Auszeichnung

Die Brückenbauer

Mit Standing Ovations gratulierten die Gäste im Kaisersaal der Münchner Residenz am vergangenen Donnerstag den Empfängern des Simon-Snopkowski-Ehrenpreises 2012, Bernhard und Hans-Jochen Vogel. Die Brüder wurden für ihre Verdienste um die deutsch-jüdische Verständigung, die Demokratie und ihr Eintreten gegen Rechtsextremismus geehrt.

Die Überreichung der Auszeichnung war Höhepunkt der Feier, mit der Schüler alle zwei Jahre für herausragende Leistungen bei der Beschäftigung mit jüdischer Geschichte ausgezeichnet werden. Der erstmals 2006 verliehene Preis erinnert an den langjährigen Präsidenten des Landesverbandes der Israelitischen Kultusgemeinden in Bayern, Simon Snopkowski sel. A. Dieser hatte sich stets für die Erinnerung an die Opfer der Schoa eingesetzt und sich zusammen mit seiner Frau, Ilse Ruth Snopkowski, die Förderung jüdischer Kultur und Tradition zur Aufgabe gemacht.

Motivation »Unser Anliegen ist es, nicht nur Geleistetes anzuerkennen«, unterstrich Snopkowski in ihrer Begrüßungsrede. Ziel sei es, »insbesondere junge Menschen zu motivieren, sich mit der gemeinsamen Geschichte zu beschäftigen, sie müssen Eigenverantwortung lernen und sich eine eigene Meinung bilden können. Die Schule muss ein Lernort von Geschichte und nicht nur Computer-Institut sein.«

Wie gut sich beides verbinden lässt, wurde bei den ausgezeichneten Projekten deutlich, insbesondere bei dem des Gymnasiums Marktbreit in Unterfranken. Die Schüler hatten ein zu Scheune und Lagerraum verkommenes Synagogengebäude entdeckt. Ein computersimuliertes Modell, das das Gotteshaus detailgetreu rekonstruiert, entstand nach langen Recherchen.

Ein weiterer zweiter Preis ging an das Gymnasium Neutraubling. Die Schüler hatten sich mit der Geschichte des Flossenbürger Außenlagers Obertraubling befasst. Das Ergebnis: eine Veröffentlichung unter dem Titel Wenn der Krieg um 11 Uhr aus ist, seid Ihr um 10 Uhr alle tot. Aus der Gedenkstätte Yad Vashem kam die Anregung, das Buch auch in englischer Übersetzung herauszubringen.

Der erste Preis ging an die Realschule am Judenstein in Regensburg. Ein in die Schulwand eingemauerter Stein, wohl von einem jüdischen Friedhof, regte die Schüler zu vielfältigen Recherchen an. Dabei entstand der Band Alles koscher?! – Jüdisches Leben in Regensburg. Das Ziel: einen Diskurs über ein integratives Miteinander in Regensburg voranzubringen.

Plädoyer Mit einem Sonderpreis bedacht wurden Fabian und Oliver Mehling. Sie setzten die Vorgänge um einen Auftritt des Moskauer Jüdischen Theaters »Habima« 1930 in Würzburg am Computer so um, dass daraus ein eindringliches Plädoyer gegen Antisemitismus entstand.

Festredner an diesem Abend war der Schirmherr der Veranstaltung, Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer. Er erinnerte an ein Motto von Simon Snopkowski: »Zuversicht trotz allem!« Diese Einstellung habe er immer wieder bei Schoa-Überlebenden bemerkt, so Seehofer. Den Preis bezeichnete er als Gedächtnis und Brückenbau für ein jüdisch-christliches Verständnis. »Die große Beteiligung zeigt: Die Jugend will von der Vergangenheit lernen, will einstehen für Freiheit und Demokratie.« Das Bemühen um Mitmenschlichkeit und der unermüdliche Einsatz gegen Antisemitismus seien die herausragenden Eigenschaften der Ehrenpreisträger Bernhard und Hans-Jochen Vogel.

Die Laudatio auf die Brüder hielt Heinrich Oberreuter, der ehemalige Direktor der Akademie für Politische Bildung Tutzing. Was auch immer den früheren CDU-Ministerpräsidenten von Rheinland-Pfalz und später Thüringen, Bernhard Vogel, sowie den Münchner Alt-Oberbürgermeister und ehemaligen Bundesjustizminister Hans-Jochen Vogel (SPD) unterscheiden mag, so Oberreuter, »in ihrer Einstellung zu den heutigen jüdischen Mitbürgern und zu dem Schrecklichen, was Juden in der Vergangenheit geschehen ist, sind sie einer Meinung. Sie unterscheiden sich auch nicht in den Konsequenzen, die sie daraus in ihrer politischen Verantwortung gezogen haben.«

ehrlichkeit Beide lebten und handelten aus der Überzeugung, dass ohne Moral und Recht Staat und Politik nicht zu rechtfertigen sind, lobte Oberreuter. Was die Brüder zudem auszeichne, »ist die Ehrlichkeit des Erinnerns – und dass sie diesem Erinnern eine Zukunftsdimension verleihen: Aus dem Erinnern soll Orientierung entstehen für die nachwachsende Generation. Denn sie trägt Verantwortung, dass sich solches niemals wiederholt.« Dies sei Bernhards Motto. »Nie wieder! Nicht noch einmal« ist das von Hans-Jochen Vogel.

In ihrer Erwiderung verbanden beide den Dank für die Auszeichnung mit einer lebendigen Erinnerung an Simon Snopkowski. Die Begegnung mit Zeitzeugen wie Präsidentin Charlotte Knobloch und Max Mannheimer, die beide unter den Gästen waren, sei ihnen wichtig. Der Präsidentin gratulierten sie schon im Vorfeld zu ihrem Geburtstag und beantworteten mit Blick auf die Beschneidungsdebatte Knoblochs Frage, ob Juden in Deutschland noch erwünscht seien, mit einem klaren Ja.

Auch hier zeigte sich die gemeinsame Linie der Brüder. Bernhard Vogel schloss seine Rede mit den Worten: »Diese klare Zusage ist ein kleines Beispiel, dass wir in dem Versuch, unserem Vaterland zu dienen, uns gegenseitig nicht zu überzeugen brauchen. Ein herzliches Dankeschön und ein herzliches Schalom!« Hans-Jochen Vogel wandte sich mit einer von Applaus bestätigten Aufforderung an Charlotte Knobloch: »Bleiben Sie, lassen Sie uns gemeinsam den Weg fortsetzen, den wir gemeinsam erfolgreich bis heute gegangen sind. Schalom!«

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