Köln

Pläne, Pflichten und Probleme

Im Gespräch: Kölns Rabbiner Yechiel Brukner, Vorstandsmitglied und Vizepräsidente des Zentralrats, Abraham Lehrer, sowie NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (v.l.) Foto: Hoensbroech

In den vergangenen Jahren haben die jüdischen Gemeinden in Nordrhein-Westfalen (NRW) eine sehr positive Entwicklung genommen. Die Zuwanderung von Juden aus der ehemaligen GUS ließ die Mitgliederzahlen explodieren. Ihre Integration insbesondere auch in die Synagogen-Gemeinde Köln (SGK) ist gelungen. Im Kölner Stadtteil Chorweiler konnte ein jüdisches Begegnungszentrum errichtet werden. Zudem wurde unter der vormaligen NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft ein neuer Staatsvertrag mit den jüdischen Gemeinden unterzeichnet. Ein jüdisches Gymnasium scheint realisierbar.

Schöne Aussichten, die SGK-Vorstandsmitglied Abraham Lehrer in seiner Begrüßungsansprache beim Jahresempfang der Gemeinde beschrieb. »Man könnte meinen, die Juden leben im Garten Eden«, leitete Lehrer den radikalen Wechsel seiner Ausführungen ein und fügte hinzu: »Wir wissen, dass das nicht so ist.«

Echo Wenige Stunden, nachdem die Bundesregierung den lange geforderten Antisemitismusbeauftragten benannt hatte, erinnerte Lehrer daran: »Offen geäußerter Antisemitismus, auch in Köln, macht jüdisches Leben immer problematischer.« Der Zentralratsvize zitierte Umfragen, nach denen etwa 20 Prozent der Deutschen antisemitisches Gedankengut in sich tragen, er verwies auf die immer offener geäußerte Hetze gegen Juden in den sozialen Netzwerken sowie in antijüdischen Zuschriften und sprach auch die Debatte um den Musikpreis Echo an. »Früher hätte diese Gesellschaft dies nicht akzeptiert. Ich will mir nicht ausmalen, was – salopp formuliert – abgehen würde, wenn es einen Fall Mireille Knoll bei uns gegeben hätte.«

»Die SGK will Dank sagen«, so Lehrer weiter, »und Positives wie Negatives aus Sicht eines vollwertigen Mitglieds der Stadtgesellschaft ansprechen«, die prominent und zahlreich vertreten war, unter anderem mit der Oberbürgermeisterin Henriette Reker, Vertretern der Landesregierung, des Bundes- und des Landtags sowie des Stadtrats, der christlichen Kirchen, Institutionen und Unternehmen, dem stellvertretenden Vorsitzenden des türkischen Moscheeverbands Ditib, Ahmet Dílek, und dem Polizeipräsidenten Uwe Jacob. Rund 300 Gäste waren der Einladung in die Roonstraße gefolgt, unter ihnen auch der Kulturattaché der israelischen Botschaft, Tsach Saar.

An NRW-Ministerpräsident Armin Laschet gewandt, sprach sich Lehrer für einen Antisemitismusbeauftragten für Nordrhein-Westfalen aus. Dessen Erkenntnisse könnten zielgerichtet Präventionsmaßnahmen ermöglichen. »Es reicht nicht aus, unsere Werte in einem Kurs zu vermitteln.« Laschet ging darauf zwar nicht direkt ein, kündigte aber an, dass die Schulministerin auf den zunehmenden Antisemitismus in Schulen reagieren und in Dienstbesprechungen dafür sensibilisieren wolle.

Alarmsignal Die 240 antisemitischen Straftaten im vergangenen Jahr nannte Laschet ein »Alarmsignal«. Er konstatierte, dass es zwar durch den Zuzug von Flüchtlingen auch zu einer neuen Form des Antisemitismus gekommen sei, stellte aber zugleich klar: »Es ist absurd, zu glauben, dass die deutsche Gesellschaft vor den Flüchtlingen frei von Antisemitismus gewesen ist.« Er will den Jugendaustausch mit Israel intensivieren und versprach sehr emphatisch: »Wir werden alles tun, damit jüdisches Leben in Nordrhein-Westfalen gelingen kann – und ich hoffe, dass wir einmal eine solche Feier haben, ohne dass die Polizei vor der Tür steht.«

Oberbürgermeisterin Henriette Reker zeigte sich erfreut darüber, dass in ihrer Stadt »lebendiges jüdisches Leben stattfindet und gestaltet wird«. Die Beziehungen zwischen Stadtgesellschaft und Menschen jüdischen Glaubens seien sehr intensiv. »Umso mehr treffen mich Berichte über antisemitische Hetze und Übergriffe, auch in Köln.« Reker nutzte die Gelegenheit, um einen deutlichen Akzent in der Diskussion um die Rentenanpassung für Kontingentflüchtlinge zu setzen: »Viele von ihnen sind Nachfahren der im Mittelalter nach Osteuropa ausgewanderten Juden. Deren Ungleichbehandlung bei der Rente im Vergleich zu den Spätaussiedlern hat keinen Platz.«

Städtepartnerschaft Sie sei überzeugt, dass die Stadt und ihre Bürger die Pflicht erfüllen werden, »gegen Antisemitismus eindeutig Stellung zu beziehen«. Neben der Städtepartnerschaft mit Tel Aviv und der Arbeit des Kölner NS-Dokumentationszentrums nannte Reker die Fortschritte mit dem MiQua, dem im Bau befindlichen Jüdischen Museum. »Damit wird jüdische Geschichte wieder dorthin gerückt, wo sie hingehört: in die Mitte unserer Stadt.«

Das jüdische Gymnasium werde darüber hinaus die vielfältige Kölner Schullandschaft bereichern. Nicht zuletzt seien zahlreiche, auch private Initiativen und Bildungseinrichtungen zu nennen, die sich um jüdische Geschichte und Repräsentanten in dieser Stadt kümmern. Ihr Resümee: »Nur durch die Vermittlung dessen, was unter welchen Bedingungen geschehen konnte, können wir die Erkenntnisse aus der Vergangenheit in die Gegenwart übertragen.«

 

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