Knesset

Der Facebook-Fluch

Posterboy: Der Jesch-Atid-Abgeordnete Boaz Toporovsky räkelt sich auf dem Bürosofa. Foto: facebook

Ob neue Freundin, das gerade verspeiste Mittagessen oder die Anzahl der Raketen aus Gaza: In Israel wird alles und jedes per Facebook oder Twitter mitgeteilt. Seit Langem schon bedienen sich nicht mehr nur Privatpersonen der sozialen Netzwerke im Internet. Regierungseinrichtungen wie das Büro des Premierministers oder die Armee zwitschern regelmäßig mit. Auch immer mehr junge Knessetabgeordnete teilen ihren »Status« mit der Welt – sehr zum Leidwesen etablierter Kollegen.

Statt ihre Positionen in den Sälen des Parlaments mit den Kollegen zu debattieren, schreiben sie ihre Meinung in dicken Lettern auf ihre Internetseiten. Die politische Kultur des Debattierens von Angesicht zu Angesicht wird zusehends in Richtung virtuelle Welt verschoben. Nicht selten gab es schon regelrechte »Twitterkriege«.

Die israelische Armee (IDF) kam in der letzten Zeit kaum aus den Schlagzeilen heraus, nachdem junge Rekrutinnen ihre Popos und andere nackte Tatsachen, geschmückt mit ihrer Kampfausrüstung, gepostet hatten. Facebook – einst als Wunderwaffe fürs israelische Image angesehen, entwickelt sich zusehends zum Fluch.

Die IDF arbeitet derzeit an Richtlinien, die den Umgang mit Facebook und Co. während des Militärdienstes einschränken sollen. Die offizielle Erklärung lautet, dass dies nichts mit den jüngsten Veröffentlichungen zu tun habe – doch jeder weiß, dass die Peinlichkeit zumindest einer der Gründe ist.

Billig Nun musste auch Parlamentspräsident Yuli Edelstein Abgeordnete zurechtweisen und davor warnen, die Knesset nicht durch Veröffentlichungen im Internet »billig wirken zu lassen«. Er zürnte Politikern aller Fraktionen, die während Sitzungen Fotos mit ihren Smartphones geschossen und diese später ins Internet gestellt hatten.

Allen voran hat Wirtschaftsminister Yair Lapid Facebook als ultimative Mitteilungsplattform für sich erkoren. Schon vor der Wahl war er dort auf virtuellen Wählerfang gegangen und hatte fast rund um die Uhr seine Meinung kundgetan. Die Mitteilsamkeit hat sich für ihn ausgezahlt: Seine Partei Jesch Atid zog als zweitstärkste Fraktion in die 18. Knesset ein.

Doch nicht alle sehen Lapids Affinität zu den modernen Kommunikationswegen mit Wohlwollen. Mehr als einmal war es zum Eklat gekommen, nachdem der Minister etwas gepostet hatte, statt seine Einstellung innerhalb der Knesset klarzustellen. Als er beschuldigt wurde, im Rahmen seines Sparpakets die Studiengebühren erhöhen zu wollen, verkündete er auf Facebook: »Wenn ich das tun würde, dann würde ich vor mein eigenes Haus ziehen, um gegen mich selbst zu protestieren.«

Die Opposition konnte kaum glauben, dass Lapid, statt sich im Plenarsaal zu verteidigen, lieber zu Hause blieb und auf seine Tastatur hämmerte. »Der Finanzminister hatte Zeit, auf Facebook zu schreiben, anstatt herzukommen und sich den Fragen in einer respektvollen Weise zu stellen«, rief die Chefin der Arbeitspartei, Schelly Jachimowitsch, und stand vor Wut von ihrem Platz auf. »Facebook kann doch wohl kein Ersatz für die Knesset sein. Wir haben ein neues Tief erreicht.«

Lasziv Ihr Parteikollege Avischai Bravermann pflichete ihr bei und forderte ein Moratorium für die Benutzung der Social Networks durch Politiker. »Neben Facebook sollte es schließlich auch noch Ernsthaftigkeit, Aktion und Verantwortung geben«, fügte er sarkastisch hinzu.

Das neue Parlamentsmitglied Boaz Toporovsky von Jesch Atid hatte den Satz entweder nicht gehört oder sich nicht zu Herzen genommen. Der zweifelsohne attraktive Mann stellte kurz darauf ein Foto von sich ins Netz, das ihn zeigt, wie er sich – den Oberkörper nur mit seinem ausgezogenen Hemd bedeckt – in seinem Knessetbüro schlafen legt. Mit laszivem Blick schaut Toporovsky dabei in die Kamera. Darunter schrieb der junge Politiker: »Heute in der Knesset zum erstes Mal geschlafen. Hoffe, der Anblick tut nicht zu sehr weh.«

Ob er gut geschlafen hat, postete Toporovsky am nächsten Morgen nicht. Dafür flatterte ein böser Brief in sein Büro. Der Knessetpräsident war außer sich vor Wut. Die Peinlichkeiten im und außerhalb des Parlaments müssten ein Ende haben. Es dürfe nicht vorkommen, dass jemand ein Foto veröffentlicht, in dem er aussehe wie ein Playboy, hieß es weiter. Statt sich zu entschuldigen oder zu schweigen, schickte Toporovsky den nächsten Post gleich hinterher und schrieb: »Das nächste Mal schlafe ich im Anzug.«

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