Michail Gorbatschow

»Drei Millionen Juden verdanken ihm die Freiheit«

Michail Gorbatschow (1931-2022) Foto: IMAGO/Sven Simon

Trauer um Michail Gorbatschow: Israel und jüdische Organisationen in der Diaspora würdigen den am Dienstag im Alter von 91 Jahren verstorbenen früheren sowjetischen Staatschef.

Ende der 80er-Jahre hatte es Gorbatschow nach langen Verhandlungen mit dem Westen den damals zwei bis drei Millionen in der Sowjetunion lebenden Juden erlaubt, das Land zu verlassen, was eine große Mehrheit auch tat – sehr zum Bedauern des Staatschefs.

REFORMPOLITIK Auch den weit verbreiteten Antisemitismus in der UdSSR hatte Gorbatschow 1991 als erster Sowjetführer offen angesprochen: »Die Stalin-Bürokratie, die sich öffentlich vom Antisemitismus distanzierte, benutzte ihn in Wirklichkeit als Mittel, um das Land von der Außenwelt zu isolieren und ihre diktatorische Position mit Hilfe des Chauvinismus zu stärken.«

Externer Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel anreichert. Wir benötigen Ihre Zustimmung, bevor Sie Inhalte von Sozialen Netzwerken ansehen und mit diesen interagieren können.

Mit dem Betätigen der Schaltfläche erklären Sie sich damit einverstanden, dass Ihnen Inhalte aus Sozialen Netzwerken angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittanbieter übermittelt werden. Dazu ist ggf. die Speicherung von Cookies auf Ihrem Gerät nötig. Mehr Informationen finden Sie hier.

Gorbatschow, der von 1985 bis 1991 an der Spitze der Kommunistischen Partei (KPdSU) stand und später auch Präsident des Landes war, führte zunächst seine vorsichtige Reformpolitik der »Glasnost« (Offenheit) ein. Damit wurde es Juden erstmals gestattet, ihre Religion offen zu praktizieren, Jiddisch und Hebräisch zu sprechen, jüdische Publikationen zu drucken und zu verbreiten sowie jüdische Texte zu studieren. Später wurde dann auch die Ausreise nach Israel und in andere Länder des Westens möglich.

FREIHEIT Zwischen 1989 und 1999 wanderten mehr als 750.000 sowjetische Juden nach Israel aus. Nach Deutschland kamen in den 90er-Jahren rund 200.000 sogenannte jüdische Kontingentflüchtlinge. Der langjährige Oberrabbiner von Moskau und Präsident der Konferenz europäischer Rabbiner, Pinchas Goldschmidt, schrieb am Mittwoch auf Twitter: »Drei Millionen sowjetische Juden verdanken (Gorbatschow) ihre Freiheit.«

In einem weiteren Tweet gab Goldschmidt eine Anekdote zum Besten: »Das letzte Mal, dass ich Michail Gorbatschow besuchte, war 1996, vor den Präsidentschaftswahlen in Russland. Er fragte mich: ›Soll ich kandidieren?‹ Ich antwortete: ›Ja, in Israel sind Sie sehr beliebt!‹ Als er die Geschichte einige Wochen später dem damaligen israelischen Ministerpräsidenten Schimon Peres erzählt habe, der ebenfalls vor einer Wahl stand, habe dieser erwidert: ›Wir haben doch schon genug Kandidaten in Israel‹.«

Externer Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel anreichert. Wir benötigen Ihre Zustimmung, bevor Sie Inhalte von Sozialen Netzwerken ansehen und mit diesen interagieren können.

Mit dem Betätigen der Schaltfläche erklären Sie sich damit einverstanden, dass Ihnen Inhalte aus Sozialen Netzwerken angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittanbieter übermittelt werden. Dazu ist ggf. die Speicherung von Cookies auf Ihrem Gerät nötig. Mehr Informationen finden Sie hier.

War Gorbatschow nach seinem (erzwungenen) Abtritt 1991 im Westen und auch in Israel sehr populär, war dies in Russland ganz anders. Viele Menschen dort verübelten ihm, dass er die Auflösung der UdSSR und das anschließende Chaos im Innern Russlands nicht verhindern konnte. In Deutschland, aber auch in den USA blieb dagegen die Erinnerung an einen Politiker, der nicht nur die Wiedervereinigung ermöglicht hatte, sondern auch die Auflösung des Warschauer Paktes und der sowjetischen Dominanz in Mittel- und Osteuropa. 1990 wurde Gorbatschow für seine Rolle beim Fall der Berliner Mauer und des Eisernen Vorhangs der Friedensnobelpreis verliehen.

Israels Staatspräsident Isaac Herzog bezeichnete den Verstorbenen daher auch als »eine der außergewöhnlichsten Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts«, der »mutig und visionär« gehandelt habe und die Welt in einer Art und Weise verändert habe, wie es bis dahin »unvorstellbar« gewesen sei.

KALTER KRIEG Der Geschäftsführer des amerikanisch-jüdischen Dachverbands Conference of Presidents of Major American Jewish Organizations, William Daroff, schrieb auf Twitter, Gorbatschows »Bemühungen um die Öffnung der sowjetischen Gesellschaft trugen dazu bei, den Kalten Krieg und die Verfolgung von Millionen sowjetischer Juden durch die Regierung zu beenden«.

Externer Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel anreichert. Wir benötigen Ihre Zustimmung, bevor Sie Inhalte von Sozialen Netzwerken ansehen und mit diesen interagieren können.

Mit dem Betätigen der Schaltfläche erklären Sie sich damit einverstanden, dass Ihnen Inhalte aus Sozialen Netzwerken angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittanbieter übermittelt werden. Dazu ist ggf. die Speicherung von Cookies auf Ihrem Gerät nötig. Mehr Informationen finden Sie hier.

Der Jüdische Weltkongress äußerte sich ebenfalls zum Tod von Gorbatschow. Präsident Ronald S. Lauder nannte den Verstorbenen »einen großen Staatsmann, einen Verfechter von Freiheit und Menschenrechten und einen wahren Freund des jüdischen Volkes, der durch sein Handeln unzähligen sowjetischen Juden die Rückkehr zu ihrem Erbe ermöglichte«.

Lesen Sie mehr dazu in der kommenden Printausgabe der Jüdischen Allgemeinen.

In eigener Sache

Jüdische Allgemeine depubliziert Texte von Stephan-Andreas Casdorff

Die Prüfung mit spezialisierter Software legt Nahe, dass zwei Kommentare des »Tagesspiegel«-Editor-at-Large in dieser Zeitung von einer KI geschrieben wurden

 15.06.2026

Nahost

Hisbollah: Waffenruhe gilt auch für Libanon

Die geplante 60-tägige Waffenruhe zwischen den USA und Iran gelte auch für den Libanon, behauptet die Terror-Miliz. Doch eine Bestätigung gibt es dafür nicht

 15.06.2026

Uganda

Entebbe-Entführung 1976: Debatten um Linksterror und Antisemitismus

Vor 50 Jahren entführten zwei Deutsche und zwei Palästinenser einen Airbus aus Israel nach Uganda. Dabei sollen sie Geiseln nach antisemitischen Kriterien voneinander getrennt haben. Die Tat befeuerte das Unbehagen vieler Linker mit Gewalt

von Nils Sandrisser  15.06.2026

Reisen

2,4 Millionen Israel-Flugtickets könnten storniert werden

Noch immer nehmen US-Maschinen den größten Teil des Ben-Gurion-Flughafens in Beschlag. Verkehrsministerin Regev warnt vor Schäden in Milliardenhöhe

von Sabine Brandes  15.06.2026

Rehovot

Israelis entwickeln neue Methode zur Suche nach außerirdischem Leben

Wissenschaftler des Weizmann-Instituts haben ein statistisches Analysewerkzeug entwickelt, das anhand von Molekülmustern erkennt, ob bestimmte Stoffe biologischen Ursprungs sind

 15.06.2026

Tel Aviv

Naftali Bennett: »Netanjahu kann es einfach nicht mehr«

»Er kann keine Kriege gewinnen. Er kann die Kriminalität nicht bekämpfen. Er kann die Preise nicht senken. Er kann die Ultraorthodoxen nicht in die israelische Gesellschaft integrieren«, sagt der Kandidat der Partei »Zusammen«

 15.06.2026

Kommentar

Die Welt atmet auf, viele Juden tun es nicht

Weder Hamas noch Hisbollah sind verschwunden. Das iranische Regime sitzt weiterhin in Teheran, mit derselben Ideologie, die den 7. Oktober verursacht hat

von Guy Katz  15.06.2026

Washington D.C.

Trump über Netanjahu: Er hat kein Urteilsvermögen

Der amerikanische Präsident beschwert sich über Israels jüngste Attacken auf Hisbollah-Ziele in der libanesischen Hauptstadt: »Warum musste Bibi einen verdammten Angriff durchführen?«

 15.06.2026

Palästinensische Gebiete

Abbas kündigt Präsidentschaftswahlen für 2027 an

Es wären die ersten seit 20 Jahren

 14.06.2026