wunsch geäußert, die Organe des Toten zu spenden. »Wir umarmten uns und vergossen Tränen, ohne ein einziges Wort. Es war mir eine Ehre, für Roey zu sorgen.« Die Organe des jungen Israelis haben fünf Menschen das Leben gerettet.

Auch zehn Tage nach den Massakern müssen Angehörige mit Ungewissheit leben

Auch zehn Tage nach den Massakern müssen viele Angehörige noch immer mit der furchtbaren Ungewissheit leben. Ihre Liebsten sind vermisst, sie können nicht Abschied nehmen, die Schiwa darf nicht beginnen. Rund um die Uhr arbeiten Spezialisten daran, die sterblichen Überreste der Menschen zu identifizieren, die oft bis zur Unkenntlichkeit verbrannt oder verwest sind.

Der Arzt Chen Kugel steht dabei vor den tragischsten Rätseln seines Berufslebens. Der Leiter des nationalen Instituts für forensische Medizin hat auf einer Pressekonferenz Knochenteile vor sich liegen. Sie gehören zu den mehr als 350 Leichen von wahrscheinlich zivilen Opfern, die noch immer nicht identifiziert sind. »Wir haben in den vergangenen Tagen pausenlos gearbeitet. Jetzt wird die Rate der Identifizierungen sinken, wenn wir die schwierigen Fälle erreichen«, erklärt er. »Ich fürchte, es wird einige Opfer geben, die wir niemals benennen können.« Die Stimme des Experten stockt. »Die Menschen müssen darauf vorbereitet sein.«

Während der tiefe Schock noch immer das Gemüt des Landes bestimmt, packen viele an und helfen Überlebenden wie Geflüchteten. Zwischen zehn und 15 Prozent der Angestellten im Technologiesektor sind in die Armee eingezogen. Etwa 60.000 der 400.000 Menschen, die in israelischen Hightech-Firmen und Entwicklungszentren internationaler Unternehmen beschäftigt sind, leisten somit aktiven Dienst. Es wird geschätzt, dass der Anteil der Mitarbeiter in Unternehmen der Cybersicherheit, die sich jetzt im Reservedienst befinden, sogar noch höher ist.

Dazu gehört auch Kfir R. Seinen vollen Namen darf er nicht nennen, seine Tätigkeit ist streng geheim. Normalerweise arbeitet er für eine Start-up-Firma in Tel Aviv. Nur zwei Tage nach den Attacken wurde er einberufen. »Es geht mir ganz gut«, sagt er am Telefon mit einer Stimme, die die Erschöpfung nicht verbergen kann. Er komme für vier, fünf Stunden in der Nacht nach Hause. »Schnell etwas essen, schlafen. Mehr ist im Moment im Leben nicht drin.«

»Es wird einige Opfer geben, die wir niemals benennen können.«

Chen Kugel, Gerichtsmediziner

Auch das Ernten von Obst und Gemüse von den Bauernhöfen im Süden der Region, die als Israels Kornkammer bezeichnet wird, sei durch den Krieg gefährdet, gibt das Landwirtschaftsministerium an. Derzeit werden in den an den Gazastreifen angrenzenden Gebieten gemäß den Anweisungen des Heimatfrontkommandos »keine landwirtschaftlichen Tätigkeiten« ausgeführt.

»Sicherer Logistikkorridor« für den Transport von Produkten

Zu den betroffenen Gebieten gehören unter anderem 4000 Hektar Tomatengewächshäuser, die 70 Prozent der Versorgung des Landes ausmachen, 15.000 Hektar Kartoffeln, 5500 Hektar Karotten, die gerade angepflanzt wurden, und vieles andere. Das Ministerium arbeitet mit der Armee an einem »sicheren Logistikkorridor«, um den Transport von Produkten und Vieh aus dem Süden in die Geschäfte zu gewährleisten.

Eltern von kleinen Kindern stehen besonders unter Stress. In großen Teilen des Landes schrillen noch immer häufig Sirenen, um vor den Raketen aus dem Gazastreifen zu warnen. Oft müssen sich die Israelis dort mehrfach am Tag in die Schutzräume begeben, viele schlafen in der Nacht darin. Weder Schulen noch Kindergärten sind in diesen Gegenden geöffnet. Unterricht gibt es per Zoom, doch oft nur unregelmäßig.

Die Studentin Roni Cohen möchte gern Lehrerin werden. Heute schleppt sie eine Kiste nach der anderen, sortiert, packt, beschriftet. Jeden Tag stundenlang. »Es beschäftigt mich und hält mich davon ab, ständig daran zu denken.«

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