Tausende ultraorthodoxe Israelis haben am Montag in mehreren Landesteilen gegen die Festnahme von Wehrdienstverweigerern protestiert. Die Demonstrationen führten zu erheblichen Verkehrsbehinderungen und brachten zeitweise wichtige Straßen sowie Teile des öffentlichen Nah- und Fernverkehrs zum Erliegen.
Besonders betroffen waren die Umgebung Jerusalems sowie zentrale Verkehrsachsen im Landeszentrum. Demonstranten blockierten unter anderem die wichtige Fernstraße Route 4, setzten sich auf Fahrbahnen und behinderten den Verkehr über Stunden hinweg. Auch die Jerusalemer Stadtbahn musste ihren Betrieb zeitweise einstellen, nachdem Protestierer die Gleise besetzt hatten.
Die Kundgebungen wurden von der sogenannten Jerusalemer Fraktion organisiert, einer Strömung innerhalb des ultraorthodoxen Spektrums. Die Gruppe erklärte, sie protestiere gegen die ihrer Ansicht nach ungerechtfertigte Inhaftierung von Jeschiwa-Studenten. Diese würden allein wegen des »Verbrechens des Tora-Studiums« verfolgt, hieß es von den Organisatoren.
Rechtswidrige Versammlungen
Die Polizei stufte mehrere Versammlungen als rechtswidrig ein und ging gegen Demonstranten vor. Dabei kam es an verschiedenen Orten zu Zusammenstößen. Nach Angaben der Behörden wurde ein Polizeibeamter leicht verletzt. In Jerusalem musste zudem ein Soldat von Einsatzkräften in Sicherheit gebracht werden, nachdem er von aufgebrachten Demonstranten umringt worden war.
Zu einem schweren Zwischenfall kam es auf der Route 4. Dort wurde ein Demonstrant von einem Motorrad erfasst und schwer verletzt. Rettungskräfte brachten ihn mit Verletzungen am Kopf und den Gliedmaßen in das Sheba Medical Center. Nach Angaben des Rettungsdienstes war der Mann bei Bewusstsein.
Auch der Bahnverkehr wurde erheblich beeinträchtigt. Demonstranten drangen auf Gleisanlagen nahe des Ganot-Knotens vor, worauf mehrere Zugverbindungen unterbrochen werden mussten. Ein Zug auf dem Weg nach Jerusalem kehrte sogar nach Tel Aviv zurück. Berichten zufolge waren auch Verbindungen zum Ben-Gurion-Flughafen betroffen, sodass einige Reisende Gefahr liefen, ihre Flüge zu verpassen.
Aufspürung von Wehrdienstverweigerern
Weitere Proteste fanden in Bnei Brak, Safed und Netivot statt. In Jerusalem versammelten sich Demonstranten außerdem vor dem Wohnhaus des Leiters der Verkehrspolizei, Haim Shmueli. Die Teilnehmer warfen seiner Behörde vor, Verkehrskontrollen gezielt zur Aufspürung von Wehrdienstverweigerern zu nutzen. Die Polizei löste die Versammlung schließlich auf und nahm mehrere Personen fest.
Bereits am Vorabend war die Lage in Beit Schemesch eskaliert. Nach der Festnahme eines Wehrdienstverweigerers drangen Dutzende Demonstranten in eine Polizeistation ein. Nach Angaben der Behörden wurden Steine geworfen, Straßen blockiert und Brände gelegt. Acht Verdächtige wurden festgenommen.
Aufforderungen ignoriert
Hintergrund der Proteste ist der anhaltende Streit um die Wehrpflicht für ultraorthodoxe Männer. Nachdem der Oberste Gerichtshof im Jahr 2024 die bisherigen Befreiungen vom Militärdienst aufgehoben hatte, verschickte die Armee Zehntausende Einberufungsbescheide. Ein großer Teil der Betroffenen ignorierte die Aufforderungen jedoch, wodurch viele offiziell als Wehrdienstverweigerer gelten.
Nach Angaben der Jerusalemer Fraktion wurden am Freitag sechs Jeschiwa-Studenten wegen Wehrdienstverweigerung festgenommen. Drei von ihnen seien inzwischen wieder freigelassen worden. Die Bewegung reagierte darauf mit den landesweiten Protestaktionen.
Die israelischen Streitkräfte warnen seit Monaten vor einem zunehmenden Mangel an Soldaten. Militärvertreter berichten von wachsender Belastung der IDF und einer angespannten Personallage, die sich weiter verschärfen könnte. im