Nahost

»Der Iran ist sehr geschwächt«

Rauchwolken über Teheran nach einem israelisch-amerikanischen Schlag gegen ein Öldepot Anfang März Foto: picture alliance / SIPA

Nach Wochen der intensiven militärischen Auseinandersetzungen zwischen Israel und den USA auf der einen Seite sowie dem Iran auf der anderen ist ein Waffenstillstand in Kraft getreten, der vor allem zwischen Washington und Teheran ausgehandelt wurde – mit Jerusalem vermutlich in einer untergeordneten Rolle. In Israel selbst wurden infolge iranischer Raketeneinschläge 20 Zivilisten getötet und Tausende verletzt. Ganze Wohnviertel wurden verwüstet, das gesamte Land befand sich fast anderthalb Monate lang im Ausnahmezustand.

Obwohl der weitere Verlauf des Konflikts und die Stabilität der Feuerpause völlig unklar bleiben, zeichnen israelische Sicherheitsexperten ein überwiegend konsistentes Bild militärischer und politischer Verschiebungen, die dieser Krieg ausgelöst hat. Sie sprechen von einem tiefgreifenden strategischen Einschnitt, der das Kräfteverhältnis in der Region verändert habe.

»Wir sehen einen Iran, der reagiert – nicht mehr einen, der gestaltet.«

Kobi Michael (INSS)

Nach Einschätzung von Kobi Michael, Experte für Sicherheitsfragen am Institute for National Security Studies (INSS), haben Israel und die USA dem Iran nicht nur militärisch, sondern vor allem strukturell und politisch erheblich geschadet. Das Regime in Teheran sei deutlich geschwächt – vor allem, wenn es darum geht, seine Stellvertretermilizen zu unterstützen. »Der Iran ist in seiner Fähigkeit des regionalen Einflusses deutlich eingeschränkt«, so Michael.

Die gezielten Angriffe auf militärische Infrastruktur, Kommandozentralen und Spezialeinheiten sowie auf die Netzwerke seiner Verbündeten hätten die strategische Position des Iran nachhaltig verändert. Zwar könne Teheran weiterhin Krieg führen, »aber es ist nicht mehr in der Lage, seine Mittel zur Kriegsführung koordiniert und mit vorhersehbarer Wirkung einzusetzen«. Israel und die USA hätten zentrale Elemente iranischer Abschreckung geschwächt und zugleich die eigene gestärkt. Die Mullahs agierten zunehmend defensiv und versuchten vor allem, Verluste zu kompensieren, anstatt strategisch zu expandieren. »Wir sehen einen Iran, der reagiert – nicht mehr einen, der gestaltet«, resümiert Michael.

»Völlig anderes Land als vor dem jüngsten Konflikt«

Noch deutlicher fällt die Analyse von Shay Shabtai aus, dem stellvertretenden Leiter des Begin-Sadat Center for Strategic Studies (BESA) der Bar-Ilan-Universität. Er beschreibt die Folgen der Operationen als möglichen Wendepunkt für die innere Struktur des iranischen Staates. Aus seiner Sicht habe sich der Iran von einer »starken Theokratie« zu einer »schwachen Diktatur« entwickelt.

Shabtai verweist dabei auf eine Erosion der ideologischen Grundlage der Herrschaft, eine zunehmende Zersplitterung der Führungselite sowie eine Radikalisierung der staatlichen Repression. Der Iran sei »ein völlig anderes Land als vor dem jüngsten Konflikt«, eines, das nun gleichzeitig das Risiko der Instabilität sowie neue Möglichkeiten für strategische Neubewertungen in sich trage.

Der frühere Chef des israelischen Militärgeheimdienstes und ehemalige stellvertretende Kommandeur der israelischen Luftwaffe, Amos Yadlin, beschreibt den Konflikt als »extrem asymmetrischen Krieg«, in dem der Iran zwar erheblich geschwächt worden sei, jedoch weiterhin über strategische Hebel verfüge. »Wenn es ein Basketballspiel wäre, dann stünde es 125 zu 5«, sagt Yadlin.

Zivile israelische Opfer in Wohngebieten

Der Iran habe den direkten militärischen Schlagabtausch ganz klar verloren. Für jede Rakete, die es tatsächlich nach Israel geschafft habe, seien 100 bis 500 iranische Raketen oder Bomben abgefangen oder durch Gegenschläge neutralisiert worden, während gleichzeitig zahlreiche strategisch wichtige Ziele im Iran getroffen worden seien, so seine Analyse. Dabei hätten die wenigen iranischen Einschläge in Israel überwiegend zivile Opfer in Wohngebieten gefordert.

Nach Einschätzungen aus israelischen und US-amerikanischen Sicherheitskreisen, auf die sich Yadlin stützt, habe der Iran in mehreren Bereichen erhebliche Verluste erlitten. Rund die Hälfte seiner Raketenabschussanlagen sei zerstört oder unbrauchbar geworden, während das Raketenarsenal zwar deutlich reduziert sei – allerdings gebe es immer noch Bestände von mehreren Tausend Geschossen.

Zudem sei ein erheblicher Teil der Luftabwehrsysteme ausgeschaltet oder stark beschädigt. Auch die Drohnen- und Raketenproduktion sowie Teile der Militärindustrie seien massiv getroffen worden. Insgesamt sprechen westliche Analysten von Schäden in Höhe von mehreren zehn bis zu rund 200 Milliarden Dollar.

»Militärisch hat der Iran schwer verloren, aber er ist nicht aus dem Spiel.«

Amos Yadlin

Yadlin beschreibt dabei nicht nur materielle Verluste, sondern auch strukturelle: »Israel und die USA haben die Luftabwehr zerstört, die militärische und teilweise auch politische Führung ausgeschaltet, Kommandozentralen zerstört und Teile der nuklearen Infrastruktur getroffen.« Das Mullah-Regime operiere demnach teilweise dezentral, unter unsicheren Bedingungen und ohne stabile Strukturen. »Sie haben keine funktionierenden Kommandozentralen mehr, Entscheidungen werden unter Druck und aus dem Untergrund getroffen«, so Yadlin. Es gebe Hinweise auf interne Machtkämpfe zwischen verschiedenen Gruppen und Fraktionen innerhalb der Sicherheits- und Machtapparate.
kompromiss Trotz der erheblichen Verluste sieht er den Iran gleichwohl nicht als vollständig besiegt. Militärisch sei das Land stark geschwächt, strategisch verfüge es jedoch weiterhin über Druckmittel – insbesondere durch die Fähigkeit, den Schiffsverkehr in der Straße von Hormus zu bedrohen und damit Einfluss auf die Energieversorgung der Golfregion und die Weltwirtschaft auszuüben. »Militärisch haben sie schwer verloren, aber sie sind nicht aus dem Spiel«, sagt Yadlin.

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Ein zentrales Problem für jede diplomatische Lösung sei, dass beide Seiten sich als Sieger sehen. »Die Amerikaner sagen: ›Wir haben ihre militärischen Fähigkeiten zerstört.‹ Die Iraner sagen: ›Wir haben überlebt und Widerstand geleistet.‹«, erklärt er. »Beide kommen mit der Überzeugung an den Verhandlungstisch, gewonnen zu haben.« Auf diese Weise finde man aber nicht zu einem Kompromiss.

Trotz der angespannten Lage hält Yadlin einen erneuten direkten Großangriff Irans auf Israel für unwahrscheinlich. Stattdessen erwarte er eine Verlagerung der Konfliktstrategie in Richtung indirekter Operationen oder Angriffe auf Ziele in der Golfregion. Der Konflikt verharre damit in einer instabilen Balance zwischen Abschreckung und Erschöpfung. Eines aber sei klar: »Der Iran ist sehr geschwächt.«

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