Hamburg

Erforscht, katalogisiert und touristisch erschlossen

Weltkulturerbewürdig: 8.500 Grabsteine und Steinfragmente gibt es auf dem Altonaer Friedhof. Foto: Gesche M. Cordes

Er hat etwas, von dem andere nur träumen können: Seit mehr als 100 Jahren wird dieser Friedhof von Judaisten, Historikern, Linguisten und Kunsthistorikern erforscht. Jährlich besuchen ihn 10.000 Gäste aus dem In- und Ausland. Sein Steinbestand wurde wissenschaftlich fotografisch und epigrafisch dokumentiert. Mit der Einweihung des Eduard-Duckesz-Hauses 2007 wurde der Jüdische Friedhof Altona zur anerkannten und kulturtouristisch erschlossenen Sehenswürdigkeit.

Er ist der älteste jüdische Friedhof in Hamburg und der älteste portugiesisch-jüdische Friedhof in Nordwesteuropa. Mit seinen über 8.500 Steinen und Steinfragmenten, darunter 1.600 Portugiesensteine und über 6.500 aschkenasische Steine, versammelt er auf fast zwei Hektar Fläche die wohl größte Anzahl frühneuzeitlicher jüdischer Grabmale in Deutschland.

Geburtstag Dieses Kulturerbe Hamburgs, lange Zeit gefährdet durch staatliches Desinteresse, Verwüstungen, Vandalismus und zum Teil irreparable Umweltschäden, feierte am 31. Mai in Anwesenheit des Ersten Bürgermeisters Hamburgs, Olaf Scholz, Vertretern der jüdischen Gemeinde, Wissenschaftlern aus Israel, den USA, Frankreich, Belgien, Ungarn und der Slowakei sowie interessierten Hamburger Bürgern standesgemäß seinen 400. Geburtstag.

Der große Korpus der jüdisch-deutschen Inschriften bietet »ein einzigartiges Grundlagenmaterial für Biografik und Prosopografie, Lokal- und Familiengeschichte«, urteilt der Duisburger Judaist Michael Brocke. Die sefardischen Gräber sind nicht nur aufgrund ihrer religiösen und nichtreligiösen Symbole interessant, sondern auch wegen der großartigen Umsetzung biblischer Themen in packende Bildszenen sowie in der kunstvollen Kombination der Symbole, der Bilder und der Sprachen.

Grabkunst Auf den sefardischen Steinen entfaltet sich im 17. und 18. Jahrhundert eine Fülle von Motiven, die auf dem ersten Blick für die jüdische Kunst nicht charakteristisch sind und große Ähnlichkeit mit der zeitgenössischen christlichen Kunst aufweisen. Biblische Bildergeschichten bilden die zuallererst ins Auge fallende Besonderheit dieser Grabsteine. Die Einzigartigkeit der jüdisch-portugiesischen Grabkunst zeigt sich vor allem in der Darstellung von Menschen- und Tiergestalten.

Dieser Friedhof will Weltkulturerbe sein. Seit mehr als drei Jahrzehnten haben das Institut für die Geschichte der deutschen Juden (Hamburg), das Ludwig-Steinheim-Institut (Duisburg) und das Hamburger Denkmalschutzamt alle notwendigen Voraussetzungen für den Antrag geschaffen. Unterstützt wurden sie dabei von der Stadt Hamburg, der Hermann-Reemtsma-Stiftung und der ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius.

Ähnlichkeiten Den Weltkulturerbeantrag wird Hamburg nicht allein stellen: Gedacht ist an eine Bewerbung mit dem südamerikanischen Staat Surinam, dessen Friedhöfe große Ähnlichkeiten mit dem Hamburger aufweisen. Surinams Friedhöfe stehen zusammen mit der Joodensavanne schon auf der Vorschlagsliste der UNESCO.

Mit einer Ausstellung zur Geschichte und einem Festvortrag zur historischen Topografie dieses Friedhofs und einem internationalen Symposium über jüdische Friedhöfe als Weltkulturerbe am 31. Mai und am 1. Juni erinnerte Hamburg an seinen Friedhof, der von denen angelegt wurde, die als Emigranten von der iberischen Halbinsel und später aus Mittel- und Osteuropa an der Elbe und Alster eine neue Heimat fanden.

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