Musik

Der Hyperaktive

Kommt aus der israelischen Wüstenstadt Beer Sheva: Omer Meir Wellber (41) Foto: picture alliance/dpa

Als das von allen Talenten rätselhafteste, wunderbarste und immer wieder überwältigende erscheint (jedenfalls dem musikbegeisterten Nicht-Musiker) die Fähigkeit, allein durch Klang das Wesentliche der menschlichen Existenz zu vermitteln und zu übertragen. Sie erlaubt dem unbedarften Zuhörer, für die Dauer eines Lieds, eines Konzerts oder eines Opernabends über alle Raum- und Zeitschranken hinweg in die grandiose Gefühlswelt eines manchmal längst verstorbenen Schöpfers einzutauchen.

Ein Talent, das ebenso angeboren sein wie ausgebildet werden muss, weswegen denn große Musiker oft aus musikalischen Familien stammen, wo sie früh gefördert werden – Typ »Mozart«. Doch daneben gibt es immer wieder die »Solitäre«, in denen der Impuls zur Musik derart ausgeprägt ist, dass sie alle äußerlichen Hindernisse überwinden und sich das nötige Rüstzeug für die Ausbildung des eigenen Talents selbstständig als unmündiges Kind verschaffen – Typ »Händel«.

Wellber spricht fünf Sprachen: Hebräisch, Russisch, Englisch, ausgezeichnet Italienisch und ein sehr flüssiges, Talkshow-fähiges Deutsch.

Ein solcher Solitär wird nun von 2025 an, wie es offiziell auf Deutsch heißt, als »Generalmusikdirektor« (GMD) der Staatsoper Hamburg und des Philharmonischen Staatsorchesters Hamburg amtieren, bei dem bereits Tschaikowski und Gustav Mahler ihre eigenen Symphonien dirigiert haben. Der neue GMD heißt Omer Meir Wellber und kommt aus Beer Sheva, Israel. Und damit, um ihn zu zitieren, aus der »Wüste«, der gleißend heißen Leere, wo man sich alles selbst schaffen müsse.

KOMPOSITIONSUNTERRICHT Er habe sich mit fünf Jahren das erste kleine Elek­troklavier gewünscht, sei dann zum Akkordeon übergegangen – das er heute noch auf einer für ihn geschaffenen Sonderanfertigung konzertreif spielt –, von dem es dann zum Klavier und zur Geige weiterging. Er sei ein »hyperaktives Kind« gewesen und dies in gewissem Sinne bis heute geblieben.

Das bereits im Primarschulalter Kompositionsunterricht anfordert und bekommt – von einer Lehrerin namens Tania Taler, die ihm die Grundlagen seiner Kunst vermittelt, indem sie ihn Beethoven-Sonaten nach Gehör niederschreiben lässt, eine Fertigkeit, die er, wie er stolz sagt, heute noch beherrscht.

Sein nächster Lehrer wird der in Ben Gurions Kibbuz Sde Boker wohnende Komponist Michael Wolpe, zu dem der Noch-nicht-Teenager jede Woche 40 Minuten mit dem Bus hin- und wieder zurückfährt, die zwei Kilometer Fußmarsch von der Bushaltestelle zum Kibbuz nicht eingerechnet.

sonderbegabung Es spricht für das Land Israel, dass eine musikalische Sonderbegabung wie Omer Meir Wellber auch abseits der großen Kulturzentren die Lehrer finden kann, die er zur Ausbildung seines außergewöhnlichen Talents braucht – Kenntnisse, die ihn dann nach Jerusalem führen, wo er mit dem nun für ihn zuständigen Kompositionslehrer nicht besonders gut zurechtkommt, während es mit dem Dirigier-Lehrer (ein Fach, für das er sich zunächst nicht besonders interessiert) bestens klappt.

Eins kommt zum anderen; er dirigiert zunächst kleinere und bald größere israelische Orchester, ein Tätigkeitsfeld, das sich 2005 um eine wichtige Kategorie erweitert: die Oper. Bei deren musikalischer Leitung die Anforderungen über das reine »Dirigieren« hinausgehen – einerseits, weil szenische Gegebenheiten und Lösungen mit interpretiert werden wollen, anderseits, weil abendlich auf wechselnde stimmliche Befindlichkeiten, Probleme und Möglichkeiten der jeweiligen Sänger und Musiker, kurz: auf die alltäglichen Probleme des Opernbetriebs, eingegangen werden muss.

Was er so gut beherrscht, dass er für ein Aida-Dirigat nach Italien, nach Padua, gerufen wird – worauf ihn eine italienische Musikzeitschrift als »Entdeckung des Jahres« feiert.

2008 holte ihn Daniel Barenboim als seinen persönlichen Assistenten nach Berlin.

2008 holt ihn Barenboim als persönlichen Assistenten nach Berlin; ein Erlebnis, das Wellber als persönlichkeitsprägend bezeichnet. Er sei bis dahin davon ausgegangen, dass seine eigene 24-stündige Auseinandersetzung mit Musik nicht zu überbieten sei – nur um zu erfahren, dass der Tag Barenboims 27 Stunden habe. Ja, er geht so weit zu behaupten, erst durch die Zusammenarbeit mit dem Maestro zu einem wirklichen Musiker geworden zu sein.

karriere Und Barenboim ist es denn auch, der die Dresdner Oper auf seinen jungen Assistenten hinweist, als dort ein Dirigent der selten gespielten Daphne von Richard Strauss abspringt. Wellber erzählt, wie er sich die Partitur der ihm unbekannten Oper noch am selben Dienstagabend in einem bis 23 Uhr geöffneten Kulturkaufhaus besorgt habe – um dann am Donnerstagmorgen in Dresden zur ersten Probe anzutreten. Es ist der Beginn einer langen musikalischen Freundschaft, die bis heute andauert, und einer Karriere, die ihn ebenso ins sizilianische Palermo, ans Teatro Massimo, wie zum BBC-Orchester nach London, an die Volksoper Wien und nun eben nach Hamburg geführt hat.

»Hyperaktiv« ist Omer Meir Wellber bis heute geblieben; er spricht fünf Sprachen, Hebräisch, Russisch, Englisch, ausgezeichnet Italienisch und ein sehr flüssiges, Talkshow-fähiges Deutsch, wobei er »Sprachenlernen« als sein Hobby bezeichnet (Russisch lernt er bei einer Petersburger Sprachschule über Skype).

Er sieht sich gehalten, das ihn künstlerisch und menschlich bewegende Dirigat der drei Da-Ponte-Opern in Dresden durch eine genaue Analyse von deren musikalischem Aufbau und inneren Zusammenhängen zu belegen – in Buchform, mit für Laien verblüffenden Einsichten über den unterschiedlichen Charakter der Ton- und Taktarten (Dreivierteltakt für die niederen Stände, Vierviertel für Tragik), verbunden mit einem nachdrücklichen Hinweis auf Lorenzo Da Pontes jüdische Herkunft.

ROMAN Ja, er verfasst sogar einen Roman, die in Ich-Form erzählte Geschichte eines Schoa-Überlebenden aus Ungarn, den die eigene Überlebensschuld beziehungsunfähig macht: »Bei uns in der Familie hat der Holocaust keine Menschen ermordet, sondern Freundschaften.« All dies formal anspruchsvoll strukturiert, indem, wie bei einer musikalischen Komposition, thematisch passende Vorgänge im Sinne einer Zeitschichtentorte ohne Vorwarnung aneinander geschnitten werden.

Wellber berichtet von einer ihn tief prägenden Freundschaft mit einer ungarischen Schoa-Überlebenden, der er als Jugendlicher bei einer Auschwitz-Reise begegnete und der er auch ein Bratschenkonzert gewidmet hat, das auf den Grundtönen ihrer in Notenwerte übertragenen fünfstelligen KZ-Nummer beruht.

Eine Musikerkarriere, die aus der israelischen Provinz auf die Höhen des internationalen Musikbetriebs führt, in einer Wüstenwanderung, die in Beer Sheva begann, von da aus nach Jerusalem, Padua, Palermo, Dresden, London und Wien weiterzog, und die deren Protagonisten nun 2025 als Nachfolger von Kent Nagano nach Hamburg bringen wird – als große Bereicherung der dortigen Kulturszene wie von uns allen.

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