Interview

»Die Hamas ist jetzt auf sich allein gestellt«

Ayre Sharuz Shalicar Foto: Detlef David Kauschke

Interview

»Die Hamas ist jetzt auf sich allein gestellt«

IDF-Sprecher Arye Sharuz Shalicar über den Waffenstillstand im Libanon und die Konsequenzen für den Krieg in Gaza

von Michael Thaidigsmann  28.11.2024 13:21 Uhr

Herr Shalicar, im Libanon wurde jetzt ein Waffenstillstand ausgehandelt. Warum klappt das nicht für Gaza?
Es gibt zwei wesentliche Unterschiede zwischen dem Libanon und Gaza: Der erste sind die 101 Geiseln, die immer noch von der Hamas festgehalten werden. Im Libanon gab es keine Geiseln. Der zweite Grund ist, dass am 7. Oktober knapp 6000 Palästinenser - Terroristen und Zivilisten - über die Grenze marschiert sind und hier ein Massaker angerichtet haben. Diese Hamas können wir dort nicht an der Macht lassen. Gaza ist eine andere Realität als der Libanon. Prinzipiell ist Israel schon seit langem bereit, dass man auch den Krieg dort zu einem Ende kommen lässt. Aber für uns nur unter zwei Bedingungen: Die Geiseln müssen allesamt freikommen. Und die Hamas muss besiegt werden.

Ist sie noch nicht besiegt?
Sie ist schwer getroffen. Aber nach wie vor sind wir im Einsatz gegen Terrorzellen der Hamas, welche teilweise unabhängig voneinander operieren. Es gibt immer noch genug Waffen und Munition, um hier und da mal wieder anzugreifen. Und es gibt keinen Ort im Gazastreifen, an den die Hamas nicht gelangen könnte. Wir sind dort weiterhin in einer Art Antiterroreinsatz. Das wird so lange so weitergehen, bis sich in der Geiselfrage etwas bewegt. Und das liegt in der Hand der Hamas.

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Kann es einen Waffenstillstand geben, solange die Hamas nicht restlos zerschlagen ist?
Wir werden nicht jeden Hamas-Terroristen und auch nicht jede Hamas-Rakete finden und eliminieren können. Darum geht es auch gar nicht. Es geht darum, dass man sowohl den bewaffneten als auch den zivilen Flügel der Hamas in die Knie zwingt. Erst wenn die Geiseln freigelassen sind und die Hamas im Gazastreifen keine Kontrolle mehr ausübt, werden wir dort eine andere Realität erleben. Bislang ist es so, dass die zivile Administration weiter von Hamas-Leuten ausgeübt wird.

»Ein Großteil der Libanesen ist nicht einverstanden mit der Hisbollah.«

Welchen Zusammenhang gibt es zwischen dem Waffenstillstand im Norden und der Lage in Gaza? Steigt jetzt der Druck auf die Hamas, ebenfalls einem Deal zuzustimmen?
Deren Führung hat natürlich mitbekommen, wie sich die Dinge im Libanon und auch Iran derzeit entwickeln. Und dass die Hamas jetzt im Wesentlichen auf sich allein gestellt ist. Das war in den letzten 14 Monaten ganz anders. Da musste sich Israel gegen den Beschuss aus sieben Staaten und Gebieten wehren, was wiederum die Hamas ermunterte weiterzumachen. Jetzt stehen sie alleine da. Das könnte ein Game Changer werden.

Kann Israel es tolerieren, dass die Hisbollah weiter mit an der Macht ist im Libanon?
Der Libanon ist ein bunter Staat, mit verschiedenen religiösen und ethnischen Gruppen. Dort gibt es zum Beispiel auch viele Christen, Sunniten und Drusen. Die Schiiten machen rund ein Drittel der Bevölkerung aus. Das heißt, ein Großteil der Libanesen ist nicht einverstanden mit der Hisbollah. Die Menschen fühlen sie sich in einen Krieg hineingezogen, den sie nicht gewollt haben. Andererseits müssen wir auch ganz klar feststellen: Die Hisbollah ist nicht nur die stärkste Terrorarmee im Libanon, sondern ist dort auch Teil der politischen Landschaft. Das macht die Gemengelage schwieriger. Es war nie unser Kriegsziel, die Hisbollah komplett aus dem Libanon zu verdrängen.

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Was war Israels Ziel?
Eine Realität zu ermöglichen, in der die 60.000 bis 70.000 Israelis, die nach dem 8. Oktober 2023, als die Hisbollah das Feuer eröffnete, aus dem Norden Israels vertrieben wurden, zurück in ihre Häuser gehen können. Und das, ohne erneut den Beschuss der Hisbollah fürchten zu müssen und ohne von irgendwelchen Terrorkommandos der Hisbollah bedroht zu werden. Der Plan von Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah bestand ja darin, Terroranschläge durchzuführen und Israel durch Tunnel und oberirdisch zu attackieren. Diesen Plan konnten wir vereiteln, und genau das war das Ziel.

Welche Garantie hat Israel, dass die Hisbollah sich nicht, wie nach dem Libanon-Krieg 2006, erneut im Süden des Landes einnistet und ihr Waffenarsenal dort erneuert?
Natürlich sind viele Israelis nach den schlechten Erfahrungen der Vergangenheit pessimistisch. Wir sind jetzt wieder da, wo wir 2006 waren, als es die UN-Resolution 1701 gab und das UNIFIL-Mandat verstärkt wurde. Damals gab es Hoffnung, dadurch die Lage unter Kontrolle zu behalten. Aber das ist dann nicht passiert.

Was ist dieses Mal anders?
Der »Game Changer« sind die Amerikaner. Sie werden der Garant sein, dass der Waffenstillstand eingehalten wird. Das Centcom, das zentrale Kommando des US-Militärs, wird die Einhaltung überwachen, zusätzlich zum Engagement der Franzosen. Ich habe auch gehört, dass andere, möglicherweise auch Deutschland, helfen wollen. Die reguläre libanesische Armee muss jetzt »Hisbollah-Land«, wie der Süden auch Libanons genannt wird, unter ihre Kontrolle bekommen, gemeinsam mit den internationalen Kräften.

»Die Amerikaner sind der Garant, dass der Waffenstillstand eingehalten wird.«

Werden die Amerikaner die Sache besser hinbekommen als die UNIFIL-Schutztruppe, die ja auch aus internationalen Friedenswächtern besteht?
Die USA verfügen jedenfalls über große Erfahrungen mit asymmetrischer Kriegsführung und mit Guerillas. Und sie haben als schlagkräftiges Militär ganz andere Fähigkeiten als zum Beispiel die UNIFIL. Die Amerikaner waren diejenigen, die diese Waffenruhe eingeleitet haben, und sie werden sich ihrer Einhaltung verpflichtet fühlen. Die USA sind Israels engster Partner in der Region, und wir vertrauen auf sie.

Die libanesische Armee hat sich bislang als unfähig erwiesen, die Hisbollah in Schach zu halten. Hinzu kommt: Die Armee wird von einer Regierung in Beirut kontrolliert, an der die Hisbollah beteiligt ist. Kann das gutgehen?
Wir werden sehen. Aber wenn jemand garantieren kann, dass es gut geht, dann sind das die Amerikaner. Ohne sie gäbe es keine Waffenruhe. Die Amerikaner sind auch der Garant, dass tatsächlich für Ordnung gesorgt wird und auch, dass Israel einen gewissen Handlungsfreiraum hat.

Was meinen Sie mit Handlungsspielraum?
Falls wir irgendetwas bemerken sollten in Bezug auf Tunnelbau, Raketenschmuggel oder andere terroristischen Aktivitäten, wird Israel die notwendigen Schritte ergreifen. Und das, obwohl wir in der Waffenruhe sind.

Werden die Amerikaner dann vorab informiert oder eingebunden?
Da gibt es keine großen Details zu besprechen. Das wird zwischen den entsprechenden Stellen in geschlossenen Räumen gehandhabt. Wir arbeiten sehr eng und vertrauensvoll zusammen. Es passieren in der Regel keine Dinge, bei denen man sich uneinig ist.

Gibt es nach der Waffenruhe im Libanon Grund zu Optimismus?
Ich hoffe, dass es der Anfang einer neuen Realität ist. Wir wollten diesen Krieg nicht, er wurde Israel aufgezwungen. Wir haben darunter gelitten. Nur ein Beispiel: Im Norden wurden rund knapp 10.000 Häuser und Wohnungen durch den Beschuss der Hisbollah beschädigt. Der Schaden wird auf rund zwei Milliarden Schekel geschätzt. Auch im Gazastreifen gibt es natürlich riesige Schäden. Aber das liegt an der Hamas. Deswegen ist es ja so wichtig, dass sie besiegt wird.

Mit dem Sprecher der Israel Defense Forces (IDF) sprach Michael Thaidigsmann.

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