Lifestyle

Bauernlaib statt Pita

Zeit haben Israelis eigentlich keine. Und doch stehen die Menschen hier geduldig Schlange, recken ihre Hälse, um das Sortiment in den Regalen zu beäugen, und atmen tief ein. Der Duft von frischem Brot und süßem Gebäck liegt in der Luft. Die erste Auslandsfiliale der deutschen Bäckerei-Kette »Zeit für Brot« hat in Tel Aviv eröffnet.

Dank Dalia Israeli und ihrem süßen Zahn. »Stimmt«, gibt sie unumwunden zu, stellt eine dicke Gebäckschnecke auf einen der Tische in dem Laden und erzählt ihre Geschichte: »2018 waren mein Mann und ich in Berlin und kamen zufällig an der Bäckerei vorbei. Da ich Süßigkeiten liebe, bestellte ich eine Zimtschnecke. Als ich den ersten Bissen probierte, ich übertreibe wirklich nicht, dachte ich, der Himmel über mir öffnet sich. Dieser Geschmack war unglaublich.«

Sie seien noch einige Male nach Berlin zurückgekehrt, immer auch, um Brot und Schnecken zu genießen. »Und irgendwann sagte ich: ›So etwas brauchen wir in Israel.‹« Also kontaktierte sie Dirk Steiger, den Miteigentümer von »Zeit für Brot«. Als das Projekt Gestalt annahm, war er von Anfang an involviert und mehrmals vor Ort.

HANDWERK »Wir haben die israelische Filiale zusammen aufgebaut«, so Israeli, die Partnerin in der Bäckerei ist. Dass die erste Expansion ins Ausland gerade in den kleinen Nahoststaat ging, macht sie stolz. Dabei hatte sie zuvor mit dem Bäckerhandwerk rein gar nichts zu tun. »Ich komme aus der Hightech-Branche und hatte mich einfach in die Zimtschnecken verliebt«, sinniert sie und pikst die Kuchengabel in den weichen Teig.

Hinter der Theke wirbeln drei Verkaufskräfte und bedienen die Kunden.

Im Januar kündigte sie ihren Job als Projektmanagerin bei Amdocs, am 31. Juli wurde eröffnet, »und seit diesem Tag werden wir mit offenen Armen empfangen«. Sogar der deutsche Botschafter Steffen Seibert war schon da und postete seinen Besuch auf Instagram.

Hinter der Theke wirbeln drei Verkaufskräfte und bedienen die Kunden. Einer von ihnen ist Ron Hartmann, eigentlich stellvertretender Storemanager in Hamburg, der die hiesigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern drei Monate ins deutsche Bäckerei-Management einweiht. Darüber, wie schnell und uneingeschränkt Israelis die deutschen Produkte annehmen, ist er erstaunt. »Dass die Schnecken beliebt sein werden, hatte ich mir gedacht, aber dass sie uns das schwere Sauerteigbrot fast aus den Händen reißen, obwohl man hier traditionell weißes Brot isst, überrascht mich.«

atmosphäre Wie sein Kollege, Bäcker Ludger Völker, ist auch er angetan von der netten Atmosphäre. »Die Arbeitseinstellung ist sehr entspannt, alle sind freundlich. Es macht einfach Spaß, den Israelis unsere tollen Produkte anzubieten und zu sehen, wie sehr sie sie mögen.«

Manche Tücke habe der Alltag allerdings auch. »Beim Kaffee sind die Leute spezieller als in Deutschland, sie wollen ihn mal mit weniger Schaum, mal mit mehr, heißer, kälter … Und in der Kasse steht alles nur auf Hebräisch. Oh je …«

Das Geschäft ist nach demselben Konzept aufgebaut wie die Läden in Deutschland. »Dieselbe Ausstattung und Atmosphäre, dieselben Produkte und vor allem dieselbe Qualität«, hebt Israeli hervor. »Außerdem ist alles Bio und koscher. Damit sind wir die erste komplett organische Bäckerei im Land. Schnecken inklusive.«

PRODUKTE Den Teig für die Schnecken zwirbelt Noah Breuer hinter der Glasscheibe um die Finger und legt die ungebackenen Batzen auf ein Blech. Die Kunden schauen ihr dabei zu. Denn in jeder Filiale der Kette können Kundinnen und Kunden durch eine riesige Glasscheibe beobachten, wie Bäckerhandwerk vonstattengeht. Bäckerin Breuer ist gerade aus Berlin zurückgekehrt, wo sie monatelang lernte, die typischen Produkte herzustellen, darunter Bauernlaibe und Schwarzbrot, alle aus Sauerteig und in Handarbeit erstellt.

Sogar Botschafter Steffen Seibert war schon da und postete seinen Besuch auf Instagram.

Die Filiale am Menachem-Begin-Boulevard liegt ein paar Gehminuten von der Flaniermeile Rothschild entfernt, in direkter Nähe von zwei neuen U-Bahn-Stationen und einem geplanten Geschäftspark. »Die perfekte Gegend für uns«, ist die neue Bäckerei-Miteigentümerin überzeugt. Dabei soll der erste Laden keinesfalls der einzige bleiben. Sie plant bereits zwei weitere in Tel Aviv, einen in Jerusalem und »vielleicht noch andere«. Zudem setzt Israeli auf das Konzept »Business to Business«, wobei Unternehmen mit frischen Backwaren, von Brot über Sandwiches bis zu süßen Teilchen, beliefert werden.

standort Steiger kann sich keinen besseren Standort für die erste Auslandsfiliale vorstellen. »Es ist eine super offene Stadt mit gutem Essen und Leuten, die aufgeschlossen sind für Neues.« Außerdem, meint er, gebe es »eine besondere mentale Beziehung zwischen Berlin und Tel Aviv – und das finde ich schön«.

Kundin Talia Levi hat einen Hocker zum Tisch umfunktioniert und seufzt genüsslich bei jedem Stück Zimtschnecke. »Schmeckt’s?« Sie lächelt selig: »Und wie!« Es erinnere sie an ihr Jahr in Berlin nach der Armee, als sie einmal die Woche in der Bäckerei einkehrte, Brot kaufte und eine Schnecke aß. »Ich habe den Geschmack sehr vermisst.« Dass es das alles nun hier gibt, sei wundervoll. Die Zeit, um in der Schlange anzustehen, nimmt sie sich gern, sagt sie zwinkernd. »Denn jetzt muss ich ja nicht mehr nach Berlin.«

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