US-Wahlkampf

Blick nach Washington

Er bittet um den Beistand des Herrn mit einem Zettel in der Kotel von Jerusalem. Sie will eine Zweitstaatenlösung erreichen, um Frieden zwischen Israelis und den Palästinensern zu schaffen. Seit Donald Trump und Hillary Clinton verbal die Messer
wetzen, fiebert die ganze Welt mit, wer schließlich ins Weiße Haus einziehen wird. Besonders die Israelis beschäftigt das Rennen um die amerikanische Präsidentschaft und die Wahl am 8. November.

Denn die Politik in den USA hat oft direkte Auswirkungen auf den kleinen Nahoststaat, dessen stärkster Verbündeter die Amerikaner sind. Wer wird besser für uns sein, fragen sich also die Israelis: Clinton oder Trump?

Jerusalem Hadas Cohen, Politikwissenschaftlerin und Forscherin am Leonard Davis Institute für internationale Beziehungen an der Hebräischen Universität, ist sich sicher, dass keiner der beiden Kandidaten »das Schlimmste für Israel« bringen würde. Weder die republikanische noch die demokratische Partei in den USA würde sich je offen gegen Israel stellen, argumentiert sie.

»Trump sagte mehrfach, dass er als Präsident die Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem verlegen würde. Das hat seine Tochter Ivanka sogar wiederholt bestätigt«, so Cohen. Trumps Tochter, die zum Judentum übertrat, bevor sie den gläubigen New Yorker Juden Jared Kushner heiratete, wird von ihrem Vater gern als starkes Bindeglied zwischen ihm und Israel hochgehalten. Außerdem habe Trump eine gute Verbindung zum amtierenden Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu. Cohen ist überzeugt, dass, »was auch immer Israel tun mag, die Republikaner es unterstützen werden«.

Konflikt Das sähe mit Hillary Clinton im Oval Office etwas anders aus, prognostiziert die Politikwissenschaftlerin. Denn die Demokratin unterstützt eine Zweistaatenlösung für die Beendigung des Konfliktes zwischen Israel und den Palästinensern. Trump hat diese Forderung mittlerweile komplett von seiner Agenda streichen lassen. Clinton hingegen würde weiterhin darauf pochen und auf jeden Fall versuchen, es durchzusetzen. »Sie würde den 70-jährigen Konflikt unbedingt in ihrer Amtszeit beenden wollen. Und dafür in die Geschichte eingehen«, sagt Cohen. Gleichsam müsse man im Hinterkopf behalten, dass es die demokratische Partei war, die unter dem Noch-Präsidenten Barack Obama das größte Verteidigungspaket für Israel unterzeichnet hatte.

Die Präsidentschaftskandidatin der Demokraten sei außerordentlich erfahren, sie war Außenministerin während der ersten Amtszeit Obamas, kenne die Welt und wisse sehr viel. »Das ist bei Trump natürlich nicht so. In erster Linie ist er ein Geschäftsmann und ein Entertainer. Er hätte eine Menge nachzuholen.« Außerdem sei sein Diskurs sehr problematisch, er spalte die Menschen und polarisiere, macht Cohen deutlich. Während einer seiner letzten Veranstaltungen schrie ein Unterstützer »JewSA«. Eine Bezeichnung für die antisemitische Verschwörungstheorie, dass die Juden in den USA hinter den Kulissen die politischen Strippen zögen und die Macht in Händen hielten.

Sehr verwundert ist die Politikwissenschaftlerin darüber nicht. »Trumps Rhetorik ist gefährlich. Er bezeichnet Mexikaner als Drogendealer, illegale Einwanderer als Kriminelle. Wer weiß, ob sich das nicht irgendwann auch gegen Juden richtet. Denn wenn man einmal die Geister beschwört ...« Über diese Normalisierung der extrem rechten Rhetorik seien viele jüdische Amerikaner und Israelis besorgt. »Vielleicht werden jene, die Immigranten hassen, auch Juden hassen. Und nun dürfen sie es sogar offen sagen.«

Obwohl Trumps Unterstützer pro Israel sind, das Land als starke Bastion und einen Kämpfer gegen die Achse des Bösen ansehen, mögen viele von ihnen die amerikanischen Juden nicht, mutmaßt Cohen. »Ich glaube allerdings, die meisten sind sich dieser Unterscheidung und dieses Widerspruches nicht einmal bewusst.«

Nobelpreis Auf die Frage, wer im Großen und Ganzen besser für Israel wäre, antwortet sie, dass das davon abhänge, wie man »besser« definiert. »Einige meinen sicher, dass es das Beste ist, wenn man eine Lösung mit den Palästinensern anstrebt. Dafür wäre Hillary Clinton die richtige Kandidatin, sie hat die Vision, Frieden zu schaffen und will den Nobelpreis. Aber für jene, die meinen, es sei wichtiger, dass Israel in allen Belangen und bei allem Tun aus den USA volle Unterstützung erhält, kommt sicher Trump eher infrage.« Allerdings sei das Letztere auch nicht ganz sicher.

Denn der Kandidat habe schon mehrfach seinen Kurs geändert, gibt die Politikwissenschaftlerin zu bedenken. »Früher war er Demokrat und unterstützte sogar Clinton. Man sollte daher nicht nur das bewerten, was er während des Wahlkampfes sagt. Vielleicht macht er später wieder eine Kehrtwende, wenn er auf dem Präsidentschaftssessel sitzen würde. Das kann man bei Trump nicht genau wissen.«

Eine Prognose über den Ausgang der Wahl will die Expertin partout nicht abgeben, obwohl sie anmerkt, dass sie diesen Punkt aufregend und besorgniserregend zugleich findet. »Es gab noch nie so viel Gift in einem Rennen. Das Ganze ist wie ein gedoptes House of Cards.«

Nur so viel gibt Hadas Cohen preis: »Mit Hillary Clinton ist zu 99,99 Prozent gesichert, dass nichts Negatives in Sachen Israel geschehen wird.« Und mit Trump? »Nun ja, der ist einfach unberechenbar.«

Israel

Schönheit mit Narben

Designer entwerfen Kleidung für kriegsversehrte Soldaten, um im öffentlichen Raum auf ihre Schicksale aufmerksam zu machen. Zu Besuch bei einer Modenschau in Tel Aviv

von Sabine Brandes  23.06.2026

Terrorgefahr

Schin Bet warnt vor möglichem Angriff auf Eilat im Stil des 7. Oktobers 

Der Chef des Inlandsgeheimdienstes soll führende Mitarbeiter der Behörde angewiesen haben, mögliche Angriffsszenarien für die Hafenstadt im Süden zu untersuchen

 23.06.2026

Kommentar

Wer kann das noch ernst nehmen?

Immer mehr zeigt sich: Anmoderation und Exekution von Unwahrheiten und falschen Fakten vor einem Millionenpublikum sind kein ärgerlicher Ausrutscher, sondern gezielte Agitation

von Daniel Killy  23.06.2026

Jerusalem

Israel-Libanon-Gespräche: Netanjahu kündigt Verbleib der Armee im Südlibanon an

»Die IDF wird weiterhin entschlossen handeln, um Bedrohungen für unsere Soldaten und Zivilisten abzuwehren«, sagt die israelische Regierung

 23.06.2026

Jerusalem

Netanjahu: Israel hat iranische Bombe verhindert

Israels Premier bezeichnete den Angriff auf den Iran als »größte Luftoperation« in der Geschichte des Landes

 22.06.2026

Bildung

Israel setzt auf Künstliche Intelligenz im Englischunterricht

Der Start des Programms fällt in eine Phase, in der die Schulen des jüdischen Staates mit erheblichen Problemen beim Sprachenunterricht kämpfen

 22.06.2026

Uganda

Entebbe-Entführung 1976: Debatten um Linksterror und Antisemitismus

Vor 50 Jahren entführten zwei Deutsche und zwei Palästinenser einen Airbus aus Israel nach Uganda. Dabei sollen sie Geiseln nach antisemitischen Kriterien voneinander getrennt haben. Die Tat befeuerte das Unbehagen vieler Linker mit Gewalt

von Nils Sandrisser  22.06.2026

Süd-Libanon

Israelische Armee entdeckt Hisbollah-Tunnel mit Raketenstellungen

IDF: Die Raketenschächte sind durch Luftangriffe nur sehr schwer oder gar nicht zerstörbar

 22.06.2026

Absichtserklärung

Trumps Frieden – Irans Sieg

Während der US-Präsident das Memorandum mit Teheran als Durchbruch feiert, warnen Experten in Israel vor Zugeständnissen bei der Atomfrage und im Libanon

von Sabine Brandes  21.06.2026