Hamburg

Rachel und der Forscher

Sefardische Gräber auf dem Hamburger Friedhof Königstraße Foto: Heide Sobotka

Eine Porno-Darstellung auf einem Friedhof! Noch dazu auf einem jüdischen Friedhof. Rachel heißt die Schöne, und sie thront topless in Marmor, scheinbar bei einem Schäferstündchen umgeben von Hirten und ihren Schafen. Mehr noch: Rachel hat eine Zwillingsschwester – auf einem sefardischen Friedhof auf Curacao. In Hamburg liegt ihr Grabstein auf dem sefardischen Teil des historischen Jüdischen Friedhofs Königstraße, im Stadtteil Altona.

Die Schöne wird geliebt. Allen voran von Michael Studemund-Halévy, der seit 1990 maßgeblich dafür sorgt, dass der knapp zwei Hektar große Friedhof erforscht und restauriert wird. Dafür und für andere erfolgreiche Projekte erhielt der heute 70-jährige Wissenschaftler, Docteur ès lettres und Fellow der Hamburger Hermann Reemtsma Stiftung, schon manche Auszeichnung. Am 29. Oktober wurde der Autor, Übersetzer und Sprachkundler, der noch Ladino spricht, die alte Sprache der Sefarden, mit der Festschrift Caminos de Leche y Miel Estudios Sefardíes (Wege von Milch und Honig: Sefardische Studien) geehrt.

Ladino »Michael Studemund-Halévy hat den Hamburgern die Bedeutung der jüdischen Friedhöfe nahegebracht und als Linguist für den Erhalt des jüdischen Spracherbes gesorgt, zudem gibt er uns mit seinen Schriften einen Weltreiseführer an die Hand«, lobte Miriam Rürup vom Hamburger Institut für die Geschichte der deutschen Juden (IGDJ) den Forscher.

Während Michael Studemund-Halévy »seine« Rachel bewundert, sirrt ein ewig leises Rauschen durch die alten hohen Buchen auf dem Gräberfeld, das der Ewigkeit verschrieben ist. 1652 sefardische Steine mit Grabinschriften, Ornamenten, aber auch reich verzierte Reliefs und kleine, kunstvolle Figuren wie Rachel befinden sich auf der linken Hälfte des Friedhofs, eine melancholische Oase der Stille direkt an einer Hauptverkehrsstraße. Auf dem rechten, dem aschkenasischen, Teil stehen etwa 9000 Grabsteine, darunter für berühmte Familien der Hansestadt wie die Heines und die Warburgs.

Der linke Teil ist das Eldorado von Michael Studemund-Halévy, und wenn er inmitten dieser Steine umhergeht, erzählt er die Geschichte der Hamburger Sefarden, die erstmals 1518 vor der Inquisition der katholischen Kirche aus Portugal nach Hamburg und ins damalige, tolerante Altona flohen. Hamburg hat es Michael Studemund-Halévy und seinem Kollegen Dan Bondy, der den aschkenasischen Teil betreut, zu danken, dass der Friedhof weitgehend erforscht ist.

Lehraufträge Studemund-Halévy ar­beitete lange Jahre unter anderem am IGDJ in Hamburg und war Lehrbeauftragter für Judenspanisch an den Universitäten in Hamburg, Köln, München und Potsdam, wo er auch heute noch ebenso lehrt wie im Board of Trustees am Hamburger Institute for Jewish Philosophy and Religion.

Sein Herzensprojekt aber ist der 1611 gegründete Jüdische Friedhof Königstraße. Seit mehr als 30 Jahren erforscht er Stein um Stein, folgt den Familienchroniken, die teilweise wie ein Stammbaum in den Stein graviert sind, entschlüsselt die Grabinschriften und die Bedeutung der Figuren und Skulpturen, der bildreichen Reliefs und das, was sie über die Verstorbenen und ihre Familien erzählen. »Viele der kunstvollen Insignien und Verzierungen sind sogar christlichen Ursprungs, weil die Steinmetze vermutlich Christen waren«, erzählt Studemund-Halévy. »Ich kenne die Toten hier besser als meine eigene Familie«, spöttelt der Aschkenase, der mit sefardischem Herzen fühlt.

kosmopolit So ist er auch oft unterwegs zu sefardischen Stätten in der Karibik und Lateinamerika. Studemund-Halévy ist Kosmopolit, schon von seiner Herkunft her. Die Mutter ist Französin, der Vater deutsch-französisch, geboren wurde er in Aserbeidschan, studiert hat er in Bukarest, Lausanne, Lissabon, Perugia und Hamburg.

Als Student setzte er sich manchmal einfach in den Zug, fuhr in die nächste Stadt und schrieb sich an deren Uni ein. Seine Muttersprache ist Französisch, seine Herzenssprache Portugiesisch. Und dann sind da noch Deutsch, Hebräisch, Italienisch, Spanisch und Englisch. »Ich möchte Bücher in der Originalsprache lesen und mich in anderen Sprachen unterhalten können«, sagt der Vielbelesene und -schreibende.

Spenden Der Friedhof Königstraße ist nicht nur der größte jüdische Friedhof Hamburgs. Sein sefardischer Teil ist der größte portugiesische Friedhof in Nordeuropa. Mit viel Spendengeld und noch mehr Engagement trieb Studemund-Halévy die Restaurierung des Friedhofs als Gedächtnis der Hamburger Juden voran, gemeinsam mit Ina Lorenz vom IGDJ und der Hamburger Denkmalpflege.

»Die Sarkophagsteine lagen auf circa 40 Zentimeter gemauerten Sockeln«, sagt der Grabstein-Spezialist und zeigt auf Quader mit einem spitzen Dach, die direkt auf der Erde liegen. Es sind pittoreske Steine, ebenso wie die mit den Totenköpfen, von denen einer die Besucher am Eingang zum Friedhof von einer hohen Stele herab begrüßt und ins Eduard-Duckesz-Haus einlädt. Nach dem Klausrabbiner, Historiker und Genealogen benannte die Jüdische Gemeinde Hamburg das kleine Besucherzentrum des Friedhofs. Eduard Duckesz wurde am 6. März 1944 in Auschwitz ermordet.

Weltkulturerbe Eines aber plagt Michael Studemund-Halévy, wenn er über »seinen« Friedhof geht. Seit 30 Jahren kämpft er darum, dass der Friedhof Königstraße in die Weltkulturerbeliste der UNESCO aufgenommen wird. Im Juli kam dann das Aus. Viel scheint schiefgelaufen. Michael Studemund-Halévy wollte den Weltkulturerbe-Antrag gemeinsam mit dem jüdisch-sefardischen Friedhof Surinam stellen, weil er meinte, dass dies die Chancen erhöht hätte.

Der Hamburger Senat aber bestand auf einen Hamburger Alleingang. Trotzdem schienen die Chancen bestens. Doch dann forderte die UNESCO, dass am Friedhof eine Synagoge gebaut werden solle. Hamburg bekam kalte Füße und Michael Studemund-Halévy eine E-Mail: Hamburg zieht den Antrag zurück. »Zwei Tage vorher wurde mir noch zuversichtlich gesagt, wir kämpfen dafür«, sagt Studemund-Halévy, und die Enttäuschung ist ihm anzusehen.

Jetzt will sich die Stadt mit mehreren Städten, die ebenfalls sefardische Friedhöfe haben, für eine Bewerbung zusammenschließen. Experten des Weltdenkmalrats Icomos waren der Meinung, dass die Geschichte der sefardischen Juden nicht allein über die Grabmalkunst widergespiegelt werden könne. Eine neue Kandidatur aber kann erst 2025 eingereicht werden. Mit auf der Bewerbungsliste könnten die Friedhöfe in Amsterdam, Barbados, Curacao und Surinam stehen.

Der Docteur ès lettres Michael Studemund-Halévy geht also wieder auf Reisen für »seinen« Friedhof. Und für »seine« Rachel und ihre Zwillingsschwester auf Curacao.

Michael Studemund-Halévy und Gaby Zürn: »Zerstört die Erinnerung nicht. Der Jüdische Friedhof Königstraße in Hamburg«. Dölling und Galitz, Hamburg 2010 (3. Auflage), 224 S.,18 €

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