Boris Schulman

Dieses Jahr ist Jom Haschoa anders

Boris Schulman lebt in Frankfurt Foto: privat

Boris Schulman

Dieses Jahr ist Jom Haschoa anders

Zum Tag des Gedenkens an die Schoah reflektiert unser Autor die Bedeutung des Heimatbegriffs in Bezug auf Deutschland und Israel

von Boris Schulman  07.05.2024 09:39 Uhr

79 Jahre nach dem Holocaust sind die Parallelen noch nie so stark gewesen wie jetzt.

»Nie wieder« hat dieses Jahr eine andere, eine neue, eine verstärkte Bedeutung. Am 7. Oktober erlebten wir das größte Massaker an Juden seit dem Ende des 2. Weltkrieges. Und daraus resultierend die größte weltweite antisemitische Welle, die es für die Nachkriegsgeneration gegeben hat. Wir holen wieder die sprichwörtlich »gepackten Koffer« raus, auf denen die Großeltern und Eltern saßen, und überlegen, wann für uns die rote Linie erreicht ist, um zu gehen. Wann ist die Gefahr für uns Juden in der Diaspora groß genug, um zu sagen: »Es reicht - ich muss das Land verlassen«?

Wie auch damals überlegen wir Juden, ob wir noch bleiben können - auch wenn mittlerweile auf den Straßen offen gegen Juden gehetzt wird, Gebäude mit Hakenkreuzen beschmiert werden, der Polizeischutz vor den jüdischen Einrichtungen erhöht wird und wir das Jüdischsein nicht mehr selbstverständlich offen zeigen können, ohne einer Gefahr ausgesetzt zu sein.

Wann ist heute die rote Linie überschritten?
Sind wir nicht schon einen Schritt weiter?

Ich sage: Nein!
Wir Juden sind selbstbewusst, weil wir einen Staat Israel hinter uns haben, der uns Sicherheit bietet und wir aus der Geschichte gelernt haben. Wir werden nicht schweigen und alles hinnehmen. Wir werden für das jüdische Leben in Deutschland weiter unsere Stimme erheben und uns gegen jede Form von Antisemitismus wehren und selbstverständlich mit vollem Stolz und Überzeugung für Israel einstehen. Denn Israel ist nicht nur das Land, in dessen Richtung wir beten - Israel ist unsere Heimat!

An Jom Haschoa gedenken wir der sechs Millionen ermordeten Juden. Gleichzeitig steht es aber auch als Zeichen der Mahnung, nicht zu schweigen und nicht nur zuzusehen, wenn Unrecht passiert. Das gilt für Juden, aber eben auch für die schweigende nichtjüdische Mehrheit. Und die ist leider aktuell in Deutschland erschreckend groß - genau wie damals. Eine ernüchternde Erkenntnis, jetzt in einer neuen Realität zu leben, wo die naive Vorstellung von Integration und voller gesellschaftlicher Akzeptanz ein schöner Traum gewesen zu sein scheint, aus dem wir Juden nun mit voller Wucht aufwachen.

Dennoch gilt, dass wir nie wieder schweigen sollten! Nie wieder dürfen Antisemiten und Rassisten erst die Straßen und dann das Parlament erobern. »Nie wieder« ist jetzt und hier, aber doch anders.

Wir gedenken der sechs Millionen ermordeten Juden, sowie der Opfer des Terrors vom 7. Oktober 2023 und der immer noch verbliebenen Geiseln in der Hölle der Hamas. Wir beten dafür, dass wir sie bald wieder gesund im Kreise ihrer Familie sehen können und die IDF Soldaten nach erfolgreicher Operation ebenfalls gesund nach Hause kommen.

Der Autor ist Mitglied der Jüdischen Gemeinde Frankfurt am Main.

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