Covid

Die Ersten sind geimpft

»Bitte mal den Arm frei machen«: Mitarbeiterin des Ziv Medical Center in Safed Foto: Flash 90

Covid

Die Ersten sind geimpft

Ab jetzt können sich die Israelis immunisieren lassen – zunächst die über 60-Jährigen und Angehörige von Risikogruppen. Alle anderen müssen noch warten

von Mareike Enghusen  24.12.2020 11:07 Uhr

Der lang ersehnte Impfstoff gegen das Covid-19-Virus ist in Israel eingetroffen. Doch neben Freude und Erleichterung löst das Mittel im jüdischen Staat auch Misstrauen und Widerstand aus. Wie etwa bei zwei älteren Herren, die kürzlich vor einer kleinen Bäckerei in einem Tel Aviver Vorort bei Kaffee im Pappbecher miteinander plauderten. »Wann lässt Bibi sich impfen?«, fragte einer von ihnen. »Ich lasse mir diese Impfung jedenfalls nicht geben, solange Netanjahu sie nicht auch bekommt.«

Seit Samstag dürfte der Skeptiker beruhigt sein: Am Abend ließ Benjamin Netanjahu sich im Sheba-Krankenhaus in Ramat Gan vor laufender Kamera von seinem persönlichen Arzt eine Spritze mit dem neuartigen Wirkstoff in den rechten Oberarm setzen. Den Stich ertrug er mit stoischem Gesichtsausdruck. »Eine kleine Injektion für einen Mann, ein großer Schritt für die Gesundheit von uns allen«, sagte er beim anschließenden Herunterkrempeln seines Hemdsärmels – eine Anspielung auf das berühmte Zitat des US-Astronauten Neil Armstrong bei dessen ersten Schritten auf dem Mond.

IMPFPARTY Netanjahu ist der erste Israeli, der sich gegen das Virus impfen ließ, gefolgt von Gesundheitsminister Yuli Edelstein. Am Sonntag trat eine Reihe weiterer Politiker und bekannter Persönlichkeiten zum Pieksen an, darunter Staatspräsident Reuven Rivlin, Finanzminister Israel Katz, der frühere Oberrabbiner Yisrael Meir Lau sowie der frühere staatliche Corona-Beauftragte Ronni Gamzu. Medizinische Einrichtungen begannen am selben Tag zudem mit der Immunisierung ihres eigenen Personals.

»Eine kleine Spritze für einen Mann, ein großer Schritt für die Gesundheit aller«, sagte Netanjahu.

Das Ichilov-Krankenhaus in Tel Aviv, in dem sich am Sonntag die meisten Prominenten stechen ließen, veranstaltete zum Auftakt der Kampagne eine regelrechte Party: Während die ersten Kandidaten die Ärmel hochkrempelten, gab der israelische Popstar Ivri Lider ein Konzert in der Lobby des Krankenhauses, umringt von hüpfenden und tanzenden Ärzten und Pflegern. Die fröhliche Veranstaltung hatte einen ernsten Zweck: Sie sollte die breite Bevölkerung vom Sinn des Impfens überzeugen.

Denn seit Montag können sich in Israel alle Bürger impfen lassen, die über 60 Jahre alt sind oder aus gesundheitlichen Gründen zur Risikogruppe zählen. Anschließend sollen jene Personen an die Reihe kommen, die aufgrund ihres Berufs einem besonderen Ansteckungsrisiko ausgesetzt sind, darunter Lehrer, Sozialarbeiter und Gefängnispersonal. Darauf folgen Soldaten und andere Sicherheitskräfte, und erst danach steht die Impfung dem großen Rest der Bevölkerung offen. Ausgenommen sind bis auf Weiteres schwangere und stillende Frauen, weil die Wirkung des Impfstoffes auf diese Gruppe noch nicht ausreichend erforscht ist. Auch Israelis unter 16 Jahren sowie all jene, die bereits an dem Virus erkrankt waren und geheilt sind, sollen noch warten.

LOGISTIK Derzeit setzt Israel nur den Impfstoff der US-Pharmafirma Pfizer ein. Bis Ende dieses Monats sollen dem Land rund vier Millionen Dosen des Stoffes zur Verfügung stehen. Bis Ende März werden weitere vier Millionen erwartet. Weil für die Immunisierung zwei Impfungen nötig sind, könnte also knapp die Hälfte der neun Millionen Israelis bis Ende März den Impfstoff erhalten, sofern logistisch alles glattgeht. Die israelische Regierung hat außerdem sechs Millionen Impfdosen des US-Herstellers Moderna bestellt. Diese werden laut lokalen Medien allerdings nicht vor April erwartet.

Die Impfungen werden über die vier großen Krankenkassen ausgegeben, die den Gesundheitsmarkt in Israel unter sich aufteilen. Wer sich zum jetzigen Zeitpunkt immunisieren lassen will und darf, muss telefonisch einen Termin ausmachen – was offenbar nicht überall reibungslos funktioniert: So berichten manche Impfwillige über quälend lange Warteschleifen. Der Andrang ist aus Sicht von Gesundheitsexperten jedoch ein ermutigendes Zeichen, nachdem in den vergangenen Wochen viel über die Impfskepsis berichtet wurde, die in Teilen der Bevölkerung verbreitet ist.

Knapp die Hälfte der Bürger ist unsicher, ob der Impfstoff wirklich sicher ist.

In der Tat zeigen mehrere Umfragen, dass die Regierung noch einige Überzeugungsarbeit zu leisten hat, will sie die nötige Immunität in der breiten Bevölkerung herstellen: So bekunden bislang nur 63 bis 64 Prozent der Israelis die Bereitschaft, sich impfen zu lassen. Knapp ein Viertel der Befragten gibt an, nicht zu wissen, ob die Impfung sicher sei; ebenso viele glauben, sie sei es nicht.

ERGEBNISSE Zu den Zweifeln könnten mehrere Facebook-Gruppen in hebräischer Sprache beigetragen haben, die allerlei abenteuerliche Dinge behaupteten: Die neuen Impfstoffe, hieß es dort etwa laut Berichten, würden genutzt, um die Weltbevölkerung zu reduzieren, Überwachungschips in den Körpern der Bürger zu installieren oder geheime Experimente durchzuführen. Auf Verlangen des israelischen Justizministeriums entfernte Facebook vier solcher Gruppen vor wenigen Tagen. »Diese Posts können eine echte Gefahr für die öffentliche Gesundheit darstellen«, sagte Haim Vismonsky, der Direktor der Cyber-Einheit, die für Internetverbrechen zuständig ist und dem Justizministerium untersteht.

Neben dem Widerstand vonseiten der Impfgegner sorgen sich israelische Gesundheitsexperten auch darum, dass die Aussicht auf den Impfstoff die Menschen in ihrem alltäglichen Gebaren nachlässig machen könnte. Die Zahl der täglichen Neuinfektionen ist zuletzt auf fast 3000 gestiegen, den höchsten Wert seit zwei Monaten. Dabei gelten in Israel derzeit noch immer zahlreiche Beschränkungen. Schon spekulieren die Medien über einen möglichen dritten Lockdown.

Der staatliche Corona-Beauftragte Nachman Ash warnte die Bürger am Samstag denn auch vor voreiliger Sorglosigkeit. »Wir werden die Ergebnisse (der Impfungen) erst nach zwei Monaten nach Beginn des Immunisierungsprogramms sehen«, sagte er. »Lasst euch impfen, aber haltet zugleich die Beschränkungen ein!«

Krieg

IDF greift Hisbollah-Ziele im Libanon an

Die Terror-Miliz hatte zuvor israelische Soldaten angegriffen

 27.04.2026

Berlin

»Ich will mich nicht verstecken«

Ron Dekel wurde angepöbelt, weil er eine Kippa trug. Ein Video davon ging viral, er wurde im Netz beleidigt, man lauerte ihm vor der Synagoge auf. Hier spricht der Präsident der Studierendenunion darüber, was ihm passiert, seitdem er sich sichtbar als Jude zeigt

von Mascha Malburg  27.04.2026

Jerusalem

Israel ernennt ersten Botschafter für Somaliland nach Anerkennung der Region

Einen Botschafter Somalilands in Israel gibt es bereits. Im Januar wurde Mohamed Hagi für den posten ernannt

 27.04.2026

Nord-Israel

Wieder Sicherheitsbeschränkungen in Nordisrael eingeführt

Das Lag-BaOmer-Fest auf dem Berg Meron kann in diesem Jahr nicht in gewohnter Form stattfinden

 27.04.2026

Nahost

Verdrehte Moral

Es ist geradezu atemraubend, mit welcher Inbrunst das Opfer-Täter-Verhältnis hierzulande verkehrt wird, wenn es um Israels Reaktion auf islamistische Terrororganisationen geht

von Jacques Schuster  27.04.2026 Aktualisiert

7. Oktober

Der Angriff auf den Kibbuz Holit: Erst Nachmittags kam Hilfe

IDF-Bericht: Rund 60 palästinensische Terroristen dringen am frühen Morgen in das Areal ein. Bei dem Massaker werden 13 Zivilisten ermordet. Neun Bewohner werden als Geiseln verschleppt

 27.04.2026

Studie

Kriege verändern Schlaf, Ernährung und Bewegung deutlich

Forscher der Hebräischen Universität Jerusalem warnen, dass Stress, Angst und Unsicherheit zu ungesunden Gewohnheiten führen

 27.04.2026

Reisen

Internationale Airlines bleiben weiter weg

Die Europäische Agentur für Flugsicherheit empfiehlt EU-Fluggesellschaften, den Luftraum über Israel zu meiden

von Sabine Brandes  27.04.2026

Essay

Eva Erben: Was es bedeutet, Israeli zu sein

Die tschechische Holocaust-Überlebende kam 1948 mit ihrem Mann Peter nach Israel

 27.04.2026