Interview

»Das lokale Regime hat die Kontrolle völlig verloren«

Hamad Adar Foto: Hadas Parush

Wie ist die Lage in Suweida aktuell?
Die humanitäre Lage in Suweida ist äußerst prekär. Die drusische Gemeinschaft in Syrien ist immer wieder Opfer von Massakern, brutalen Morden und grausamen Gewalttaten, die sich ausnahmslos gegen Zivilisten, ältere Menschen, Frauen und Kinder richten. In vielen Teilen Suweidas gibt es weder Strom noch sauberes Wasser und keine Nahrungsmittel. Das lokale Regime hat die Kontrolle völlig verloren oder ist schlichtweg unwillig zu handeln. Radikale islamistische Gruppen können in ganz Syrien ungestraft tun, was sie wollen. Die Drusen sind schutzlos, umgeben von Chaos, und die Welt darf nicht schweigen.

Sie waren selbst dort. Was haben Sie gesehen oder erlebt?
Ich bin in Begleitung von Sicherheitskräften nach Syrien eingereist, um junge Drusen aus Israel zurückzuholen, die aus tiefem Schmerz und Wut die Grenze überquert hatten. Sie konnten es nicht ertragen, mit anzusehen, wie ihre drusischen Brüder und Schwestern direkt hinter der Grenze abgeschlachtet wurden. Ihre Taten entsprangen einer tiefen Emotion. Ich bin zusammen mit der Armee nach Syrien eingereist, um sie sicher zurückzuholen. Wir befanden uns weit entfernt von den Massaker- und Kampfgebieten – den Zonen, in denen die drusischen Gemeinschaften verzweifelt ihre Häuser und Dörfer verteidigen. Meine Aufgabe war es, eine weitere Eskalation zu verhindern und sicherzustellen, dass kein weiteres Leben gefährdet wird.

Inwieweit ist die syrische Regierung Ihrer Ansicht nach an den Morden an den Drusen und den Plünderungen von Häusern und Geschäften beteiligt?
Das syrische Regime sorgt nicht für Ordnung, in vielen Fällen ist es sogar völlig abwesend. Bewaffnete Milizen und Beduinenstämme agieren frei und erklären öffentlich, dass sie der Regierung nicht gehorchen werden. Das Regime hat vor Ort keine wirkliche Autorität und ist derzeit keine legitime Regierung, die Syrien regieren kann. Schlimmer als die fehlende Kontrolle aber ist die Gleichgültigkeit. Das Regime sieht die Gräueltaten an den Drusen, darunter Morde, Plünderungen und Angriffe auf Zivilisten, und sagt nichts. Es gibt keine offiziellen Beileidsbekundungen, keine Verurteilung und keine Maßnahmen. Im Gegenteil: Das Regime rechtfertigt oft die Aktionen der radikalen sunnitischen Schützen und stellt die Drusen als »bewaffnete Milizen« dar, anstatt als Zivilisten, die sich lediglich gegen extremistische Gewalt verteidigen. Diese Missachtung ist nicht nur Fahrlässigkeit – sie ist Komplizenschaft durch Schweigen.

Was unternimmt Israel, um weitere Gewalt zu verhindern?
Israel beobachtet die Lage aufmerksam, und ich persönlich stehe in regelmäßigem Kontakt mit Entscheidungsträgern, um sicherzustellen, dass dieses Thema auf der Tagesordnung bleibt. Ich habe auch die Notwendigkeit humanitärer Unterstützung und diplomatischer Zusammenarbeit mit unseren Verbündeten, insbesondere den Vereinigten Staaten, angesprochen. Es muss mehr getan werden, und zwar schnell.

Verstehen Sie die Kritik, dass die israelischen Streitkräfte nicht nur da sind, um zu helfen, sondern auch, um in Syrien Fuß zu fassen?
Ich verstehe die Bedenken, aber ich glaube, sie übersehen das Gesamtbild. Das Hauptziel der israelischen Streitkräfte in der Region ist die Sicherheit für die israelischen Bürger und dazu gehört auch, die Ausbreitung radikalen Terrors in der Nähe unserer Grenzen zu verhindern.

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Was brauchen die Drusen in Syrien und in Israel?
Die Drusen in Syrien brauchen dringend internationalen Schutz. Sie brauchen konkrete Taten – nicht nur Worte –, um die Massaker, Plünderungen und die radikal-islamistische Gewalt zu beenden, die ihre Existenz bedroht. Die Welt muss erkennen, dass sie keine Aggressoren sind, sondern eine friedliche Gemeinschaft, die ihre Häuser und Familien verteidigt. Humanitäre Hilfe muss sie sofort erreichen, und alle Seiten müssen unter Druck gesetzt werden, das Blutvergießen zu beenden. Die Drusen in Israel müssen wissen, dass wir nicht tatenlos zusehen. Wir brauchen unsere Regierung und unsere Verbündeten, die fest an unserer Seite stehen und diplomatisch, öffentlich und moralisch handeln. Wir brauchen die Anerkennung der tiefen emotionalen und kulturellen Verbindung, die wir mit unseren Brüdern und Schwestern in Syrien haben, und wir müssen die Einheit und Sicherheit des drusischen Volkes stärken, wo immer es ist.

Als Druse und Mitglied der israelischen Knesset werde ich weiterhin alles in meiner Macht Stehende tun, um sicherzustellen, dass unsere Stimme gehört wird: in Jerusalem, in Washington und überall dort, wo Entscheidungen getroffen werden.

Mit dem drusischen Knessetabgeordneten Hamad Amar (Israel Beiteinu) sprach Sabine Brandes

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